Stuttgart-Karte aus den 1960er Jahren – mit dem Fernsehturm im Mittelpunkt. In der Pandemie kann man den Fernsehturm, der am 5. Februar 65 Jahre alt wird, nicht besuchen. Foto: Sammlung Wibke Wieczorek

Am Freitag wird der Fernsehturm 65 Jahre alt – aber in den Ruhestand entlassen wir ihn noch lange nicht. Leserinnen und Leser des Stuttgart-Albums gratulieren mit Erinnerungen und verraten, warum sie Stuttgarts Wahrzeichen lieben.

Stuttgart - Die Türen sind geschlossen, draußen hängen noch Weihnachtslichter am Tannenbaum. Immer wieder kommen Menschen, schauen durch die Scheiben des Eingangs und lesen das Schild, auf dem zweisprachig steht, dass der Fernsehturm „aufgrund der Corona-Pandemie bis auf Weiteres“ geschlossen bleibt. „Stay healthy“, so endet die englische Version.

Feiern kann die Stadt ihr Wahrzeichen in diesen Zeiten nicht, was die Verbundenheit, ja die Liebe nicht mindert. Im Internetportal unseres Geschichtsprojekts gratulieren die Fans mit persönlichen Erinnerungen. Ramona Becken verrät, was ihr besonders gut gefällt: „Immer wieder nachts oben sein und gegen den Wind anrennen.“ Veronika Baumgarten schreibt auf der Facebook-Seite des Stuttgart-Albums: „Wir lieben ihn, sind oft oben. Was uns ärgert ist, wieso er es als Erster seiner Art nicht in die Liste als Weltkulturerbe schafft.“

„Er ist der Fels in der Wolkenbrandung!“

Thomas Weitzel schildert sein schönstes Erlebnis: „Einmal mit einem Sack voller Papierhubschrauber oben gewesen und alle fliegen lassen - war wunderbar!“ Harald Frank rühmt den Fernsehturm so: „Er ist der Fels in der Wolkenbrandung!“ Nadine Schneider schreibt: „Im Jahr 2000 bekam ich die Möglichkeit über die Treppe hoch zu laufen. War eine tolle Sache mit einem ziemlich Drehwurm als ich endlich oben war. Runter ging es mit dem Fahrstuhl.“

Margarete Wangen erinnert sich: „War mit meinen Eltern oben, als er fertig war. Ich war sechs Jahre alt. Der Aufzug machte mir etwas Angst. Danach sind wir in der Wielandshöhe essen gegangen. Alles unvergessen.“ Sigi Metz hat „als Kind zugeschaut, wie er gebaut wurde“. Dies sei eine „Sensation“ gewesen. Thomas und Brigitte Müller haben vor 23 Jahren Hochzeit im Turmrestaurant gefeiert und fahren seitdem an jedem Hochzeitstag im September hoch auf die Plattform. Sie hoffen, dass sie dies auch in diesem Jahr tun können.

Der mangelnde Brandschutz führte 2013 zur Schließung

Happy Birthday, Großer! In der Corona-Pandemie mag sich der Lange Lulatsch ans Jahr 2013 erinnern, als der damalige OB Fritz Kuhn ihn wegen des Brandschutzes geschlossen hat. Auch damals galt die Sperrung nicht für immer. Es kommen bessere Zeiten, keine Frage. Und deshalb freuen wir uns schon jetzt auf die Rückkehr zum höchsten und schönsten Aussichtsplatz der Stadt. Was wäre Stuttgart ohne sein Wahrzeichen? Man kann es sich nicht mehr vorstellen. Der Turm gehört zu uns. Er ist ein Teil von uns. Mit ihm kommen wir den Wolken nahe, wo die Freiheit grenzenlos sein soll.

Der Riese vom Hohen Bopser ist der erste seiner Art weltweit, der aus Stahlbeton gebaut worden ist. Verhindert werden konnte, dass man ihn rot-weiß angemalt hat. Dies war zunächst geplant. Mit der Signalfarbe sollte sicher sein, dass der Turm rechtzeitig von Piloten gesehen werden kann, die den nahe gelegenen Flughafen ansteuern.

