Radio Barth ist 1966 am Rotebühlplatz erbaut worden. 1995 meldete das Musikhaus Insolvenz an, und im Jahr 2000 wurde das Gebäude abgerissen. Foto: Michael Steinert

Ein Besuch bei Radio Barth glich einer Reise ins gelobte Land. Das Musikhaus am Rotebühlplatz war bis 1995 eine kulturelle Zentrale der Stadt. Erinnerungen an Plattenverkäufer Hebbe, die erste E-Gitarre und den ersten Walkman.

Stuttgart - „Let’s spend the night together“, sangen die Stones vor über 50 Jahren. Und viele junge Menschen in Stuttgart wussten damals genau, wo sie liebend gern eine Nacht verbracht hätten, mit großem Vergnügen an diesem Ort auch ganz allein.

Eine Nacht bei Radio Barth! Ja, da hätte man sich gern einsperren lassen! In den Musiktreff zog es mehrere Generationen von der Mitte der Sechziger bis zur Mitte der Neunziger. Denn hier war das Leben! Am Rotebühlplatz befand sich das Tor in eine neue Welt aus Pop und Rock. Hier begann die Reise in die USA – ins gelobte Land der neuen Musik.

Der „Hebbe“ war der berühmteste Plattenverkäufer jener Zeit

Bei Radio Barth haben die einen ihre erste Fender-Gitarre gekauft, andere ihre erste Blockflöte. Der erste Kassettenrekorder, das erste Schlagzeug, den ersten Walkman, die erste Single – das Waschbetonbau war Stuttgarts Ort fürs erste Mal, woran sich viele auf der Facebook-Seite unseres Stuttgart-Albums sehr gern erinnern. Wilhelm Eisele schreibt: „Barth war um 1960 der erste Importeur von Fender-Gitarren.“ Charles C. Urban rühmt die „Super-Klassikabteilung und hervorragende Beratung in allen Abteilungen“.

Ein Name fällt immer wieder: Hebbe! Das ist der Spitzname von Herbert Kühner, dem berühmtesten Plattenverkäufer jener Zeit. „Hebbe geht es gut, wir sehen uns immer wieder und reden über alte Freunde und die alten Zeiten“, sagt Günther Schach, der mit seinen Young People Club und seinen Bars selbst zu den Legenden der Stadt zählt. Wer dem Don-Quijote-DJ Kühner, den man „Mister Allwissend“ nannte, noch so falsch den Refrain eines Songs vorsummte, den man im Radio gehörte hatte, bekam umgehend die gewünschte Single ausgehändigt.

Der Zweckbau am Rotebühlplatz war kein architektonisches Glanzstück, aber ein Fixpunkt der Stadtorientierung. Im Jahr 2000 ist das Haus abgerissen worden - fünf Jahre zuvor hatte das 1878 von Robert Barth gegründete Unternehmen aufgeben müssen, für das im Zeitalter der Elektronikgiganten kein Platz mehr war.

Das Haus ist 1966 erbaut worden

Singles waren damals nicht nur beziehungslose Menschen. Singles bestanden aus Vinyl und kosteten 4,95 Mark. Nicht nur um Musik ging es bei Radio Barth - das 1966 erbaute Haus mit der 35-Meter-Antenne auf dem Dach ist zu einem Umschlagplatz des Fußballs geworden. An trainingsfreien Tagen trafen sich die Profis von VfB und den Kickers, um sich in der Plattenecke von Herbert Kühner in die Gesetze der Stadt einweisen zu lassen.

Generationen von Schülern trugen ihr Taschengeld und ihr Erspartes zu Radio Barth, um sich etwa den ersten eigenen Kassettenrekorder zu kaufen. Die Kassette wurde sodann in den Schacht geschoben, um blitzschnell die Tasten Play (Schwarz) und Record (Rot) zu drücken. So hat man die Lieblingsstücke aus dem Radio aufgenommen und sich geärgert, wenn der Moderator zu früh gequasselt hat.

Mitunter knisterte und klickte es heftig. Wenn die Kassette den Schacht verließ, passierte es viel zu oft, dass sich das kleine braune Kassettenband am Tonkopf oder an den Andruckrollen verheddert hatte - es herrschte Bandsalat.

Aus dem Radio Barth wurde die Radio Bar

Noch bevor der Kassettenrekorder ausstarb, war die Zeit für Radio Barth vorbei. 1995 hat der Musiktreff für immer geschlossen. Ein paar clevere Menschen montierten zwei Buchstaben des Firmenschilds ab und machten aus Radio Barth die Radio Bar, die noch einmal zu einem Zentrum der Stadt wurde. Am Ende aber half das alles nichts. Das Gebäude wurde abgerissen und musste einem Neubau weichen. Seitdem heißt das Areal City Plazza.

Der damalige Radio-Bar-Wirt Carlos Coelho erinnert sich: „Viele unsere Gästen kann den Ort aus ihrer Kindheit. Dort, wo sie einst an ihre Blockflöten kamen, hatten sie nun Sex auf dem Klo.“ In der Radio Bar hat der Trainer Thomas Tuchel bis 1999 gejobbt, um sein Studium zu finanzieren.

„In den 1990ern kamen oft Stars zur Autogrammstunde“

Im Facebook-Forum kochen die Erinnerungen an Radio Barth hoch. Daniela Van Zella schreibt: „Ich hab ein Transistorradio gewonnen in einem Preisausschreiben. Meine Oma und ich haben es damals in der Küche ausgepackt und uns so gefreut. Das war 1976. Viele später war Radio Barth ein Top-Treffpunkt für meine Teenietochter.“ Sandra Schnödt lässt wissen: „Meine Mutter hat dort gearbeitet, und ich hatte sie sehr oft besucht oder abgeholt. Wenn man oben an der Hauptkasse stand, konnte man den Junkies beim Spritzen zuschauen. Anschließend wurde das Besteck in den kleinen Wasserfontänen gewaschen.“ Und Veronika Baumgarten denkt mit Wehmut zurück: „In den 1970er kamen immer wieder Stars zur Autogrammstunde. Das waren noch Zeiten!“

Wie ein Grafikdesigner an die Barth-Fassadenschrift kam

Nicht alles ist nach dem Abriss des Radio-Barth-Gebäudes im Jahr 2000 untergegangen. Teile der Reklameschrift befinden sich heute in der Wohnung von Ufuk Akci. Seit seiner Studentenzeit sammelt der Grafikdesigner Fassadenbuchstaben. Akci erzählt eine schöne Geschichte: „Als das Gebäude im Jahr 2000 abgerissen wurde,habe ich einfach die Bauarbeiter gefragt. Ich habe einen Kasten Bier spendiert. Das motivierte die Bauarbeiter so sehr, dass sie mir die Buchstaben runtergetragen haben. Ich habe sogar von dem Schriftzug Grundig vier Buchstaben sichern können. Ich musste damals mehrmals mit meinem Fiat Uno die Buchstaben abtransportieren, da sie doch recht groß waren.“

Diskutieren Sie mit unter: www.facebook.com/Album.Stuttgart. Zu unserer Serie sind drei Bücher erschienen, zuletzt „Das Beste aus dem Stuttgart-Album“ (Sutton-Verlag). Wer mehr zur Stadtgeschichte erfahren will, kann den Newsletter „StZ Damals“ kostenlos abonnieren.

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