„Rettet das Leonhardsviertel“ – so hieß es im Jahr 1983 auf Transparenten in der Alstadt. Foto: Kraufmann

Das Leonhardsviertel zählt zu den ältesten Quartieren Stuttgarts. Eine mittelalterliche Vorstadt wurde zum Ort der Brüche – geprägt von Krieg, Rotlicht und Zukunftsplänen.

Wem das Leonhardsviertel seinen Namen verdankt? Dem Adelssohn Leonhard vom Limoges, der um das Jahr 500 geboren wurde und als Schutzpatron der Gefangenen, der Landwirte und Pferdezüchter von der Katholischer Kirche als Heiliger verehrt wurde. Nach ihm ist die Kirche benannt – und später auch das gesamte Viertel, das um das Gotteshaus entstand.

 

Das Leonhardsviertel zählt zu den ältesten Stadtteilen Stuttgarts. Es entstand im 14. Jahrhundert als Esslinger Vorstadt, die erste geplante Stadterweiterung jenseits des mittelalterlichen Stadtkerns, und wuchs gemeinsam mit dem heutigen Bohnenviertel über die Stadtmauern hinaus. Über Jahrhunderte hinweg bildeten beide Viertel einen zusammenhängenden urbanen Raum, geprägt von Handwerk, kleinen Wirtshäusern und lebendigem Alltagsleben.

So sah der Platz mal um die Leonhardskirche aus. Foto: Archiv

Als der Leonhardsplatz ein richtiger Platz war

Im Zentrum des Viertels lag der Leonhardsplatz, einst ein weitläufiger Platz, an dem Marktstände und Tagelöhner zusammenkamen. Historisch war er Treffpunkt, Bühne und Puls des Viertels zugleich. Durch die Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg und den Bau der Bundesstraße B14 in der Nachkriegszeit wurde der Platz stark verändert und vom Stadtzentrum getrennt. Heute ist der Leonhardsplatz kaum noch als klassischer Platz erkennbar.

Rund um die Kirche St. Leonhard, erstmals 1408 erwähnt, entwickelte sich das Viertel mit Werkstätten, Mostwirtschaften, kleinen Läden und Gasthäusern. Bis 1910 fand am Leonhardsplatz der „Krempelesmarkt“ statt, ein lebhafter Flohmarkt entlang der Mauern des ehemaligen Friedhofs. Tagelöhner – im Volksmund „Leonhardsschlamper“ genannt – warteten auf Arbeit, Kinder liefen zwischen den Ständen umher, Gerüche von Holzrauch und Essen lagen in der Luft. Das Viertel war rau, aber lebendig – ein Stadtteil mit eigenem Rhythmus.

Ein Zeichen der Moderne setzte das Viertel im April 1931. An der Marktstraße 3 eröffnete Eduard Breuninger einen 37 Meter hohen Stahlskelettbau – acht Etagen Warenwelt, entworfen von Eisenlohr & Pfennig, trotzig errichtet mitten in der Weltwirtschaftskrise. Das Gebäude prägte den Leonhardsplatz ebenso wie die umliegenden kleinen Läden.

Die Leonhardskirche brannte im Kriegsjahr 1944 aus

Doch die Pracht währte nur kurz: Im Zweiten Weltkrieg wurde das Hochhaus zerstört, ebenso große Teile der Altbebauung. Die Leonhardskirche brannte 1944 aus, wurde 1950 in veränderter Form wiederaufgebaut, ebenso das benachbarte Gustav-Siegle-Haus entstand neu nach den Originalplänen von vor dem Ersten Weltkrieg.

Mit dem Haus, das der Industrielle Gustav Siegle gestiftet hat, erhielt das Viertel früh eine bedeutende Bildungs- und Kulturstätte – und Jahrzehnte später einen Platz in der Popgeschichte: 1977 spielten AC/DC hier vor 800 Zuschauern ein legendäres Konzert. Heute ist das Haus die Heimat der Stuttgarter Philharmoniker.

Das Leonhardsviertel in den 1980ern Foto: Archiv

Auch das 1930 eröffnete Leonhardsbad war ein Ort des Alltagslebens. Bis 1990 kamen Generationen von Stuttgartern hierher, weil viele Wohnungen kein eigenes Bad hatten. Das wöchentliche „große Baden“ in den Zinkwannen gehörte für viele zum festen Ritual.

In der Nachkriegszeit wandelte sich das Leonhardsviertel: Behelfsläden und provisorische Wohnungen entstanden, das Viertel, das zuvor keine Prostitution in dieser Größenordnung kannte, entwickelte sich zum Rotlichtbezirk. Menschenhandel, Zuhälterei und Kriminalität verdrängten nach und nach die alte Nachbarschaft. Die Stadtautobahn zerschnitt das Quartier zusätzlich, der Leonhardsplatz verlor seine zentrale Funktion. Während im benachbarten Bohnenviertel eine Aufwertung gelang, blieb der große Wandel im Leonhardsviertel aus.

1983 hingen Transparente zwischen den Häusern im Leonhardsviertel

Schon vor über 40 Jahren gab es Demonstrationen und Transparente zwischen den Häusern, auf denen stand „Rettet das Leonhardsviertel“. Heute steht das Viertel wieder im Fokus von hitzigen Debatten. Mit dem im Dezember 2024 beschlossenen Bebauungsplan will die Stadt Stuttgart eine neue Nutzungsmischung fördern: Wohnen, Handwerk, Kultur und Gastronomie sollen gestärkt, Laufhäuser, Wettbüros und neue Bordelle ausgeschlossen werden. Ziel ist es, die kleinteilige Struktur und die historische Charakteristik des Viertels wieder sichtbar zu machen und zugleich den urbanen Alltag zu beleben.

Doch der Wandel ist nicht konfliktfrei. Neue Bars und Clubs gelten manchen als Hoffnungsträger für ein lebendiges Viertel, andere klagen über Lärm und nächtliche Exzesse. Rund um einzelne Lokale wie die Uhu-Bar entzünden sich exemplarisch Streitpunkte zwischen Anwohnern, Gewerbe und Stadt.

Das Leonhardsviertel bleibt damit ein Ort im Wandel – zwischen alter Geschichte, Nachkriegsbrüchen und aktuellen städtebaulichen Entwicklungen. Es war nie nur Kulisse, sondern immer Spiegel gesellschaftlicher Entwicklungen. Die Herausforderung für Stuttgart besteht darin, diesem ältesten Viertel eine Zukunft zu geben, die seiner Vergangenheit gerecht wird.

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