Als junge Fotografenschülerin hat die Fotokünstlerin Silvie Brucklacher-Gunzenhäußen im Jahr 1960 die grafische Anordnung auf dem Marktplatz festgehalten. Foto: Silvie Brucklacher-Gunzenhäußer

Einst hatten Autos überall Vorfahrt: In den 1960ern war Stuttgarts Marktplatz ein Parkplatz. Jetzt wird der zentrale Ort umgebaut. Unser Stuttgart-Album blickt zurück auf die alte Pracht und eine „autogerechte“ Stadtplanung

Stuttgart - Die grafische Anordnung im Zentrum der Stadt hat Silvie Brucklacher-Gunzenhäußer fasziniert, als sie eine junge Fotografenschülerin war: Beim Blick auf das Rathaus wirkten die Fahrzeuge und die Fenster wie von Meisterhand platziert. Im Jahr 1960 ist der Fotokünstlerin, die heute mit ihren „Rotraits“, ihren Porträts von Stuttgartern vor roter Leinwand, begeistert, eine großartige Aufnahme vom Marktplatz gelungen, als dieser noch ein Parkplatz war. Straßencafés gab es dort auch damals nicht.

Gerade mal vier Jahre zuvor war das neue Stuttgarter Rathaus eröffnet worden. Für diese kurze Zeit, findet Dirk Wein, Kommentator im Facebook-Forum unseres Stuttgart-Albums, sehe die Fassade „schon ziemlich übel verschmutzt“ aus.

Bis November 2021 soll der neue Marktplatz fertig sein

„Man sieht, dass der Wohlstand damals in Stuttgart höher war als in anderen Städten“, notiert Harald Bauer zum Marktplatz-Foto. Der Marktplatz der 1960er ist weit davon entfernt, eine „Wohnstube der Stadt“ zu sein, an dem man sich gern aufhält.

Als zentraler Ort könnte der Rathausplatz der beliebteste Treff Stuttgarts sein. Doch auch die heutige Gestaltung, da Autos nicht mehr mitten in die City hinein fahren dürfen, wird von den Stuttgartern wenig geliebt. Jetzt hat der Umbau begonnen. Zunächst wird der Untergrund erkundet. Von September bis November wird der Rand des Platzes mit neuem Pflaster versehen. Im Februar 2021 beginnt die Sperrung. Im November  2021 soll alles fertig sein mit Wasserfontänen, Bänken und höher gelegtem Brunnen.

Ursprünge des Marktplatzes gehen auf das Jahr 1304 zurück

Blicken wir zurück: Stattliche Fachwerkhäuser mit hohen Giebeln bildeten einst den bürgerlichen Mittelpunkt einer stolzen Stadt. 1833 ist auf dem Marktplatz, dessen Ursprünge auf das Jahr 1304 zurückgehen, das Spielwarenfachgeschäft Kurtz eröffnet worden. Heute befindet sich der Eingang zum verkleinerten Traditionsgeschäft an der Sporerstraße. Nespresso hat die Pole-Position am Markt übernommen.

Auf den historischen Marktplatz-Fotos ist zu erkennen, dass auch damals keiner seinen Kaffee draußen trank. In aller Regel befanden sich, falls überhaupt vorhanden, Cafés im ersten Stock – damit man nicht gesehen wurde beim ,nix schaffa‘.“ Beim Autofahren ließen sich die Stuttgarter lieber sehen.

1962 hat die Stadt damit begonnen, die City zu unterkellern

Das Wort der 1960er Jahre lautet: autogerecht. In der Autostadt, die den wachsenden Wohlstand nicht zuletzt Mercedes und Porsche verdankt, fallen Entscheidungen im Gemeinderat zugunsten der Kraftfahrzeuge aus. Von Feinstaub und Dieselbelastung weiß damals noch keiner etwas.

Am 2. Juli 1962 beginnt die Stadt damit, ihre City zu unterkellern. An diesem Tag bohrt sich am Charlottenplatz der erste Spaten fürs Tunnelnetz ins Erdreich. Es ist eine Operation am offenen Herzen – trotz der Großbaustelle sollte es nicht zum Verkehrsinfarkt kommen. Eine lärmende Stadtautobahn reißt seitdem die Kulturmeile zwischen Theater und Staatsgalerie auseinander – auch jetzt noch, da die Dauerbaustellen in die geplagte Stadt zurückgekehrt sind.

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