Die Oben-Ohne-Band Lady Birds trat 1976 beim Landespresseball in Stuttgart auf. Foto: Schürer

Die Lady Birds sparten 1976 an Kostümen, OB Klett ließ 1965 aus jedem Exemplar der gedruckten Ballzeitung eine Seite rausreißen: Schon immer lieferte das gesellschaftliche Parkett Stoff für Geschichten. Erinnerungen vor der 57. Ballnacht am 11. November.

Stuttgart - Nerzstola, Handschuhe aus Satin, kunstvoll bestickte Stoffe, dezent getürmte Frisuren - mit dieser Aufzählung hat der Berichterstatter der Stuttgarter Nachrichten vom ersten Landespresseball nach dem Zweiten Weltkrieg fasziniert berichtet. Es war der 18. November 1960. An diesem Tag ist Kim Wilde geboren, der spätere Popstar, was damals in der Liederhalle keinerlei Bedeutung hatte. Auf der Bühne einer rauschenden Ballnacht stand die „größte Pfeife des Landes“, wie sich selbst nannte. Die 39-jährige Ilse Werner pfiff unter anderem ihr berühmtes Lied „Wir machen Musik“.

Hauptgewinn der Tombola war 15 Jahre nach Kriegsende ein VW-Käfer. Aber auch über einen Kühlschrank und eine Polstergarnitur freuten sich die Gewinner im aufblühenden Wirtschaftswunderland.

„Das glanzvollste Fest seit dem Krieg“ und „Die Presse rief und die Prominenz kam“ – so lauteten die Zeitungsschlagzeilen im November 1960. Die Tradition des gesellschaftlichen Stelldicheins, bei dem Journalistenverbände für Journalisten in Not sammeln, geht weit zurück. Der erste deutsche Presseball fand 1872 in Berlin statt.

Josephine Baker war 1961 Stargast

Viele Bälle hat Stuttgart kommen und gehen sehen. Der SWR-Ball, der Opernball und der Sportlerball sind Vergangenheit - nur der Landespresseball hat als schicker Treffpunkt der Regierenden und des mit diesen gern tanzenden Volkes all die Jahrzehnte überstanden. Am Freitag, 11. November. wird die 57. Ausgabe gefeiert.

Die legendäre Tänzerin Josephine Baker – sie lebte von 1906 bis 1975- war Stargast des zweiten Landespresseballs im Jahr 1961. Zu ihren Verehrern zählte Bundespräsident Theodor Heuss. „Des war also die Schosefine Becker“, soll er seinerzeit gesagt haben, „die isch doch früher im Friedrichsbau mit a Bananeröckle auftrete. I war x-mal drin, aber des Bananeröckle isch net verrutscht.“

56 Jahre Presseball, ein Spiegelbild der jeweiliger Zeit: 1976 sorgte die Damenband Lady Birds für heißen Gesprächsstoff. Sie trat oben ohne auf. In all den Jahren fiel nur ein Ball aus - 1977 nach dem Mord an Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer. Weil schon alles organisiert war, zählte man diesen Ball mit. Sonst würde am 11. November in der Liederhalle erst der 56. Ball gefeiert.

OB Arnulf Klett war nicht amüsiert

2007 verfügte Schirmherr Günther Oettinger ein Tanzverbot, als er bemerkte, dass der Ball am 9. November stattfand, am Jahrestag der Pogromnacht. Beim 40. Landespresseball begeisterte Udo Jürgens im Bademantel. Aber auch Caterina Valente, Daliah Lavi, die Kessler-Zwillinge und Margot Werner stehen auf der Liste der Stargäste.

1965 hatten die Presseleute in der Ballzeitung „Journaille“ eine Fotomontage gebracht, die „First Lady“ Yvonne Klett neben der „Liegenden“ vor der Staatsgalerie zeigt. „I fend, er hot mi ganz guet troffa“, ließ eine Sprechblase die Frau des damaligen Stuttgarter Oberbürgermeisters sagen.

Das war zu viel für Arnulf Klett. So wütend war der Rathauschef, dass junge Helfer die beanstandete Seite in allen 2000 Exemplaren einzeln herausreißen mussten.

Diskutieren Sie mit unter: facebook.com/Album. Stuttgart. Im Silberburg-Verlag sind zwei Bücher zu unserer Geschichtsserie „Stuttgart-Album“ erschienen.

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