Stuttgart-Album zu den Rolling Stones Fans erinnern sich an legendäre Konzerte

Von Uwe Bogen 

Sind sie zum letzten Mal auf großer Tour? Vor dem Mega-Gig der Rolling Stones am kommenden Samstag in der Mercedes-Benz-Arena erinnern sich Fans im Internet-Forum unseres Stuttgart-Albums an legendäre Konzerte in Stuttgart.

Stuttgart - Ladys and gentlemen, the Rolling Stones! Wenn die bekannteste Zunge der Welt knallrot aufleuchtet, ob rausgestreckt als Logo auf der bandeigenen Boeing 767 oder auf über 40 000 Eintrittskarten, elektrisiert dies noch immer die ewigen Rock’n’Roller der Stadt. Am Samstag spielen die Ü-70-Urgesteine in der Mercedes-Benz-Arena – es ist ihr fünftes Konzert in Stuttgart seit dem Start einer überragenden Popkarriere vor 56 Jahren. Im VfB-Stadion hat der Aufbau der Riesenbühne begonnen. Ausverkauft ist der Auftritt nicht, weshalb bei Ebay bereits die Preise purzeln.

The Rolling Stones, die Fünfte! 1970 (Killesberg), 1976 (Neckarstadion), 1999 (Cannstatter Wasen) und 2006 (Daimlerstadion) waren sie schon da. Die Stuttgarter Konzerte sind unvergessen und werden nach so vielen Jahren immer noch legendärer. Im Internetforum unseres Stuttgart-Albums berichten Fans fasziniert, was sie mit ihren Idolen erlebt haben.

Auf dem Killesberg „eine Akustik wie in einer Kloschüssel“

Am 20. September 1970 hat der Eintritt auf dem Killesberg 20 D-Mark gekostet. Proteste gab es gegen den für die damalige Zeit hohen Preis. In Halle 6 begann der Auftritt mit dreistündiger Verspätung – man hatte erst noch die Stühle eines Gottesdienste vom Vormittag wegtragen müssen.

An „eine Akustik wie in einer Kloschüssel“ erinnert sich Bert Schäfer auf der Facebook-Seite unseres Geschichtsprojekts. Mick Jagger habe ja in einer Messehalle und nicht in einer Konzerthalle gesungen. „Es war ein hammergeiles Erlebnis“, schwärmt Birgit Richtarsky, „die Stimmung war unglaublich.“ Unter den 12 000 Fans befand sich der damals 18-jährige Martin Schairer, der heutige Ordnungsbürgermeister von Stuttgart. „Wir haben stundenlang auf dem Boden gewartet“, erinnert er sich. Die Polizei erstellte anderntags die Opferliste: „8 Verletzte, 1 Rauchvergifteter, 1 Herzkollaps, 48 Ohnmächtige.“ Auch die Stuttgarter Nachrichten zogen Bilanz: „Zu einpeitschender Rock’n’Roll-Musik hat die Menge in der tropisch heißen Halle gewogt wie ein See im Sturm.“ Für die Anwohner sei der Auftritt „ein einziges Ärgernis“ gewesen.

Im Neckarstadion gab es „den einen oder anderen Liebesakt auf dem Rasen“

Kein Wunder, dass sechs Jahre später der Widerstand groß war, als es die Stones erneut nach Stuttgart zog. Kritiker warnten vor „Zweckentfremdung des Neckarstadions“. Das Rathaus setzte sich über alle Bedenken hinweg und ließ zum ersten Mal in der Stadiongeschichte am 19. Juni 1976 ein Rockkonzert zu. Eintritt: 15 bis 20 D-Mark. Polizeieinsatzchef Günther Rathgeb lobte später den „harmonischen Verlauf“. Der Polizeibericht meldete 79 Festnahmen wegen Drogenmissbrauchs sowie „den einen oder anderen Liebesakt auf dem Rasen“.

Die Verstärkeranlage dröhnte mit 250 000 Watt. „Das war selbst mir zu laut“, schreibt der damals 27-jährige Günther Ahner. Taschentücher habe er sich in beide Ohren gestopft und ein „mitreißendes Konzert“ weit vorne erlebt. Danach habe er seinen Hörschutz entfernt – dachte er zumindest. Nach einer Woche schmerzte das linke Ohr und blutete gar. War das Trommelfell geplatzt? Der HNO-Arzt zog bei der Untersuchung ein Stück Taschentuch aus Ahners Ohr.

Pop-Ikone Uschi Obermaier besuchte Mick Jagger im Schlossgartenhotel

Über einen Freund, der bei einer Schallplattenfirma arbeitete, kam Lothar Escher, Kommentator des Stuttgart-Albums, 1976 in den Backstagebereich der Stones. „Wir hatten Zugang zum Raucherzimmer“, schreibt er, „allein der kurzfristige Aufenthalt war stimulierend.“ Selbst habe man „gar nichts“ anzünden müssen. Gleich nach dem Konzert vor 42 102 Fans ließ sich Mister Jagger im Mercedes 600 nach München chauffieren – möglichst schnell von Stuttgart weg. 1970 nach dem Killesberg-Auftritt war dies noch anders. Wer mit ihm im Schlossgartenhotel die Nacht verbrachte, hat Pop-Ikone Uschi Obermaier Jahre später in ihrer Biografie enthüllt.

„Ich kannte Stuttgart nicht und wollte es nicht kennen lernen“, schrieb sie, „es war trotzdem ein Heimspiel.“ Im Hotel am Schlossgarten habe der Portier gesagt, sie sei „so etwa die Zweihundertste“, die nach Mister Jagger gefragt habe. Uschi Obermaier stand in der Halle, als „ein Mann mit schwarz abstehenden Haaren und einem kranken Ausdruck im Gesicht“ durch die Drehtür schlenderte. Es war der Stones-Sänger, der sie „Ooosheee“ nannte und in seine Suite führte. Was dort passierte, dürfte zur Zufriedenheit von Uschi Obermaier ausgefallen sein. Wenige Tage später, ist ihrem Buch zu entnehmen, fuhr sie mit dem Popstar nach Neuschwanstein.

In Stuttgart blieben Scherben zurück. Die Killesberg-Anwohner, schrieben die Stuttgarter Nachrichten nach der Show, „können sich nur damit trösten, dass die so verrückt gefeierten Rolling Stones auf dem absteigenden Ast sind und sobald nicht mehr zum Radaumachen nach Stuttgart kommen“.

Es sollte anders kommen. Die Suche nach „Satisfaction“ endet nie.

Diskutieren Sie mit unte r www.facebook.com/Album.Stuttgart. Zu unserer Geschichtsserie gibt es drei Bücher.

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