Der Stuttgarter Ufa-Palast befand sich über viele Jahre im Metropol-Gebäude, im früheren Bahnhof. Hier ein Foto aus dem Jahr 1947. Foto: Engel

Der Ufa-Palast hat in Stuttgart eine lange Tradition. 1926 wurde ein Kino unter diesem Namen im früheren Bahnhof eröffnet. Jetzt schließt das Ufa-Multiplex-Haus im Norden. Wir blicken zurück auf die Blütezeit der Lichtspielhäuser.

Stuttgart - Gary Cooper, Kirk Douglas, Errol Flynn – sie alle waren persönlich da, nicht nur auf Zelluloid, als es in Stuttgart bereits vor den Lichtspielhäusern großes Kino gab. Üblich war, dass Hollywood-Stars in den 1950ern mit dem Zug kamen, nicht mit dem Flugzeug. Sie feierten Filmpartys, die auf dem roten Teppich begannen und mitunter ins rote Licht führten. Von Errol Flynn ist überliefert, wie er am frühen Morgen die Bar Balzac beim Rathaus mit Hunger verließ. Weil er den Bahnhof kannte, steuerte er ihn an. In der Bar dort servierte Wirt Jonny dem eleganten Frauenhelden sein „Nachtbrot“, wie wir heute wissen. Der Filmstar bedankte sich: „Jonny, du bist mein Freund.“

1953 warb Flynn in Stuttgart für seinen Film „Gegen alle Flaggen“. Im altehrwürdigen Metropol-Bau, in den Teile des früheren Bahnhofs integriert sind und in dem sich über viele Jahrzehnte der Ufa-Palast befand, schrieb er nach der Vorstellung mit schwungvoller Schrift ins Gästebuch: „Thanks Boss and the best to you and your lovely wife“. Er meinte die Pächter Philipp und Martha Metzler (ihr Schwiegersohn war der legendäre Kicker-Präsident Axel Dünnwald-Metzler). Im August 1949 hatte das Paar im ehemaligen Ufa-Palast das Metropol eröffnet, das zur Heimat der Illusionen nach dem Krieg wurde, zur Starbühne von Stuttgart und Württemberg.

Das führende Kino der Stadt befand sich im Marstall-Gebäude

In den Jahrzehnten davor befand sich das führende Lichtspieltheater der Stadt im Marstall-Gebäude an der unteren Königstraße. Über 1200 Plätze verfügte das Kino, das August Daub, ein in vielen Städten tätiger Filmpionier, 1923 eröffnet hat. Im einstigen Pferdestall des Königs lief 1929 etwa der Stummfilm „Die Herrin und der Knecht“.

Rainer Müller schreibt im Facebook-Forum des Stuttgart-Albums: „Vor der Bühne lieferte ein Drei-Mann-Orchester die musikalische Untermalung, wie mir meine Mutter erzählte, die anfangs der 1930er als junges Mädchen in den Palast-Lichtspielen zeitweise als Platzanweiserin arbeitete.“

1803 hatte Friedrich I. den Marstall von der Solitude nahe ans Neue Schloss geholt. Nach Ende der Monarchie wurde der einstige Pferdehof für Geschäfte, ein Kino und ein luxuriöses Hotel umgebaut.

1917 wurde die Ufa mitten im Ersten Weltkrieg gegründet

Für die Neugestaltung des Marstall-Geländes nach dem Krieg sind die Palast-Lichtspiele verdrängt worden. Sie zogen um ins Metropol an der Bolzstraße, um dort – wie schon die 35 Jahre zuvor — die führende Rolle im Filmleben Stuttgarts zu übernehmen. Der Name Ufa-Palast geht auf den 18. Dezember 1917 zurück. Mitten im Ersten Weltkrieg wurde in Berlin von einem Konsortium unter der Leitung des Vorstandsmitglieds der Deutschen Bank, Emil Georg von Stauß, die Universum Film AG (Ufa) gegründet. In immer mehr Städten eröffnete das Unternehmen Lichtspieltheater unter dem Namen Ufa-Kino, so auch in Stuttgart.

