Grazien der Fünfziger im Mineralbad Berg ließen sich für eine Werbepostkarte fotografieren. Foto: Blankenhorn

Das Paradies der kalten Quellen ist zurück: Das Mineralbad Berg weckt Erinnerungen, weil es nach dem Umbau Vergangenheit mit Zukunft verbindet. Das Stuttgart-Album erzählt Geschichten einer prickelnden Gesundheitsoase.

Stuttgart - Wer den „alten Blankenhorn“ noch kennt, der stets im dunklen Anzug samt weißem Hemd seine Runden am Beckenrand des Mineralbads Berg drehte, kann nicht mehr ganz so jung sein. Seit Kriegsende war der hagere Herr mit nobler Erscheinung Besitzer dieser ganz besonderen Schwimmstätte. 1997 ist er gestorben. Da das „Neuner“, wie dieser Ort mal hieß, besonders gern von älteren, die Gesundheit liebenden Menschen aufgesucht wird, dürften es nicht gerade wenige sein, die den 1905 geborenen Hüter der Quellen persönlich kennen, den König von Berg.

Paul Blankenhorn, so ist überliefert, wies seine Schwimmmeister an, eisern zu kontrollieren, ob Bademützen vorschriftsgemäß getragen werden. Das Gesetz der Kopfdeckung galt selbst für Glatzköpfe, weshalb so mancher Vertreter der haarlosen Männerwelt die Aufsicht am liebsten gelyncht hätte.

Hier trafen sich alle, die Gescheiten wie die Gescheiterten

Die Toleranz des „Alten“ ging so weit, dass der Chef den weiblichen Besucherinnen in den 1970ern das Oben-ohne-Bräunen gerade noch gewährte – aber auf dem Bauch mussten sie dabei liegen. Das Personal hatte drauf zu achten, dass die korrekte Liegelage der nach unten abgedrehten Halb-nackt-Damen stets eingehalten wurde. Nur einmal, erzählt man sich, habe Paul Blankenhorn persönlich ein Hausverbot verhängt – bei einem Mann mit Tanga. So wenig Stoff ums Gemächt ging ihm dann doch zu weit. Manche der Badegäste konnten übrigens in der Badehose nicht nur eigene Körperteile unterbringen – sie führten stets einen Taschenkamm mit sich. Im Berg trafen sich halt Künstler, Zuhälter, die Gescheiten und die Gescheiterten.

Der Kampf des „alten Blankenhorn“ galt nicht nur mützenlosen Gesellen und zu knappen Badehöschen. Anfang der 1990er legte er sich medienwirksam mit der Bundesregierung an. Die neue Badewasserverordnung verlangte eine Chlorung in allen Bädern der Republik – als auch im Bad Berg, in das täglich aus fünf Quellen fünf Millionen Liter kohlesäure- und eisenhaltiges Mineralwasser fließen. Damit erneuert sich das prickelnde Becken alle vier Stunden neu. Wozu also muss Chlor her? Blankenhorn sammelte 5000 Unterschriften für das „beste Wasser“ der Welt. Bonn, damals noch Regierungssitz, knickte ein. Und im Berg konnte alles beim Alten bleiben. An diese Tradition knüpft das Bad nach der vierjährigen Sanierung an. Nach dem Tod des Patriarchen hatte dessen Neffe Ludwig Blankenhorn die Geschäfte übernommen, ehe er das Berg zum Jahreswechsel 2005/2006 an die Stadt verkaufte.

Warum das Bad auch „Neuner“ genannt wird

Warum das Mineralbad von älteren Gästen, die wiederum „Bergianer“ heißen, „Neuner“ genannt wird? Dies liegt an Friedrich Neuner, der im Jahr 1856 das „Bad am königlichen Park“ eröffnet hat. Dieser Ort hatte von Anfang an ein gemauertes Schwimmbecken. Es ist deshalb das älteste bis heute existierende Schwimmbad in Stuttgart.

Im Zweiten Weltkrieg hatten Luftminen drei Krater in das Außenbecken des Außenbecken gerissen. Mit Hilfe von Bohrtürmen mussten die Quellen neu gefasst werden. Gleich nach der Währungsreform eröffnete der „alten Blankenhorn“ das noch schwer beschädigte Bad. Er ließ das Becken einzäunen und setzte an den Eingang eine Kassierin mit einem Teller. So konnte das private Freibad auch ohne staatliche Gelder zur Gesundheitsoase in rastlosen Wirtschaftswunderjahren werden.

Künstler fühlten sich immer angezogen vom Mineralbad Berg

Als am 5. März 1959 der Hallenbad-Neubau samt 50 Stahlwannen feierlich eröffnet wurde, tadelte Generaldirektor Dr. Rütterer, der Präsident des Deutschen Bäderverbandes, den Gemeinderat: „Stuttgart scheint nicht zu wissen, was er hier für ein Kleinod hat. Man möchte der Stadt empfehlen, ihre Fremdenverkehrswerbung mehr auf die Mineralquellen abzustimmen.“

Spötter sagen, bis heute seien die städtischen Werber mineralwasserscheu geblieben. Dagegen fühlten sich Künstler schon immer ganz besonders vom Idyll der kalten Quellen angezogen. Max Ackermann, der das Oberlichtfenster für die Badehalle gestaltet hat, war ebenso Stammgast wie der Schauspieler Willy Reichert. Anfang der 1990er Jahre kam die damals 80-jährige Malerin Dodo Kröner nicht nur zum Schwimmen. Sie skizzierte die Badegäste, um „das Typische am Menschen“ zu erfassen. Auch der Stuttgarter Künstler Jürgen Leippert rückte oft mit der Staffelei an. Nicht satt sehen konnte er sich an den Stimmungsbildern dieses ganz besonderen Gesundheitsbrunnens.

Jetzt geht es wieder los

Einen Bergianer erkennt man daran, dass er wetterunabhängig seine Wasseroase aufsucht. Nicht so wie die Lauwarmduscher, die das Bad im Sommer zum Laufsteg machen, die Liegewiese nach verschiedenen Szenen aufteilen und das Alte supercool finden. Es soll sogar etliche geben, die sich freuen, wenn die Sonne weg ist – dann sind sie wieder unter sich bei den Heiß-und-kalt-Wonnen.

Jetzt geht es wieder los. An keinem anderen Ort der Stadt kann man so schön abtauchen in die Vergangenheit, in den Charme der 1950er, der neu aufgefrischt ganz wunderbar prickelt.

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