Von 1901 bis 1905 ist das alte Rathaus erbaut worden: Die Luftaufnahme zeigt den Marktplatz und den Tagblattturm, der 1927/1928 gebaut worden ist. Foto: Paul Hommel

Welche Gebäude, die das alte Stuttgart geprägt haben und nicht mehr vorhanden sind, werden in der Stadt am meisten vermisst? Das Ergebnis einer kleinen Umfrage unseres Stuttgart-Albums fällt eindeutig aus.

Stuttgart - Nicht nur die Bomben der Alliierten sind schuld daran, dass wichtige Teile der Architektur von Stuttgart fehlen. Auch nach Kriegsende ging die Zerstörung weiter. Der Abriss des Kaufhauses Schocken an der Eberhardstraße im Mai 1960 gilt bis heute als Sünde der Stadtbaugeschichte und hat sich tief eingegraben ins Gedächtnis der Bürger. Auf der Facebook-Seite unseres Stuttgart-Albums wollten wir von mehr als 15 000 Fans (die meisten sind zwischen 30 und 40 Jahre alt) wissen, welche Gebäude aus dem alten Stuttgart die Menschen am meisten vermissen. Ganz vorne steht der Mendelsohnbau, der verschwinden musste, um die Straße „autogerecht“ zu verbreitern. Studenten hatten dagegen protestiert, auch renommierte Architekten aus aller Welt, nicht zuletzt die Witwe des Erbauers – vergeblich.

Die Behörden waren nicht bereit, das Warenhaus mit der markanten Fassade unter Denkmalschutz zu stellen. Peter Mielert schreibt im Internetforum unseres Geschichtsprojekts: „Das Schocken wurde dem Straßenverkehr geopfert, so wie auch jüngst das Ensemble aus altem Zollamt und Güterabfertigungsgebäuden im Neckarpark wegen einer Straßenplanung geopfert wurden, die geringfügig hätte geändert werden müssen.“ Sandro Denarotico kommentiert: „Der Krieg ist zwar schon 74 Jahre vorbei. Trotzdem bekommen wir es alle noch immer zu spüren. Die Identität der Stadt ist flöten gegangen. Tradition spielt heute kaum noch eine Rolle.“ Kritik übt auch Andreas Kirn. „Als nächstes wird wohl der Bonatzbau dran glauben müssen. Stuttgart hat seinen Charme verloren.“

OB Klett wollte den Verkehrsweg in den Westen öffnen

Nach dem Bombenangriff im Zweiten Weltkrieg bleiben die Außenmauern des Kronprinzenpalais am Königsbau stehen – ein Wiederaufbau wäre möglich gewesen. Doch OB Arnulf Klett wollte den Grundriss der vom Krieg zerstörten Innenstadt neu ordnen und den Verkehrsweg in den Stuttgarter Westen öffnen. 1956 einigten sich Stadt und Land unter heftigen Protesten auf den Abriss des Palais. Aber erst 1965 wurden die letzten Mauern der Ruine entfernt. Vor Stuttgart 21 ist über kein anderes Thema in dieser Stadt so heftig gestritten worden wie über das stattliche Palais des Kronprinzen.

Im Vergleich zu früher, so wird im Facebook-Forum des Stuttgart-Albums bedauert, ist nach dem Krieg „wenig emotional“ gebaut worden. Auch dem alten Rathaus mit dem markanten Turm trauern viele nach. 1901 bis 1905 ist es im Stil der flämischen Spätgotik erbaut worden. 1944 brannte der Vorgängerbau des heutigen Rathauses bei den Luftangriffen auf Stuttgart fast bis auf die Mauern aus. Teile der beiden Seitenflügel sind erhalten. Der heutige Marktplatzflügel wurde in den 1950ern erstellt. Die alte Pracht einer stolzen Stadt lebt auf alten Fotos weiter, die gerade bei jungen Menschen gut ankommen.

Diskutieren Sie mit unter : www.facebook.com/Album.Stuttgart. Zu unserer Serie sind drei Bücher erschienen, zuletzt „Das Beste aus dem Stuttgart-Album“ im Sutton-Verlag.
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