Oscar Heiler und Willy Reichert (links), unvergessen als „Häberle und Pfleiderer“, haben sich 1929 im Alten Schauspielhaus kennen gelernt. Foto: Landesarchiv

Wegen Corona kann das Alte Schauspielhaus seine Schnapszahl nicht feiern: Zum 111. Geburtstag einer architektonischen Perle des Jugendstils erzählt unser Stuttgart-Album Anekdoten. Warum stürzte Oscar Heiler und was dachte er über Willy Reichert?

Stuttgart - Im Jahr 1909 haben die Deutschen ihre Knaben mit Vorliebe Hans, Walter, Karl oder Otto getauft. Bei den Mädchen rangierten die Namen Erna, Hertha, Martha und Else ganz oben. In der Autostadt Stuttgart waren 1909 exakt 280 PKW zugelassen. Es war das Jahr der ersten Flug-Überquerung des Ärmelkanals – und in Stuttgart führte die Aufbruchstimmung bei den Künsten zum Bau eines privaten Theaters. Nur sieben Monate dauerte es, bis das Schauspielhaus (heute: das Alte Schauspielhaus) mit seiner eleganten, halbrunden Jugendstilfassade fertig war.

Einer Privatinitiative war es zu verdanken, dass vor 111 Jahren eine neue Bühne an der Kleinen Königstraße entstand – genau an jenem historisch bedeutsamen Ort, an dem sich die Legionskaserne befand, in der Friedrich Schiller als Regimentsmedikus gewirkt hatte.

Bis 1962 spielte das Staatstheater an der Kleinen Königstraße

Wie gern hätten die Schauspielbühnen, zu denen das Alte Schauspielhaus mit der Komödie im Marquardt zählen, unter ihrem vorm Lockdown erfolgsverwöhnten Intendanten Axel Preuß den Schnapszahlengeburtstag irgendwie schnapszahlenmäßig gefeiert. Doch Corona macht einen Strich durch die Rechnung. Unser Stuttgart-Album erzählt Anekdoten eines Theater, das allein schon durch seine Architektur besticht und das nach dem Krieg dem Staatstheater eine Heimat bot, bis dieses 1962 in das neu gebaute Kleine Haus zog, wie dieses damals hieß.

Zur Eröffnung wurde 1909 an der Kleinen Königstraße ein Freiheitsstück gespielt: „Die Revolutionshochzeit“ von Sophus Michaelis. Dank König Wilhelm II. – er war ein Freund der Künste und galt als liberal – konnten in Stuttgart Stücke aufgeführt werden, die man in Berlin wegen der restriktiven Zensur nicht sehen durfte. Der württembergische Regent, der wenige Jahre davor nach dem Brand des Hoftheaters eine Interimsbühne gebaut hatte, war selbst ein häufig gesehener Gast im Schauspielhaus, in der Pause ließ er sich Tee in vergoldeten Tassen servieren. Auch das Volk strömte: Im Anfangsjahr haben die Abendvorstellungen 60 Pfennige gekostet, die Nachmittagsvorstellungen die Hälfte.

Willy Reichert spielte den Mackie Messer

Eine Zäsur bildete der Erste Weltkrieg. Nachdem 1918 die Monarchie zur Republik geworden ist, hat Stuttgart mit dem König einen Förderer der Theater verloren. Doch der gebürtige Wiener Claudius Kraushaar, der im Jahr 1922 die desolate Bühne in Stuttgart übernahm, in der Heimatstadt seiner Frau, brachte das Schauspielhaus an die Spitze zurück – mit Schauspielergrößen wie Heinrich George, Alexander Moissi und Heinz Rühmann.

1929 feierte hier „Die Dreigroschenoper“ Premiere – kurz nach der Berliner Uraufführung. Zu den Proben kamen Bert Brecht und Kurt Weill. 120-mal in Folge wurde dieses Stück gespielt. In der Hauptrolle des Mackie Messer hat Stuttgart den jungen Willy Reichert gefeiert, der später als schwäbischer Volksschauspieler Theatergeschichte schrieb.

Im Schauspielhaus lernte er den gelernten Buchhändler Oscar Heiler kennen, seinen späteren Partner in den Sketchen von „Häberle und Pfleiderer“. Der junge Heiler, in kleinen, wechselnden Rollen bei der „Dreigroschenoper“ engagiert, erinnerte sich in seinen Memoiren daran: „Willy Reichert war als Mackie Messer scharfzüngig, kaltschnäuzig, aalglatt.“

Oscar Heiler stürzte im Schauspielhaus – sein Bein musste amputiert werden

Bei den Proben zur 50. Vorstellung des Brecht/Weill-Erfolgs stürzte 1930 Heiler über den Saum seines Kostüms. Er konnte nicht mehr aufstehen. Ärzte stellten bei der Operation ein bösartiges Geschwür am Knie fest. Sein rechtes Bein musste amputiert werden. „Sonst hätte ich nicht überlebt“, sagte er später. Fortan trat der vom Krebs geheilte Oscar mit Prothese auf. Der 1995 verstorbene Heiler sagte kurz vor seinen Tod in einem Interview mit den Stuttgarter Nachrichten: „Bei Kraushaar im Alten Schauspielhaus habe ich viel gelernt, weil die ganze Theaterprominenz dort gastierte. Wir Anfänger durften die Hauptrollen markieren, bis die Stars kamen. Es war ein großartiges Theater vergleichbar mit den Kammerspielen in München.“ Den jungen Schauspielern ersparte Kraushaar nichts. Sie mussten alles machen, Karten verkaufen, soufflieren, im Malersaal mit Hand anlegen.

Kraushaar stammte aus einer jüdischen Familie. Die Nazis drängten ihn aus dem Intendantenamt. Mit Hilfe seiner Frau und seines Schwagers, beide „Arier“, versuchte der Theaterchef, den Verkauf seines Schauspielhauses abzuwenden – vergebens. Die Eheleute mussten ihr Privathaus sowie das Theater unter Wert verkaufen und zogen nach Wien.

Das Ehepaar Kraushaar ist auf dem Waldfriedhof bestattet

Die Stadt Stuttgart hat 1955 das Schauspielhaus gekauft. Das Vermögen der Kraushaar-Kinder, die ohne Nachkommen waren, ging an eine Stiftung zur Förderung junger Musiker sowie an einen Tierschutzverein. Das Ehepaar Kraushaar und die beiden Kinder sind in einem Familiengrab auf dem Waldfriedhof bestattet.

Noch einmal zurück zu Oscar Heiler: Im eigenen Leben wollte er der spießige „Herr Häberle“ niemals sein. Als Zwölfjähriger hatte er die rote Fahne zum Fenster rausgehängt und sich später zur Konfirmation die Briefe von Rosa Luxemburg gewünscht. Später war der Rebell Heiler beim FKK-Verein aktiv. Aus dem Leben Oscar Heilers könnte man ein spannendes Theaterstück schreiben – passend für eine Bühne, die den Publikumsgeschmack so oft trifft wie das Alte Schauspielhaus. Zum 111. Geburtstag gibt es einen Podcast unter: https://schauspielbuehnen.de/podcast.

Diskutieren Sie mit unter: www.facebook.com/Album.Stuttgart. Zu unserer Serie sind drei Bücher erschienen, zuletzt „Das Beste aus dem Stuttgart-Album“. Wer mehr zur Stadtgeschichte erfahren will, kann kostenlos den Newsletter „StZ Damals“ abonnieren unter:stzlinx.de/stzdamals..

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: