Pferdekutschen am autofreien Sonntag 1973 in Stuttgart Foto: Sigrid Vollmer

Im Kampf gegen Feinstaub werden Fahrverbote gefordert. Was ein Leben ohne Autos bedeutet, ist 1973 klar geworden. Unser Stuttgart-Album erinnert an die autofreien Sonntage während der Ölkrise.

Stuttgart - Droht in Stuttgart ein Fahrverbot, wenn die Luft nicht sauberer wird? Die Angst vieler Autofahrer davor ist groß. Vor über 40 Jahren mussten schon einmal die Kraftfahrzeuge stehen bleiben – mit Feinstaub hatte das damals nichts zu tun.

Sonntag, 25. November, 1973. Sigrid Vollmer hat von diesem Tag dem Stuttgart-Album mehrere Fotos geschickt, auf dem eine Pferdekutsche auf der Königstraße zu sehen ist, aber keine Autos. Die Scheichs hatten dem Westen den Ölhahn zugedreht und den Deutschen an vier fast autofreien Sonntagen zu ungewohnten Freizeiterlebnissen verholfen. Hitzig wird auf der Facebook-Seite unseres Geschichtsprojekts diskutiert, ob man zur Verringerung des Feinstaubes erneut autofreie Tage einführen sollte. Die meisten sind dagegen – einige aber würden es begrüßen, wenn man im Kessel öfter aufs Auto verzichten würde. Damals habe dies funktioniert, und man habe darüber hinaus viel Spaß gehabt, auf leeren Autobahnen spazieren zu gehen.

Es gab Ausnahmen vom Fahrverbot

Was ein Leben ohne Autos bedeutet, ist an diesem Sonntag des Jahres 1973 klar geworden – und es sah ganz so aus, als würden die Menschen damit zurechtkommen. Es gab keine Proteste, keine Transparente, keine verzweifelte Suche nach Taxis. Stattdessen sah man viele Pferde auf den Straßen.

Auf den Fotos von Sigrid Vollmer ist ein Mann in dicker Kleidung und mit Wintermütze auf einer Kutsche zu sehen. Mit seinen beiden Pferden genießt er die leere Königstraße. Die zentrale Straße der Stadt war damals noch keine Fußgängerzone. Doch an diesem Tag hatten nicht Autos Vorfahrt, sondern Fußgänger und Pferde.

Es war der Totensonntag im November. Kanzler Willy Brandt hatte den autovernarrten Deutschen erklärt, sie müssten nun sonntags auf ein motorbetriebenes Fahrzeug verzichten. Ausgenommen waren Busfahrer, Rettungskräfte, Ärzte, Diplomaten, Milchlaster-Fahrer und ähnlich wichtige Personen. Wer sich an den vier autofreien Sonntagen trotzdem ans Steuer setzt, musste eine Strafe von 500 D-Mark bezahlen. An den Werktagen sollte überdies mit einem Tempolimit Benzin gespart werden. Den einzigen Verkehrstoten, schreibt Franz Hillenbrand in unserem Facebook-Forum, habe es an einem autofreien Sonntag im Raum Stuttgart gegeben: „Ein wartender Fahrgast kam unter einen Linienbus.“ Für Barbara Haag war’s eine „tolle Erfahrung“, dass es auch ohne Autos geht.

Gisela Salzer-Bothe notiert: „Wir (die Jazzer der Dixieland Hall) hatten eine Sondergenehmigung, unterschrieben von Verkehrsdirektor Peer-Uli Faerber. wegen eines Jazzerfrühschoppens zum Transport der Instrumente. Aber den Verkehr kann man nicht mehr vergleichen mit heute.“ Irmgard Abt gefiel es, „mitten auf der Straße zu laufen“.

Am 25. Dezember meldete Kuwait das Ende der Ölproduktionskürzungen. Damit war auch die Krise beendet. Am 8. Januar 1974 sprach sich Willy Brandt gegen weitere Fahrverbote aus – damals wusste man freilich noch nichts von Feinstaub.

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