Der Stuttgarter Ufa-Palast befand sich über viele Jahre im Metropol-Gebäude, im früheren Bahnhof. Foto: History to go/Lokalteil-Verlag

Filmfans sind geschockt: Das Metropol-Kino schließt Ende des Jahres. Die Torbögen der Fassade stammen vom alten Stuttgarter Bahnhof, in dem sich später der Ufa-Palast befand und nach dem Krieg die Starbühne Württembergs.

Stuttgart - Wer Kalanag die Hand gibt, sollte sofort seine Finger nachzählen, ob nicht einer fehlt. Dieser Rat machte 1958 in Stuttgart die Runde, als der große Zauberer Abend für Abend dauernd etwas verschwinden ließ. 36-mal füllte er hintereinander das Metropol. Im größten Vergnügungspalast Süddeutschlands hieß es über Wochen: ausverkauft!

Das Metropol war nach dem Krieg die neue Heimat für Illusionen. Hier an der Bolzstraße war das Vergnügen ja bereits zu Hause. Aus dem altem Bahnhof mit seinen Rundbögen war 1926 nach der Verlegung der Gleise das Ufa-Lichtspielhaus geworden. Die Bombennächte ließen von der alten Pracht wenig übrig. Nach der Währungsreform 1948 begann der Wiederaufbau, den die städtische Industriehof AG als Besitzerin bezahlte, während das Pächterpaar Martha und Philipp Metzler für die Innenausstattung aufkam.

Die Rechnung des Brillenfabrikanten Metzler ging auf

Die hohen Investitionen galten als höchst umstritten. Im zerstörten Stuttgart, so die Kritiker, werde jede Mark für den Bau neuer Wohnungen benötigt. Das Vergnügen könne warten. Doch die Rechnung des Brillenfabrikanten Metzler ging auf, einen von Kino und Varieté doppelt genutzten Theatersaal mit 1300 Sitzplätzen und zwei wunderschönen Kuppeln zu bauen. Nach dem Krieg war das Verlangen groß, endlich wieder Spaß zu haben.

Schon bei der feierlichen Eröffnung am 1. August 1949 mit der Varieté-Schau „Auf Wiedersehen im Metropol“ und der Premiere des Films „Fabiola“ strömten die Stuttgarter in Massen. So blieb es in den 1950er Jahren, als das Metropol die Starbühne Stuttgarts und Württembergs wurde. Hier spielten die Wiener Philharmoniker, hier tanzte Marika Rökk, hier feierte man eine Filmpremiere nach der anderen, hier blickte man vom Dachcafé des Metropol auf die sich langsam wieder erholende Stadt.

1953 gab es in Stuttgart 36 Lichtspieltheater

Es war die große Zeit der Kinos. Noch hielten nicht Fernsehgeräte die Menschen vom Ausgehen ab. 1953 gab es in Stuttgart 36 Lichtspieltheater, die in diesem Jahr über neun Millionen Kinokarten verkauften. Laut Statistik ging der Stuttgarter damals also 16,4-mal pro Jahr ins Kino - heute nur noch knapp fünfmal.

Später wurde der alte Theatersaal in drei Kinos unterteilt. In den 1950er Jahren hätte er noch viel größer sein können - immer dann, wenn Kalanag kam. Der Stuttgarter mit dem Zivilnamen Helmut Schreiber sah aus wie der nette Bankangestellte. Haarkranz, lustige Augen hinter dicker Brille. Auf die Tricks des Doktors der Wirtschaftswissenschaften haben später Siegfried & Roy oder David Copperfield zurückgegriffen. Mit verbundenen Augen lenkte Schreiber - seinen Künstlernamen verdankte er Kala Nag, der schwarzen Schlange aus Kiplings „Dschungelbuch“ - Autos die Königstraße rauf und runter, als diese noch keine Fußgängerzone war. Auf der Bühne ließ er seine Frau Gloria schweben und Elefanten verschwinden.

In den 1960ern war die große Zeit des Varietés vorbei

Kalanags berühmtester Trick: das Wasser aus Indien. 48.000 Zuschauer, die 1958 in 36 ausverkauften Metropol-Vorstellungen saßen, schafften es nicht, hinter das Geheimnis zu kommen. Sprachlos starrten sie in Kalanags Krug, der unerschöpflich Wasser - oder auch Bier, Wein, Kaffee - spenden konnte, ohne je nachgefüllt zu werden.

1963 ist Kalanag gestorben. Drei Jahre zuvor hatte das Metropol geschlossen. Die große Zeit der Stadtkinos und Varietés war vorbei - vom Fernsehen besiegt. Nun wurde das Metropol als Palast-Kino weitergeführt, das man in den 1970er Jahren mit fünf Sälen verschachtelte. Filmreklame versperrte den Blick auf die Rundbögen des Eingangs.

Keine Einigung mit den Eigentümern des Gebäudes

Kinobesitzer Eberhard Mertz ließ zum Comeback der Metropol-Kinos die alte Pracht wieder erahnen. Im Jahr 2000 wurde eine Kuppel freigelegt, Ufa-Skulpturen sind seitdem zu sehen. Man geht auf einer Steintreppe ohne Linoleum und durch Rundbögen ohne Reklame. Das Metropol wurde zum führenden Kino der Stadt, bei Premieren und Festivals beliebt. Filmfans können es nicht fassen, dass dieser beliebte Ort nun Ende des Jahres schließen wird. Nicht nur an Corona soll dies liegen. Die Betreiber von den Innenstadt Kinos konnten sich mit dem Gebäude-Eigentümer nicht über einen neuen Pachtvertrag einigen. Mit dem Gloria, EM und Cinema machen sie weiter. Das sind sieben Kinosäle, die sich im Besitz der Familie Mertz befinden.

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