Wer dachte, der Asemwald sei überaltert, der täuscht sich. Immer mehr jüngere Menschen wie der Instagram-Fotograf Felix Wolf sind Fans der Wohngiganten. Die Hochhaussiedlung wird 50 Jahre alt. Wir blicken zu den Anfängen zurück.
Stuttgart - Man nennt den Asemwald das „hochgeklappte Dorf“. Der damalige OB Arnulf Klett glaubte seit Beginn an den Erfolg der zunächst heftig umstrittenen Wohn-Elefanten auf der grünen Wiese. Im Land der Bausparer werde sich die Idee des platzsparenden Bauens rasch durchsetzen, war er überzeugt. Ende der 1960er Jahre gab es in Stuttgart etwa 80 000 Bausparverträge mit 1,1 Milliarden Mark Zuteilungsgeld. Wegen der Baulandknappheit und der hohen Grundstückspreise, so fürchtete Klett, könne sich nur ein kleiner Teil der Bausparer den Traum vom eigenen Häusle erfüllen. Die Lösung also lautete: vertikal und hoch hinaus!
Benannt ist die Siedlung nach dem Feldherrn Hannibal, der 218 vor Christus die Alpen mit 37 Elefanten überquerte. Auf den Fildern sind es drei „Elefanten“ geworden. An Superlativen mangelt es aber nicht: Man kann sogar knapp unter den Wolken schwimmen! Im Moment ist das Hallenbad im 21. Stockwerk jedoch geschlossen. Die Pandemie ist auch verantwortlich dafür, dass die Menschen im Asemwald den 50. Geburtstag ihrer geliebten Wohnsiedlung nicht feiern können. Von 1968 bis 1972 wurden die drei Riesen gebaut. Die ersten Bewohnerinnen und Bewohner zogen 1971 ein.
„Erst ein Unhold – dann ein Lieblingskind“
50 Jahre Asemwald – das ist Wohnen in einer Stadt für sich. Oder besser gesagt: in einem bis knapp an die Wolken reichenden Dorf, das viele Fans hat. Wer dachte, die Siedlung sei überaltert, erlebt nun, wie jüngere Bewohner wie der Instagram-Fotograf Felix Wolf mit hohen Klickzahlen den hoch gelegenen Wohnwert anpreisen. Als Stuttgarts Hannibal zehn Jahre alt wurde, also 1981, lautete die Überschrift in unserer Zeitung: „Erst ein Unhold – dann ein Lieblingskind“. Denn die Hochhauspläne waren sehr umstritten. Vor der „Gigantomanie“, „Kasernierung“ und „Isolation“ warnten zu Beginn die Gegner. Wer heute eingezogen ist, will selten raus. Der Gemeinschaftssinn auf dieser Betoninsel inmitten von Wald gilt als einzigartig.
„Es gab die Befürchtung, es könnte ein sozialer Brennpunkt entstehen“
Die drei Wohnblöcke mit bis zu 23 Etagen, etwa 70 Meter Höhe, 1137 Wohnungen und einer gesamten Wohnfläche von knapp 91 000 Quadratmetern sind nicht zu übersehen. Genau so sollte es auch sein: Wer von Tübingen her auf Stuttgart zufährt, sollte die mächtigen Giganten sofort erkennen. Das war der Plan der Architekten Otto Jäger und Werner Müller.
Im Internetportal des Geschichtsprojekts Stuttgart-Album gehen die Meinungen über die Wohnqualität des Asemwalds weit auseinander. Hilde Hebecker etwa schreibt: „Es gab anfangs die Befürchtung, dass da ein sozialer Brennpunkt entstehen könnte. Das ist bis heute nicht passiert – im Gegenteil. Aber ich wollte dort nicht wohnen. Es ist wirklich zu abgelegen.“ Tanja Götz postet: „Ich kenne ein paar Leute, die da wohnen und sich sehr wohlfühlen. Die Wohnungen sind verhältnismäßig groß und hell. Tolle Aussicht in den oberen Etagen.“
„Durch die Höhen konnten wir sogar Schweizer Fernsehen empfangen“
Sascha Gessert berichtet: „Wir haben als eine der ersten Familien 1972 eine dieser Wohnungen gekauft. Im Eingangsfoyer standen Panton-Stühle; und auch sonst war alles recht stylish. Die meisten Wohnungen waren Eigentumswohnungen, und somit war der Asemwald alles andere als sozialer Plattenbau. Als Kind war es toll, dort aufzuwachsen, und es war auch nicht anonym – man kannte sich. Wir haben im 19. Stock gelebt, die Aussicht war fantastisch. Durch die Höhe konnten wir sogar Schweizer Fernsehen empfangen.“
Der Asemwald ist die Muse von Felix Wolf
Auf der Facebook-Seite des Stuttgart-Albums schreibt Inge Spes: „Ich habe dort von 1974 bis 1978 gewohnt und fand es richtig gut, mit unseren kleinen Dackeln gleich in der Natur auf dem Birkacher Feld spazieren zu gehen. Die Zeit ist dort stehen geblieben. Alles ist noch heute wie damals.“ Auch Stefanie Kaiser ist ein Hannibal-Fan: „Wir wohnen hier im 19. Stock und genießen die Aussicht jeden Tag. Anonym ist nur der, der es sein will.“ Und Werner Wernersen denkt beim Asemwald an „eine Wohnmaschine, wie sie Le Corbusier nicht besser hätte bauen können“.
Wer die Instagram-Fotos des 31-jährigen Asemwald-Fans Felix Wolf sieht, fühlt sich an „Schöner Wohnen“ erinnert – oder an Fernsichten, wie man sie aus dem Urlaub kennt. Ein Traum sind die Bilder seiner 65 Quadratmeter großen Maisonettewohnung, die sich im 22. und 23. Stockwerk (oben ist das Schlafzimmer) befindet. Mit seinen Fotos will Wolf die Vorurteile über „hässliche Betonklötze“ widerlegen. Die Sonnenuntergänge sind einzigartig. Alles Gute, Asemwald! Auch mit 50 Jahren bleibt die Siedlung begehrt.