1933 wurde die Ufa zur Propagandamaschine der Nationalsozialisten, 1937 ging sie ganz in den Besitz des Staates über. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die Ufa zunächst aufgelöst, 1956 jedoch von einem Bankenkonsortium unter der Führung der Deutschen Bank neu gegründet. 1964 erwarb der Bertelsmann-Verlag die Universum Film AG und die Ufa Theater AG. Dass im Nordbahnhofviertel in Stuttgart an der Fassade des nun geschlossenen Ufa-Palasts das Original-Logo zu sehen ist, liegt daran, dass Heinz Riech 1971 von Bertelsmann die Ufa-Theater AG (damals 35 Kinos) für 43 Millionen D-Mark gekauft hat und fortan unter diesem Namen firmierte. Die Düsseldorfer Familie Riech, die jetzt das Ende des 1996 eröffneten Stuttgarter Filmpalastes verkündet hat, führt das Unternehmen in der dritten Generation – künftig ohne die 13 Säle im Nordbahnhofviertel. Branchenkenner glauben, dass der Abschied nach 24 Jahren nicht nur am Coronavirus liegt.

Als der Ufa-Palast eröffnete, machte das Atrium für immer zu

1996 hat Roman Colm, genau in dem Jahr, in dem der Ufa-Palast mit 4300 Sitzplätzen der Gleisanlagen eröffnet hat, mit dem Atrium das letzte Stuttgarter Kino seiner Familie geschlossen – die Konkurrenz der Multiplexe war ihm zu groß geworden. Nach dem Krieg war sein Großvater Willy Colm einer der Ersten, der von der US-Besatzungsmacht eine begehrte Lizenz für den Kinobetrieb erhielt. Im Alten Waisenhaus an der Planie fing er im Jahr 1946 an, investierte das verdiente Geld in den Erwerb einer Immobilie an der Kronprinzstraße/Ecke Lange Straße. Auf der dortigen Ruine ließ Colm ein fünfstöckiges Geschäftshaus bauen.

1952 hat er darin das Atrium mit 700 Plätzen (samt Balkon) eröffnet. Architekt Hans Kieser gestaltete den Zuschauerraum mit zehnprozentiger Erhöhung. Dieser Saal besaß die größte Leinwand von Stuttgart und spielte als einziges Haus im Mehrkanaltonverfahren. Stars kamen und gingen. Kirk Douglas war da, Luis Trenker mehrfach. Die Tänzerin und Schauspielerin Laya Raki schenkte dem Kinochef 1954 ein für die damalige Zeit freizügiges Foto mit einer Widmung: „Für Herrn Colm. Alles Gute und viel Erfolg. In bester Erinnerung.“

1953 wurden in Stuttgart über neun Millionen Kinokarten verkauft

1953 gab es in Stuttgart 36 Lichtspielhäuser, die in diesem Jahr mehr als neun Millionen Kinokarten verkauften. Laut Statistik ging der Stuttgarter oder die Stuttgarterin in diesem Wirtschaftswunderjahr also 16,4-mal im Jahr. Das Metropol an der Bolzstraße diente auch als Varieté. 1958 ist hier der große Stuttgarter Zauberer Kalanag 39-mal hintereinander aufgetreten – meist war seine Vorstellungen ausverkauft.

Auch in den Vorstädte gab es etliche Kinos, womit die cineastische Nahversorgung gesichert war. Hier liefen die Filme später als in den Innenstädten – mit nicht mehr ganz so frischen Kopien, die rauschten und deren Farben schon etwas verblichen waren. Dafür waren die Preise günstiger, und man musste nicht mit der Straßenbahn in die Stadt fahren.

Roland Emmerich stimmt ein Hoch auf Vorstadtkinos an

So wie heutzutage immer mehr Lebensmittelläden in den Außenbezirken verschwinden, so ist in den 1980ern ein Vorstadtkino nach dem anderen gestorben. Das Gloria in Möhringen hat sich 1984 für immer verabschiedet, mit dem Palette-Filmtheater in Feuerbach war’s 1982 vorbei, die Ostend-Lichtspiele gaben 1980 nach 69 Jahren auf. Bis heute überlebt haben die Kinothek in Obertürkheim mit einem ambitionierten Programm und das Corso in Vaihingen, das sich auf Originalfassungen spezialisiert hat.

Vorstadtkinos waren für viele die erste Begegnung mit den Fantasien des Films. Ohne sein Vorstadtkino in Sindelfingen, in dem er etwa „Schatz am Silbersee“ sah, hat Hollywood-Star Roland Emmerich einmal gesagt, wäre er niemals Regisseur geworden.

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