Die Bar Fledermaus in den Vereinigten Hüttenwerke in den 70ern – heute steht dort das Schwabenzentrum. Foto: Gerhard Goller

Das Schwabenzentrum an der B 14 feiert in diesem Jahr den 40. Geburtstag – und soll nicht viel älter werden. Der Investor plant den Teilabriss. Nach dem Krieg bestand dieses Viertel aus provisorischen Bauten. Erinnerungen an die Vereinigten Hüttenwerke.

Wer auf den alten Fotos die bunten Bretterbuden beim Breuninger sieht, könnte sie für die Kulissen eines amerikanischen Roadmovies halten. Doch es war Stuttgart, in dessen Mitte nach dem Zweiten Weltkrieg kuriose Baracken entstanden. Die Stadt war zu dieser Zeit ein Trümmerfeld, eine Ansammlung an Behelfsläden und Behelfswohnungen – und auch die Luden und Altstadtwirte wussten, wie man sich behilft. Ihre provisorischen Bauten, in der Ruinenwüste bei der Leonhardskirche schnell und unkompliziert wie bei einer Kirmes hochgezogen, gingen in der Stadtgeschichte als Vereinigte Hüttenwerke ein – der damalige Oberbürgermeister Arnulf Klett hatte diesen Begriff geprägt.

 

Rotlicht und Rock ’n’ Roll

Allenthalben drangen die Rathausbeamten auf städtebauliche Ordnung. Nur das Treiben in der Amüsierstraße hielt lange allen Stürmen stand. Wer glaubt, hier habe der Mechanismus der schwäbischen Kehrwoche versagt, dürfte sich täuschen. Eine besondere Reinlichkeit wird den einstigen Betreibern der zwar ärmlichen, aber doch fantasiereichen Nachtstationen nachgesagt. Wo heute das Schwabenzentrum als ungeliebter Klotz seinem Ende in Teilen entgegensieht, erblühte neben Strip und Nepp die Subkultur, wie man sie schon damals nannte. Rotlicht und Rock ’n’ Roll. In einigen Hütten spielten die angesagten Bands.

Luftaufnahme des gesamten Areals – im Hintergrund ist Breuninger. Foto: Gerhard Goller

Auf einer Luftaufnahme, die Gerhard Goller, der langjährige Leiter der städtischen Gaststättenbehörde, in den 1970ern gemacht hat, sieht man die vergleichsweise niedrigen Bauten entlang der Hauptstätter Straße – so manche Eltern sorgten dafür, dass ihre Kinder etwa auf dem Weg zum Kaufhaus Breuninger niemals durch diese Rotlichtstraßen mit leicht bekleideten Damen im Schaukasten kamen. Auf dem Breuninger-Dach sonnten sich die Schwimmer. Hier befand sich das Mineralbad – Stuttgarts erster Sky Beach.

Anekdoten aus den Hüttenwerken werden noch heute erzählt

Kann Stuttgart so verrucht sein? Die Stadt der besungenen Häuslebauer und des Schwabenfleißes hatte ihre andere, vielleicht nicht so stabile Kehrseite. Noch heute erzählt man von dem armen Zecher, der sich zur späten Stunde an die Außenwand einer vom roten Licht beschienenen Pariser Bar lehnte. Dort übermannte ihn die Müdigkeit. In dieser Nacht soll es heftig geregnet haben. Die Wand der Baracke sei irgendwann so aufgeweicht gewesen, dass sie plötzlich nachgab – und der schlafende Zecher rücklings in die Bar hineinplumpste. So schnell kam man also in die Hüttenwerke mit dem Kopf durch die Wand.

Die Namen an den Eingängen standen für die große Welt. Manhattan Bar oder Casino de Paris hießen die Amüsierlokale der ersten Stunde, in denen man mit Dollars bezahlen konnte, mit der Währung der Träume.

Brechend voll waren die Bars, wenn es freitags Lohntüten gab. Die Damen hatten Durst. Die Großzügigkeit dank guter Laune kam mitunter teurer als erwartet. Im Aushang standen Preise fürs Glas – die Flasche aber kostete ein Vermögen. Weil der Betrogene den häuslichen Frieden nicht gefährden wollte, verzichtete er meist auf den Prozess und zahlte.

1961 wurden Richtlinien für Tänzerinnen beschlossen

Die Sittenwächter hatten viel zu tun, weil sich kaum einer an die strengen Auflagen hielt. In den vom Varieté-Verband 1961 beschlossenen „Richtlinien für Tänzerinnen“ hieß es: „Das Publikum darf nicht zum Öffnen der Reißverschlüsse aufgefordert werden.“ Außerdem seien „laszive Gebärden zu unterlassen, die nur sinnliche Aufreizung bezwecken“. Die Rathauswächter schwärmten aus und entdeckten 1964 in der Bar Fledermaus eine Tänzerin, die mit sich und einer roten Wurst spielte – die ertappte Wurstliebhaberin durfte in dem Lokal nicht mal mehr als Bedienung arbeiten.

Man erzählt sich, dass die findigen Chefs der Nachtclubs der Vereinigten Hüttenwerke den damaligen Leiter der Ordnungsamtes diskret auf dessen dunkle Vergangenheit als SS-Mann in besetzten Gebieten hingewiesen hatten. So klappte es problemlos mit der Sperrzeitverkürzung.

So sah es drinnen in einer Bude der Vereinigten Hüttenwerke aus. Foto: Gerhard Goller

Als das Amüsierviertel mit seinen Verschlägen in den späten 1970ern weichen musste, ist bis 1985 ein Dienstleistungs- und Geschäftszentrum mit etwa 40 000 Quadratmeter Nutzfläche für Büros entstanden. 50 Läden und zahlreiche Restaurants sollten zur Belebung des Quartiers beitragen. Der Bau war bereits damals nicht unumstritten, im „Architekturführer Stuttgart“ heißt es beispielsweise: „Gestalterisch wirkt der mit Naturstein verkleidete Komplex etwas blass; für diese exponierte Lage wäre mehr Fantasie und Eigenständigkeit angebracht gewesen.“

Jetzt hat der Investor bekannt gegeben, dass große Teile des Schwabenzentrums abgerissen werden. In diesem Jahr kann noch der 40. Geburtstag gefeiert werden – doch nach dem Schwabenalter soll vieles verschwinden. Schon jetzt stehen dort viele Läden leer. Wie der Projektentwickler mitteilte, soll an der Adresse Eberhardstraße 1–5 bis zum Jahr 2028 ein neuer Gebäudekomplex mit Flächen für Büronutzung, kleinteiligen Einzelhandel, Cafés und Nahversorger entstehen. Der Name: Central One.

Stuttgarter Stadtentwicklung sieht also so aus: Von den Vereinigten Hüttenwerke der Wirtschaftswunderjahre geht’s zum Central One der Zukunft.

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