Demonstration im Jahr 1979 am „Homobefreiungstag“ für die Rechte von Schwulen in Stuttgart. Foto: Uli Kraufmann

Zum Stuttgarter CSD blicken wir zurück auf den Kampf um Akzeptanz. Welcher König gilt als schwul? Wann war die erste Demo zur „Homobefreiung“? Und auf welchen Gedenksteinen in Stuttgart steht der Name Freddie Mercury?

Stuttgart - Die Würde Homosexueller blieb sehr lange antastbar. Genau 41 Jahre ist es nun her, dass in Stuttgart erstmals gegen Ausgrenzung vor dem Königsbau demons­triert worden ist. In diesem Sommer wird der CSD anders als gewohnt gefeiert - aber mit ebenso viel Stolz und Engagement. Am kommenden Samstag hätte die Parade stattfinden sollen, zu der im vergangenen Jahr etwa 200.000 Menschen gekommen sind. Sie fällt aus, aber die Veranstalter waren kreativ genug, übers Netz auf vielfältige Weise Alternativen anzubieten.

Dass sich eines Tages ein Bundespräsident, nämlich Frank-Walter Steinmeier, öffentlich für das Unrecht entschuldigen würde, das der Staat Schwulen und Lesben auch nach Ende der NS-Zeit angetan hat, hätte sich am 30. Juni 1979 wohl keiner der etwa 400 Demonstranten vorstellen können. Dieses Datum markiert in Stuttgart den Beginn der CSD-Geschichte.

Auch der CSD 2020 geht in die Geschichte ein

Vor dem Königsbau trug damals vor 41 Jahren eine zierliche Dame mit weißen Haaren ein Schild, auf dem stand: „Mein Sohn ist schwul! Na und!“ Fotos vom ersten öffentlichen Protest gegen Diskriminierung von gleichgeschlechtlich liebenden Menschen sind heute im Stadtpalais, dem Museum für Stuttgart, ausgestellt. Vielen jungen Leuten ist es fremd, dass man einst seine sexuelle Veranlagung verheimlich musste. Längst scheint es selbstverständlich, dass führende Köpfe der Demokratie zu ihrem Schwulsein stehen, dass sich auch in Stuttgart Abgeordnete und Stadträte dazu bekennen. Der Weg zur Akzeptanz war jedoch ein langer.

Am 30. Juni 1979 also – zehn Jahre nach dem Aufstand der Schwulen gegen Polizeiwillkür auf der Christopher Street in New York – waren die ersten Stuttgarterinnen und Stuttgarter für „Homobefreiung“, wie es damals hieß, auf die Straße gegangen. Weitere Demos folgten in den Jahren 1985, 1994, ehe im Millennium-Jahr der Ansturm so groß war, dass der CSD von da an jährlich samt Parade durch die City gefeiert wurde. Der CSD 2020  - dies jedenfalls steht fest - wird in die Geschichte eingehen. Auch wenn dieser CSD eher still als schrill ist,  kann er vielleicht umso intensiver sein. Für kommenden  Samstag, an dem die Parade hätte stattfinden sollen, lädt das Unnütze Stuttgartwissen zur Rainbow-Tour ein, die an Orte führt, die in der Gay-Geschichte eine Rolle spielen. Beginn um 18 Uhr. Es gibt noch Karten unter www.stuttgart-entdeckungstouren.de.  

„Offiziell gab’s am Hof natürlich keine schwule Affäre“

An Mätressen mangelt es in der Geschichte der Monarchie nicht. Was aber ist, wenn der König neben der Königin sein Leben nicht mit einer Frau versüßt, sondern mit einem Geliebten? Wie nennt man das männliche Pedant zur Mätresse? „Günstling“, sagt die Historikerin Linda Prier, die im Auftrag des Unnützen Stuttgartwissen zur Rainbow-Führung durch die Stadt aufbricht, „offiziell gab’s am Hof damals natürlich keine schwule Affäre.“

Charles Woodcock war ein „Günstling“. Königin Olga hatte ihn als Vorleser ins Schloss geholt. Prompt verliebte sich der Gatte, König Karl, unsterblich in den 27 Jahre jüngeren Amerikaner. König Karl, der von 1823 bis 1891 gelebt hat, gilt bei Historikern als homosexuell. „Alle europäischen Höfe staunten über die Ungeniertheit, in der der Regent seine männlichen Favoriten um sich scharte“, sagt Linda Pier. Mit Charles Woodcock fuhr der König oft nach Italien und schenkte ihm eine Villa in Friedrichshafen.

Reichskanzler Bismarck war später dann ein großer Fan von  Karls Ehefrau Olga. Er nannte sie „den einzigen Mann am württembergischen Hof“

„Zum Glück gab’s damals keine Handyfotos“

Wenn  Freddie Mercury in Stuttgart gastierte, besuchte er fast immer den Kings Club von Laura Halding-Hoppenheit.  Die Wirtin erinnert sich: „Freddie sah gut aus, war ruhig, etwas unsicher, zurückhaltend, als er noch nicht ganz so berühmt war. Viele meiner Gäste haben sich in ihn verliebt. Einmal kam er mit Barbara Valentin. Zum Glück gab’s damals keine Handys. Hätte man damals sofort Fotos bei Instagram oder Facebook gepostet, Freddie hätte keine Ruhe mehr gehabt. Er wollte tanzen, trinken, Sex haben, also einer wie viele andere sein.“

Es gab Zeiten, da drohte Gefängnis bei Sex unter Männern. Die Verfolgung Schwuler ist vom Hotel Silber aus, der einstigen Gestapo-Zentrale, selbst nach dem Krieg noch betrieben worden. Dass sich in Stuttgart  früher als andernorts liberales Denken durchgesetzt hat, war ein Verdienst des 1973 verstorbenen Intendanten John Cranko. Die Stadt liebte den charismatischen, experimentierfreudigen und offen schwul lebenden Vater eines Ballettwunders.

Gedenkstätte für Aids-Tote bei der Oper

Bei der Oper, wo Cranko Triumphe feierte, befindet sich heute eine Gedenkstätte für Aids-Tote. Die Steine, von denen einige Namen tragen, wurden 1994 zunächst auf dem Schillerplatz verlegt. 2002 erfolgte der Umzug in die Nähe des Theaters und des Eckensees, weil die Gedenksteine am alten Standort bei Demonstrationen zum Welt-Aids-Tag aufgrund des Wochenmarktes gar nicht zu sehen waren.. Wofür die Steine stehen, kann man aufgrund der Namen erahnen. Freddie Mercury, der 1991 an Aids gestorben ist und in der Stuttgarter Schwulenszene unterwegs war,  steht auch drauf.

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