Das Opernhaus bebt: der damalige Ministerpräsident Lothar Späth (rechts), die damalige Ballettdirektorin Marcia Haydée und der damalige OB Manfred Rommel beim Opernball im Jahr 1988, Foto: Kraufmann

Der legendäre Stuttgarter Opernball kehrt für eine Nacht zurück. Das Interesse ist riesengroß, auch wenn der gesellschaftliche Tanz nur virtuell möglich ist: 1300 Gäste haben sich angemeldet! Wir erinnern mit tollen Fotos an glanzvolle Zeiten.

Stuttgart - Meist brauchen Frauen ein bisschen mehr Zeit als die Männer, um sich auf einen Ball vorzubereiten. Diesmal aber geht’s bei allen etwas schneller. Denn die Friseure haben geschlossen, die sonst auf dem Fahrplan vor gesellschaftlichen Ereignissen ziemlich weit oben stehen. Herausputzen aber werden sich viele Gäste trotzdem, die sich für den virtuellen Opernball im Stuttgarter Opernhaus an diesem Dienstagabend angemeldet haben. Es ist schließlich Faschingsdienstag. Da verkleidet man sich.

„Abendkleid statt Jogginghose, Dancefloor statt Sofa“, so heißt es in der Einladung der Staatsoper, die „einen glamourösen Opernball ins heimische Wohnzimmer“ bringen will. Die Aufforderung lautet: „Werfen Sie sich in Schale, tragen Sie Glitter auf und tanzen Sie mit uns!“ Live von 19.30 Uhr an werden verschiedene Musikstile aus dem Opernhaus gesendet. Und die Zuschauer*innen daheim werden, sofern sie wollen, eingeblendet und sogar beim Tanzen gezeigt. Die schönste Ballkleidung wird prämiert. Ja, das wird ein Spaß!

Bei keiner anderen Online-Veranstaltungen der Oper gab’s so viele Anmeldungen

„Oper trotz Corona“, hieß es schon mehrfach in Stuttgart. Doch bei keiner Online-Veranstaltung zuvor haben sich so viele Menschen angemeldet. Stand 11.30 Uhr waren es 1300 Anmeldungen, wie Sebastian Ebling unserer Zeitung mitteilt, der neue Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Oper. Weiterhin kann man sich kostenlos anmelden. Doch bei 1500 Gästen sind die technischen Möglichkeiten, also zum virtuellen Austausch untereinander, erschöpft. Wer noch dabei sein will, muss sich also sputen. Danach kann man auch ohne Anmeldung streamen, aber sich nicht mehr aktiv daran beteiligen. Das Programm verspricht zahlreiche Höhepunkte, ob mit dem Staatsorchester oder mit dem DJ.

Das riesengroße Interesse, das alle Erwartungen der Veranstalter schon jetzt übertrifft, dürfte auch daran liegen, dass der Opernball vor allem bei den älteren Stuttgarter*innen in allerbester Erinnerung ist. „Ach, war der schön!“, schwärmt die Modedesignerin Lissi Fritzschaft, die früher oft dabei war. „Man hat sich fein gemacht, wunderschöne Menschen getroffen und den besonderen Charme dieses alten Hauses genossen“, berichtet sie, „wen man da alles gesehen hat!“ So einen schönen Ball habe Stuttgart seitdem nicht mehr erlebt. „Da kommt die Liederhalle mit dem Presseball nicht mit“, findet sie.

Wie Brigitte Stephan Weltstar Plácido Domingo zum Opernball holte

Die Stuttgarter Opernbälle – einst mit Fritz Wunderlich – haben im Leben der Kulturmanagerin Brigitte Stephan eine wichtige Rolle gespielt. Sie war über viele Jahr die Persönliche Referentin von Intendant und Staatsrat Wolfgang Gönnenwein und erinnert sich gern: „Schon mit 15 Jahren, als ich in der Statisterie mein Unwesen trieb, war ich dabei.“ Später war sie für die Programmgestaltung verantwortlich. Gleich 1987 erhielt sie den Spezialauftrag, Weltstar Plácido Domingo bei der Eröffnung des Prinzregenten-Theaters in München, wo er Stargast war, als solchen für den Stuttgarter Opernball zu überreden. Zuvor hatte er Generalmusikdirektor Navarro abgesagt.