Am Anfang gab es Kritik am Fernsehturm

Als am 5. Februar 1956 die exakt 216,6 Meter hohe Schöpfung des 1999 verstorbenen Bauingenieurs Fritz Leonhardt eröffnet worden ist, war zu lesen, da stehe eine „langen Bohnenstange mit Bienenkorb“. Als „Schandmal“ oder als „Fremdkörper in der schönen Waldlandschaft“ hat man den Neubürger beschimpft. Doch kaum durften die Stuttgarter*innen hoch, schlossen sie ihn ins Herz. Es sollte eine Liebe für immer werden.

„Da müssen Menschen rauf“, hatte Leonhardt gesagt, als der Süddeutsche Rundfunk nur einen schmucklosen Stahlgittermasten für die Fernsehübertragung über dem Stuttgarter Talkessel bauen wollte. Der Ingenieur hatte Mühe, die „Herren vom Rundfunk“ zu überzeugen. An der Form seines Turms, an der genialen Mischung aus „Schornstein, Turm und griechischer Säule“, so erzählte der Erbauer später, habe seine Frau einen „entscheidenden Anteil“ gehabt. Sie habe alle Entwürfe begutachtet. Frauen hätten ein viel feineres Empfinden, sagte er.

Der Fernsehturm müsste heute Radioturm heißen

Seit 1986 steht der Stuttgarter Fernsehturm auf der Liste der Kulturdenkmäler von Baden-Württemberg. Den Namen darf er behalten, auch wenn seine Aufgaben längst andere sind. Seit Jahren sind die Fernsehantennen stillgelegt. Für den Frequenzbereich des terrestrischen Fernsehens sind diese nicht mehr geeignet. Der Stahlgittermast hätte umfangreich umgebaut werden müssen. So wurde die erforderliche Technik 2006 auf den benachbarten Fernmeldeturm der Telekom verfrachtet. Die digitalen Radioprogramme werden noch immer vom Stuttgarter Stolz mit seinem nun falschen Namen über leistungsfähige DAB-Antennen ausgestrahlt. Der Fernsehturm müsste heute Radioturm heißen. Die Stuttgarter lieben ihn und freuen sich, wenn sie von weither nach Hause kommen. Auf der Autobahn sehen sie den guten, alten Vertrauten aus der Ferne. Und dann wissen sie: Endlich daheim!

Die Natur liebt großes Kino. Kaum dramatischer könnte ein Maler den Farbenrausch rund um den Fernsehturm erschaffen, den Charles C. Urban seit Jahren mit der Kamera festhält. Nicht nur die Weitsicht von der Plattform ist traumhaft. Auch von unten ist das Himmelsschauspiel oft atemberaubend. Sein Küchenbalkon im obersten Stockwerk eines Hauses im Stuttgarter Westen ist sein „Logenplatz zum Fernsehturm-Gucken“, wie Urban sagt. Der Leiter des New English American Theatre wohnt vis-à-vis des Stuttgarter Stolzes.

Sind Engel mit ihrer Staffelei unterwegs?

Wenn er sich an dem berühmten Zeugnis der Ingenieurbaukunst erfreut, kann er oft nicht anders, als nach der Kamera zu greifen. Spektakulär wird’s immer wieder, wenn die Kulissen aus Sonnenstrahlen und Wolken für das Stuttgarter Wahrzeichen wie von Zauberhand auf- und zugezogen werden.

Sind Engel mit ihrer Staffelei unterwegs? Pinseln sich voller Inbrunst mal blau, mal violett, mal grün, mal orangefarben durch die Atmosphäre? Nicht so poetisch, dafür mit Physik erklären Wissenschaftler die Buntphänomene. Das Licht wird gestreut, lernen wir von ihnen. Wenn wir nicht direkt in die Sonne blicken, sehen wir gebrochenes Licht, das über Umwege von der Sonne ins menschliche Auge gelangt. Das gestreute Licht bestimmt also die Farbe des Himmels. Außerdem hängt’s vom Sonnenstand ab, von Wassertropfen und Eiskristallen in den Wolken.

Happy Birthday, Fernsehturm! Wir hoffen, dass wir bald oben auf der Plattform gegen den Wind rennen, über alles hinwegsehen und dir persönlich zum 65. gratulieren können!

Diskutieren Sie mit unter: www.facebook.com/Album.Stuttgart. Zu unserer Serie sind drei Bücher erschienen, zuletzt „Das Beste aus dem Stuttgart-Album“. Wer mehr zur Stadtgeschichte erfahren will, kann kostenlos den Newsletter „StZ Damals“ abonnieren unter: stzlinx.de/stzdamals.

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