Es liefen Filme wie „Hair“, „Schatz im Silbersee“ oder „Schulmädchenreport“. Vorstadtkinos waren für viele die erste Begegnung mit der Fantasiewelt des Films. Wir erinnern an Zeiten, als der Eintritt 80 Pfennig kostete und man dicht an dicht saß.
Unser Leser Ali Arnulf Moumene hat sich an unser Geschichtsprojekt gewandt mit der Bitte, ehemaligen Kinos in Stuttgart einen Artikel zu widmen. „Allein in Bad Cannstatt gab es drei große Lichtspielhäuser“, schreibt er und nennt die Namen: „Die Schwabenlichtspiele (jetzt geschlossene Passage), die Badlichtspiele (jetzt Brache des Kaufhofs) und der besonders große Filmpalast (jetzt Radiologie Seelbergstraße). Der Filmpalast bot nachmittags immer günstige Schülervorstellungen. Er war direkt neben Kaufhaus Pfullinger.“
So wie heutzutage immer mehr Lebensmittelläden in den Außenbezirken verschwinden, so ist in den 1980ern ein Vorstadtkino nach dem anderen gestorben. Nur einige Beispiele: Das Gloria in Möhringen hat sich 1984 für immer verabschiedet, mit dem Palette-Filmtheater in Feuerbach war’s 1982 vorbei, die Ostend-Lichtspiele mussten 1980 nach 69 Jahren aufgeben.
Ohne Vorstadtkino, sagt Roland Emmerich, wäre er nie Regisseur geworden
„Ein Vorstadtkino“, so heißt es im Duden, „ist ein kleines, in der Vorstadt gelegenes, nicht sehr bedeutendes Kino.“ Nicht sehr bedeutend? Von wegen! Ohne sein Vorstadtkino in Sindelfingen, in dem er etwa den „Schatz im Silbersee“ angeschaut hat, sagte Hollywoodstar Roland Emmerich einmal, wäre er niemals Regisseur geworden.
Warum die Vorstadtkinos keine Chance hatten, belegen diese Zahlen: 1957 sind in den deutschen Kinos etwa 800 Millionen Zuschauer gezählt worden. 1968 waren es nur noch 180 Millionen. Auf der anderen Seite stieg die Zahl der Fernsehgeräte von 700 000 (1956) auf 7,2 Millionen (1962). Klarer Sieg für die Mattscheibe daheim!
Als in Stuttgart die cineastische Nahversorgung gesichert war, liefen in den Vorstädten die Filme etwas später als in den Innenstädten – mit nicht mehr ganz so frischen Kopien, die rauschten und deren Farben schon etwas verblichen waren. Dafür waren die Preise günstiger, und man musste nicht mit der Straßenbahn in die Stadt fahren.
Im heutigen Restaurant Hexle in Möhringen befanden sich von 1954 bis 1984 die Gloria-Lichtspiele. Werner Dietz hatte nach dem Krieg von Amerikanern einen transportablen Filmprojektor gekauft und zunächst in Gaststätten Filme gezeigt. Sein Wanderkino kam gut an. 1954 eröffnete er dann in Möhringen das Gloria-Kino mit 460 Sitzplätzen. Der Eintritt damals: 20 Pfennig für Kinder, 80 Pfennig für Erwachsene.
Als die Besucherzahlen mit der Zeit zurückgingen, baute sich Dietz eine zweite Existenz auf. Weil viele Filmvertreter nicht wussten, wo sie übernachten sollten, eröffnete der Geschäftsmann 1966 angrenzend ein Hotel, das er wie das Kino Gloria taufte. 1984 wurde das Kino geschlossen und in den Räumen ein Restaurant eröffnet.
Das Kino im Alten Waisenhaus hat 1968 für immer geschlossen
Auch in der Innenstadt taten sich Kinos immer schwerer. Die Familie Colm hat ihr Filmtheater im Alten Waisenhaus am Charlottenplatz 1968 für immer geschlossen. Dort, wo sich heute das Theater der Altstadt am Feuersee befindet, befand sich einstmals ein Kino. In der Feuerbacher Palette lief der letzte Film im April 1982. Der Kinosaal mit 254 Sitzplätzen war mal eine Gaststätte mit Bierkeller und galt nach dem Umbau als Musterbeispiel für technische Neuerungen.
Im Stuttgarter Osten gab es einst drei Filmtheater. 1980, als beim Ostendplatz ein letztes Mal „Vom Winde verweht“ lief, schrieb die Branchenzeitschrift „Das Filmtheater“: „Das 1911 eröffnete Ostend-Kino, die späteren Ostend-Lichtspiele, im Volksmund auch liebevoll ‚Floh-Kino‘ genannt, ist tot.“ Unser Leser Fred Schmid erinnert sich: „Als gebürtigem Degerlocher fallen mir sofort noch das Luxor und das Deli (Degerlocher Lichtspiele) ein.“ Wolfgang Müller schreibt über das damalige Gloria in Möhringen: „Der Besitzer Werner Dietz wohnte bei uns im Haus. Er beauftragte meinen Vater mit der Planung des Kinos, das den Vornamen seiner Frau bekam. In der Wanderkinozeit war ich Assistent von Dietz, als wir mit seinem Ford Eifel auf Tour gingen. Gespielt wurde in Wirtshaussälen im Raum Wendlingen/Dezisau. Ich half beim Auf- und Abbau und sah als angehender Teenager auch einige nicht jugendfreie Filme.“
„Als angehender Teenager sah ich auch einige nicht jugendfreie Filme“
Auch an die Planie-Lichtspiele der frühen Nachkriegszeit erinnert sich Wolfgang Müller sehr gut und gern: „Reichsmark für Kinobesuche hatte man ja genug, und so war ich wohl drei Mal in dem Western von 1939 ,Union Pacific – Die Frau gehört mir‘. Es ging um den Eisenbahnbau vom Osten der Vereinigten Staaten nach Kalifornien mit viel Western-Klischees und Kämpfen mit Indianern, die ihr Land verteidigten.“ Herbert Häfele hat seinen ersten Film im Jahr 1962 in Untertürkheim im Sonnentheater gesehen – es war „Der Schatz im Silbersee“. Ein Jahr später sah er im Uli-Theater (ebenfalls in Untertürkheim) den Film „Winnetou I“. Und Hans Hänßler schreibt: „Es gab in Zuffenhausen auch drei Kinos, eines davon sogar mit 4-Kanal-Magnetton. In Stuttgart- Rot waren die Heimatlichtspiele am längsten noch in Betrieb. In Bad Cannstatt der Panorama-Palast mit 70mm-Projektion von Herrn Behringer fast besser als das Atrium-70mm-Kino in Stuttgart. In Zazenhausen gibt es seit dem Jahr 1985 noch ein privates 70mm-Wohnzimmer-Kino.“
Mit dem Boom der Videokassette in den 1980ern war’s endgültig vorbei mit dem Kinovergnügen in den Vorstädten. Überlebt haben lediglich die Kinothek in Obertürkheim mit einem ambitionierten Programm und das Corso in Vaihingen, das sich auf Filme in der Originalfassung spezialisiert hat.
Am Ende hat es die Videotheken, die den Vorstadtkinos die Kunden wegnahmen, selbst erwischt, besiegt vom bequemen Streamen der Filme im Netz. Eine Frage kann heute keiner beantworten: Wird es für das Internet eines fernen Tages auch einen natürlichen Feind geben?
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