Mit Hilfe von August Everding und ihrem Mundwerk gelang es Brigitte Stephan schließlich, eine Zusage von Domingo zu erhalten. Die Kulturmanagerin berichtet unserer Zeitung: „Als er dann nach der Balleröffnung des Stuttgarter Balletts in der Mittelloge erschien und von dort die Treppen hinunter, sang er ,Granada’ so hinreißend, dass der Ballsaal tobte und Besucher die Blumen von der Dekoration rissen, um diese auf ihn zu werfen. Marcia Haydée saß mit dem gesamten Ballett, Bravo schreiend, ihm zu Füßen.“ Unvergessen ist auch, wie sie den weltberühmten Clown Popov zum Opernball holte.

Polonaise von Rommel, Späth und Haydée

Da capo – für den Opernball! Nein, nein, nicht nur Wien hat einen. Der letzte reguläre Stuttgarter Opernball hat 1992 im Opernhaus stattgefunden. Zum 50. Geburtstag des Landes im Jahr 2002 gab’s ein Comeback. Trotz hoher Eintrittspreise (150 bis 490 Mark) hatte das gesellschaftliche Top-Ereignis einst für rote Zahlen gesorgt. Beim Opernball 1992 betrug das Defizit 300.000 Mark - ein Jahr später beschloss der Verwaltungsrat, den großen Tanz im Großen Haus, wie es damals noch hieß, „auszusetzen“. Corona bringt ihn uns nun zurück.

Opernball – das war, wenn man beim Flanieren den Promis ganz nah war. Opernball war, wenn OB Manfred Rommel, Ministerpräsident Lothar Späth mit Balldirektorin Marcia Haydée Polonaise im edlen Zwirn getanzt haben. Opernball war, wenn von der Mittelloge eine extra gebaute Showtreppe ins Parkett hinunter führte und das ohnehin prachtvolle Opernhaus mit Tausenden von Frühlingsblumen noch weiter erstrahlte. „So stilvoll feiert selbst München nicht“, lobte Autovermieterin und Society-Lady Ute Sixt, als sie 2002 beim Opernball zum Landesjubiläum nach Stuttgart gereist war. Der aus Berlin angeflogene Konzertveranstalter Peter Schwenkow jubelte in dieser Nacht: „Hab ich’ Stuttgart beim Feiern erwischt! Dachte gar nicht, dass man in dieser Stadt so festlich und fröhlich sein kann.“ Das Motto vom damaligen Moderator und Ballettchef Reid Anderson lautete: „Wir brauchen keine Gaststars - wir haben in Stuttgart genügend Stars.“

Und Eric Gauthier rockte im dritten Rang!

Beim bisher letzten Opernball im Jahr 2002 rockte übrigens Eric Gauthier, damals Solist des Stuttgarter Balletts, im dritten Rang nicht nur für die jüngeren Ballgäste. Wie oft, so ist in unserem Archiv nachzulesen, ist damals der Wunsch geäußert worden, dass der Opernball wieder zu einer regelmäßigen Einrichtung in Stuttgart werden sollte! Jetzt kehrt eine Legende am Faschingsdienstag virtuell zurück. Klicken Sie sich, liebe Leser*innen durch die Bildergalerie! Unser Archiv hat großartige Fotos der früheren Opernbälle herausgesucht.

Diskutieren Sie mit bei unserem Geschichtsprojekt unter www.facebook.com/Album.Stuttgart . Zu unserer Serie sind drei Bücher erschienen. Wer mehr zur Stadtgeschichte erfahren will, kann kostenlos unseren Newsletter „StZ Damals“ abonnieren unter: stzlinx.de/stzdamal s .

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