Manfred Rommel bei seiner Wahl 1974 mit seiner Frau Foto: dpa

Klett, Rommel, Schuster, Kuhn: Stuttgart hatte nur vier Oberbürgermeister seit Kriegsende – mit Amtszeiten zwischen 29 und acht Jahren. Unser Stuttgart-Album erzählt OB-Geschichten von früher.

Stuttgart - 29 Jahre, 22 Jahre, 16 Jahre, acht Jahre. Wer weiß, wofür diese Zahlen stehen? Sie stehen für die Amtszeiten der vier Oberbürgermeister seit dem Kriegsende in Stuttgart.

Auf 29 Jahre kam der parteilose Arnulf Klett, der die Stadt „autogerecht“ umbauen wollte und 1974 im Alter von 69 Jahren bei einem Kuraufenthalt überraschend gestorben ist. Sein Nachfolger Manfred Rommel (CDU), der mit Humor und liberalem Denken der wohl beliebteste OB seit 1945 in Stuttgart war, blieb 22 Jahre lang im Amt, ehe er mit 68 Jahren (damals gab es eine Altersgrenze für Rathauschefs) aufhören musste. Wolfgang Schuster (CDU), der sich für den Bau des Kunstmuseums und der neuen Bibliothek einsetzte, machte zwei Amtszeiten voll, also 16 Jahre.

Fritz Kuhn, der erste Grüne auf dem Chefsessel des Stuttgarter Rathauses, verabschiedet sich bald nach acht Jahren, weshalb am kommenden Sonntag die Stadt einen neuen Oberbürgermeister oder eine neue Oberbürgermeisterin wählt. Aus diesem Anlass erinnern unser Geschichtsprojekt „Stuttgart-Album“ mit Fotos an vier Männer, die unterschiedlicher kaum sein könnten.

Klett war der „Trümmerbürgermeister“

Der Modernisierer Klett (OB von 1945 bis 1974), der „Trümmerbürgermeister“, wollte Stuttgart so schnell wie möglich wiederaufbauen. Autos hatten bei ihm überall Vorfahrt. Bei ihm musste deshalb die Ruine des Kronprinzenpalais’ weichen, wahre Verkehrsschneisen ließ er durch Stuttgart ziehen. Der kleine Mann mit Fliege wollte seiner Stadt zu neuem Selbstbewusstsein verhelfen. Ein Höhepunkt seiner Amtszeit war der Besuch von Queen Elizabeth im Jahr 1965. Der Porschefahrer überstand den Bürkle-Skandal ebenso wie eine Perserbrücken-Affäre. Zweimal - 1954 und 1966 - wurde er wiedergewählt.

Für die „Washington Post“ war Rommel „Deutschlands letzter Liberale“

Manfred Rommel hat als OB von 1974 bis 1996 die Stadt Stuttgart auf ganz besondere Weise geprägt. Nie war der CDU-Politiker ein Parteisoldat. Sein leichtes Lispeln, seine unterhaltsamen Reden, seine schwäbische Bescheidenheit und seine liberale Art kamen in der Stadt sehr gut an, quer über alle Parteigrenzen hinweg. Seinem Nachfolger riet er, dieser sollte „unbedingt das Lispeln erlernen“. Ihm habe es jedenfalls „sehr geholfen“. 1977 ließ der OB zu, dass die toten Terroristen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe auf dem Dornhaldenfriedhof beerdigt wurden - gegen den Widerstand vieler Bürger. „Mit dem Tod hört jede Feindschaft auf“, sagte Rommel damals. Die „Washington Post“ nannte ihn deshalb „Deutschlands letzten Liberalen“. Am 7. November 2013 ist der Stuttgarter Ehrenbürger im Alter von 84 Jahren gestorben.

Schuster wirkte im Vergleich zum Vorgänger hölzern

Rommels Ziehsohn Wolfgang Schuster (CDU) hat 1996 bei einem Kopf-an-Kopf-Rennen gegen den grünen Rezzo Schlauch knapp gewonnen. In seiner Amtszeit, die bis 2012 gedauert hat, setzte ein Bauboom ein: 2007 wurde die Neue Messe auf den Fildern eröffnet, auch das Kunstmuseums am Kleinen Schlossplatz und die neue Bibliothek gehen mit auf sein Konto. Weil er sich vehement für Stuttgart 21 stark machte, wurde er zum Feindbild der Gegner dieses Bahnprojekts. Im Vergleich zu seinem beliebten Vorgänger wirkte Wolfgang Schuster hölzern. Respektiert wurde er von großen Teilen der Bevölkerung, aber nicht innig verehrt wie sein Vorgänger.

Kuhn bekommt eher schlechte Noten zum Ende seiner Amtszeit

Als Fritz Kuhn im Oktober 2012 als erster Grüner zum OB von Stuttgart gewählt wurde, bekam er ein großes Herz aus Lebkuchen mit seinem Namen von Parteifreundin Muhterem Aras geschenkt - die Herzen der Menschen von Stuttgart flogen dem langjährigen Fraktionschef der Grünen im Bundestag aber nicht zu. Gute Reden kann er halten, intellektuell oft auf hohem Niveau - doch zum bürgernahen und beliebten Oberbürgermeister ist er damit nicht geworden. Zum Ende seiner achtjährigen Amtszeit stellten ihm die Bürgerinnen und Bürger in der jüngsten Umfrage ein eher schlechtes Zeugnis aus.

Unter Kuhns Ägide wurde das Radwegenetz umfangreich ausgebaut, als erster OB legte er ein 200 Millionen Euro schweres Paket für Maßnahmen gegen den Klimawandel auf. Auch in der Kultur setze der Grüne Zeichen mit dem Neubau der John-Cranko-Schule und der Sanierung des Kulturzentrums Wagenhallen. Seine Verkehrspolitik dagegen ist bis heute heftig umstritten. Er musste sich mit Feinstaub, den verzögerten Plänen für das Rosensteinviertel und dem fortwährenden Streit um Stuttgart 21 herumschlagen.

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Fritz Kuhn geht mit acht Rathaus-Jahren als der OB in die Stadtgeschichte ein, dessen Amtszeit seit Kriegsende die kürzeste war. Am Sonntag wird sein Nachfolger oder seine Nachfolgerin gewählt. Wie lange wohl bleibt der Neue oder die Neue an der Spitze der Stadt?

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