Blick auf den Stuttgarter Marktplatz mit dem alten Rathaus in den 1930ern. Foto: Hommel

Als zentraler Ort könnte der Marktplatz der beliebteste Treff in Stuttgart sein. 2021 geht es mit der Umgestaltung eines bisher ungeliebten Platzes endlich los. Wasserfontänen und vieles mehr sind geplant. Wir zeigen, was früher war.

Stuttgart - Die Sehnsucht nach der alten Pracht ist groß. Im Internetforum unseres Stuttgart-Albums werden historische Fotos des Marktplatzes mit großem Eifer diskutiert. Stattliche Fachwerkhäuser mit hohen Giebeln bildeten einst den bürgerlichen Mittelpunkt einer stolzen Stadt. Und heute? Der Vergleich fällt, wie Kommentator Thomas Horn findet, ernüchternd aus: „Es ist sehr traurig, aber Stuttgart hat heute den hässlichsten Marktplatz in ganz Deutschland.“

Dies soll sich endlich ändern. Im Rathaus wurde jetzt der Zeitplan für die Platzsanierung mitgeteilt. 2021 erhält die Baustellen-Metropole Stuttgart mitten in der City – ja, was wohl? Eine Baustelle! Geplant ist, von Februar 2021 den Platz mit Granitsteinen zu pflastern und vor dem Nespresso-Shop Wasserfontänen anzulegen. Zudem sollen neue Bänke installiert werden, „nicht kommerzielle Sitze“. Der historische Marktbrunnen soll auf das Höhenniveau des Platzes angehoben und restauriert werden. Helfen all die Umbaumaßnahmen, dass der als langweilig verschmähte Ort pulsiert und seine geschichtliche Bedeutung zurückerlangt?

Der Marktplatz war ein Parkplatz

1833 ist auf dem Marktplatz, dessen Ursprünge auf 1304 zurückgehen, das Spielwarenfachgeschäft Kurtz eröffnet worden. Heute befindet sich der Eingang zum verkleinerten Traditionsgeschäft an der Sporerstraße. Die Kette mit den Kaffeekapseln übernahm die Pole-Position.

Haufler hat für Generationen das Bild geprägt. 2015 wurde das Schreibwarengeschäft nach über 120 Jahren für immer geschlossen. Die Buchhandlung Osiander zog ein. Der Wunsch vieler, dass Osiander ein Freiluft-Café eröffnet, erfüllte sich nicht. Und auch Breuninger auf der anderen Seite hat derartige Pläne auf Eis gelegt und konzentriert sich auf die Außengastro seines Dorotheen-Quartiers. Auf den Marktplatz-Fotos der 1950er ist zu erkennen, dass es damals noch keine Straßencafés gab. Alexander Michael Horlacher kennt den Grund dafür: „Cafés waren in der Regel im ersten Stock – damit man nicht gesehen wurde beim ,nix schaffa‘.“ Beim Autofahren ließen sich die Menschen schon lieber sehen. Der Marktplatz war ein Parkplatz.

Hotelbunker wird bei der Museumsnacht geöffnet

Im Vergleich zu früher, so wird im Facebook-Forum des Stuttgart-Albums bedauert, ist nach dem Krieg „wenig emotional“ an dieser zentralen Lage gebaut worden. Von „Schlichtheit“ sei die Architektur im Herzen der City geprägt, wo die Entscheidungen im 1956 eröffneten ­Rathaus getroffen werden, so ist zu lesen. Der prachtvolle Vorgängerbau ist von 1901 bis 1905 im Stil der flämischen Spätgotik errichtet worden.

Wie wird der Marktplatz zur „Wohnstube der Stadt“, zum Ort, an dem man sich gern aufhält? Die Bürger wollen mehr, als die Stadt plant. Eine Idee wird immer wieder genannt: Der alte Rathausturm, der noch „rudimentär“ unter der Verkleidung des neuen Rathauses vorhanden ist, sollte freigelegt und originalgetreu restauriert werden, meinen etliche unserer Leser.

Anton Lang schreibt: „Belebt den Marktplatz mit Cafés, sorgt für mehr Grün.“ Markus Maurer kommentiert: „Im Sommer wären schattige Plätze notwendig. Da ist es hier kaum auszuhalten.“ Doch die Stadträte wollen keine neuen Bäume pflanzen. Bei vielen der älteren Kommentatoren des Stuttgart-Albums ist das Bunkerhotel unvergessen, das im Oktober 1985 geschlossen worden ist. Und die Jüngeren freuen sich, wenn sie bei der Langen Nacht der Museen in die Tiefe steigen können. An diesem Samstag ist dies mal wieder möglich, von 19 bis 2 Uhr (der letzte Einlass ist um 1.45 Uhr).

Eintrag ins Gästebuch: „My home is my Bunker“

In dem 1940 erbauten Tiefbunker fand die Bevölkerung im Zweiten Weltkrieg Zuflucht beim Bombenalarm. Auf einer Grundfläche von fast 2000 Quadratmetern war Platz für 1080 Menschen - oft kamen aber fast dreimal so viel. Nach dem Krieg baute sich die Gastronomenfamilie Zeller mit dem Bunkerhotel eine neue Existenz auf, nachdem ihre Gaststätte 1944 bei einem Bombenangriff zerstört worden war. 30 Stufen führen in die Tiefe hinab, zu einem langen, engen Flur. Die zu Hotelzimmern umgebauten Schutzräume bildeten in Stuttgart das am längsten geführte Bunkerhotel Deutschlands. 100 Betten gab es hier. Zum Wohlfühlen, schrieb ein Fan ins Gästebuch, brauche man kein Schloss: „My home is my Bunker.“

Zu unserer Serie sind drei Bücher erschienen, zuletzt „Das Beste aus dem Stuttgart-Album“ im Sutton-Verlag.

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