Die Kutsche des Königs ist bei der Ausstellung zum 100. Todestag von Wilhelm II. im Stadtpalais ausgestellt worden. Foto: /Eselsmühle

Ein wertvolles Dokument der Landesgeschichte befindet sich im Besitz der Eselsmühle. Wie kam die Kutsche von König Wilhelm II. ins Siebenmühlental? Das Gefährt stand nicht im abgebrannten Gebäude. Ein Blick zurück auf die Geschichte des Ausflugsziels.

Es gab eine Zeit, da waren Mehlsäcke mehr wert als Brillanten. Nach dem Zweiten Weltkrieg konnte die ehemalige Königin Charlotte ihre Familie und ihre Bediensteten, die seit Ende der Monarchie im Schloss Bebenhausen lebte, nicht mit Brot versorgen. Also kam die letzte Königin von Württemberg im Jahr 1946 auf eine gute Idee. Die Kutsche ihres 1921 verstorbenen Mannes Wilhelm II. hatte ausgedient. Die zweite Frau des Monarchen ließ deshalb das einstige Machtsymbol auf Rädern in der Eselsmühle gegen drei Zentner Mehl eintauschen. So gelang es ihr, dass man in Bebenhausen wieder Brot backen konnte.

 

Am 9. November 1918 hatten Revolutionäre das Wilhelmspalais, den Stuttgarter Wohnsitz des Königs, gestürmt und die rote Fahne gehisst. Das Königspaar floh nach Bebenhausen – und nahm einige Wertsachen mit. Seit dem 15. Jahrhundert ist in der Eselsmühle Mehl gemahlen worden. Seit 1946 steht die Königskutsche in einer Musberger Scheune, wenn diese nicht gerade ausgeliehen wird. Das Stadtpalais hat das Prachtstück aus der Hofwagenfabrik Wilhelm Diem (es handelt sich um ein Landauer Modell KE 83 in der offenen Bauweise) bei seiner großen Ausstellung zum 100. Todestag von König Wilhelm II. im einstigen Wilhelmspalais präsentiert. Dafür war die Kutsche grundlegend saniert worden.

Über 600 Jahre lang klapperte die Mühle am rauschenden Reichenbach

Beim Brand am Montagvormittag ist nur das vordere Restaurantgebäude zerstört worden – nicht aber die hinteren Teile der Areals. Dort steht die Kutsche. Ihr ist also nichts passiert. Die Eventlocation im früheren Kuhstall und eine zweite Küche sind ebenso erhalten geblieben, sodass der gastronomische Betrieb für Festivitäten fortgesetzt werden kann.

Über 600 Jahren lang klapperte das Mühlenrad am rauschenden Reichenbach. Der Ort verdankt seinen Namen den Eseln, die einst das Korn transportieren. 1937 kaufte Rudolf Gmelin die Eselsmühle und baute auf dem Gelände eine Gastronomie und eine Holzofenbäckerei auf. Als Pionier seiner Zeit lag ihm Demeter am Herzen. Diese Idee haben die Generationen nach ihm übernommen. Heute leiten Gmelins Enkel Meinrad Bauer und seine Frau Natalie Barthels den Betrieb. Bis ins Jahr 2004 wurde vor Ort Korn gemahlen.

Nach dem Krieg konnte man in der am Fuß der Musberger Hügel gelegenen Eselsmühle Mehlmarken eintauschen. Bei Rudolf Gmelin häuften sich Hüte, Schuhe und alles, was die Bürgerinnen und Bürger gegen wertvolles Mehl tauschen konnten – und eben sogar die Königskutsche.

Gmelin war Anthroposoph und hatte es in den 50ern schwer. Der Zeitgeist verlangte damals vor allem nach wasserstoffgebleichtes Mehl. Das gehaltvollere, dunklere Mehl, das zwischen den Mühlsteinen der Eselsmühle erzeugt wurde, stand nicht mehr so hoch im Kurs. Später konnte sich die Eselsmühle in ihrer Nische behaupten. Gmelins Sohn ließ die Mühle in den 70er Jahren renovieren und übergab sie seinem Sohn, der die Müller-Tradition an diesem Ort unterbrechen musste. Das Mehl wird aus anderen Mühlen bezogen, aber gebacken wird weiterhin in Musberg.

Das blinde Eselsmädchen Caillou berührt die Herzen

Im Jahr 2020 hat das Eselfohlen Caillou bundesweit die Herzen berührt – denn es kam blind zur Welt. Das Tierkind hatte keinen leichten Start ins Leben und wurde zum Medienstar. Etliche TV-Sender drehten in Musberg. So liebevoll ging das Team der Eselsmühle mit Caillou um, dass mal wieder klar geworden ist: Tiere sind in dieser grünen Oase Familienmitglieder.