Im Kronprinzenpalais beim Königsbau fanden die ersten Messen der Handelshof AG statt. Foto: Archiv

Bisher dachte die Messe Stuttgart, aus der Reichsgartenschau 1940 auf dem Killesberg hervorgegangen zu sein – doch in Wahrheit ist sie deutlich älter. Dies haben jüngste Recherchen in Archiven ergeben.

Die Beschäftigung mit der eigenen Historie gehörte bisher eher nicht zur Kernkompetenz der Messe Stuttgart. Das Unternehmen, das zur einen Hälfte der Stadt und zur anderen dem Land gehört, hielt sich über Jahrzehnte für deutlich jünger als es in Wahrheit ist. Niemand war auf die Idee gekommen, in den Archiven nachzuschauen, wann das „Schaufenster für die Märkte der Welt“ entstanden ist. Über den Umweg Indien ist man zu überraschenden Erkenntnissen gelangt.

 

Die Anfänge der Ausstellungen, so weiß man nun, gehen keineswegs auf das Jahr 1940 zurück, wie in vielen Schriften der Messe zu lesen ist. Gestartet ist die Vorgängergesellschaft schon im Jahr 1918. Quasi über Nacht ist die Stuttgarter Messe also um 22 Jahre gealtert.

Feste sollte man feiern, wie sie fallen. 2018, also zwei Jahre vor Corona, hätte eine Riesenparty auf den Fildern zum 100. Geburtstag der Messe steigen können. Doch die Verantwortlichen haben das Jubiläum schlicht übersehen, weil sie ihren wahren Ursprung gar nicht kannten. Indien führte schließlich zur Erkenntnis, dass man die eigene Geschichte umschreiben muss. Die Stuttgarter wollten nämlich in Indien ein Tochterunternehmen gründen, weshalb die dortige Behörden ganz genau alle Dokumente verlangten, die das Gründungsjahr der Messe belegen – nun also begannen Recherchen in den Archiven.

Offen sind die beiden Messegeschäftsführer Roland Bleinroth und Stefan Lohnert bei ihrem Neujahrsempfang mit dem eigentlich für eine Firma peinlichen Eingeständnis umgegangen, dass man sich seit Generationen einen historischen Lapsus geleistet hat.

Umso spannender sind die neuen Erkenntnisse. Aus Unterlagen aus dem Landesarchiv Baden-Württemberg sowie dem Hauptstaatsarchiv Stuttgart geht hervor, dass sich die Messe-Vorläuferin, die Stuttgarter Handelshof AG, bereits im Oktober 1918 ins Handelsregister eintragen ließ. Der neuen Aktiengesellschaft, so lässt sich in den historischen Dokumenten nachlesen, gehe es um die „unmittelbare Förderung der Interessen der württembergischen Wirtschaft sowie kultureller und wissenschaftlicher Bestrebungen durch Veranstaltung und Organisation von Ausstellungen, Messen und ähnlichen Unternehmungen, durch Vermietung von Ausstellungshallen für Abhaltung von Kongressen und Versammlungen sowie zu sportlichen, musikalischen und ähnlichen Veranstaltungen von künstlerischem, wirtschaftlichem und kulturellem Wert“.

Die erste Messe im Kronprinzenpalais war die „Jugosi“

Das sind Formulierungen, die auch heute noch gelten. Der Aufsichtsrat der Stuttgarter Handelshof AG setzte sich unter dem Vorsitz von Oberbürgermeister Karl Lautenschlager aus Vertretern der Kommunal- und Landespolitik sowie der örtlichen und regionalen Wirtschaft zusammen. Man kann’s also mit dem heutigen Aufsichtsgremium der Messe vergleichen.

Die erste Ausstellung fand im frei gewordenen Kronprinzenpalais beim Königsbau statt. Die Monarchie war vorbei, die ehemals königliche Familie nutzte das Gebäude nicht mehr. Gezeigt wurden auf 4000 Quadratmetern bei der Messe „Jugosi“ Juwelen, Uhren, Gold-, Silber- und Metallwaren. Führende Unternehmen aus Stuttgart, Pforzheim, Heilbronn, Schwäbisch Gmünd sowie aus dem Schwarzwald stellten aus. Es folgten zahlreiche Messen im einstigen Domizil des Königshauses Württemberg, etwa die Genussmittel-Ausstellung, die erste Stuttgarter Buchmesse, die Jubiläumsausstellung des Schwäbischen Schillervereins und viele mehr.

1927 zogen die Messemacher in die Gewerbehalle am Stadtgarten um, wo heute die Universitätsbibliothek Stuttgart steht. Das Kronprinzenpalais wurde 1930 bis zur Teilzerstörung durch Kriegsbomben im Jahr 1944 zum Sitz der Staatlichen Kunstsammlungen. Nach dem Krieg ist lange über die Zukunft dieses Gebäudes gestritten worden. Die Ruine hätte man sanieren und aufbauen können.

Der Geist der damaligen Zeit verlangte nach der „autogerechten Stadt“. OB Arnulf Klett wollte eine Ost-West-Verbindung in der City schaffen, was Bahnhofserbauer Paul Bonatz als prominente Stimme nicht verhindern konnte. 1963 ist das Kronprinzenpalais abgerissen worden – und der Stadt wurde eine tiefe Wunde zugefügt, von der sie sich über Jahrzehnte nicht erholen konnte.

Das dunkelste Kapitel in der Historie der Killesberg-Messe

Die Messe verließ noch vor Kriegsende die Innenstadt und erwachte auf dem Killesberg zu neuem Leben. Hervorgegangen ist die Messe, so hieß es bisher, aus der Reichsgartenschau von 1939. Die Hallen auf dem Gelände, später im Krieg zerstört, sind 1941 und 1942 als Sammellager für die Deportation Tausender Juden aus Stuttgart und Württemberg in die Konzentrationslager der Nazis zweckentfremdet worden – das dunkelste Kapitel in der Historie der Killesberg-Messe.

Wenige Jahre nach dem Krieg freute sich das Land über das Wirtschaftswunder. Neben der für die Gartenschau errichteten neuen Messehallen entstanden bis 1952 noch vier weitere Ausstellungsgebäude mit rund 10 000 Quadratmetern Fläche. Zur Gartenschau schwebte eine Sesselbahn über dem Gelände. 2007 ist schließlich die Neue Messe beim Flughafen eröffnet worden.

„Wir holen die Feier zum 100. Geburtstag der Messe nach“, versprach Geschäftsführer Stefan Lohnert beim Neujahrsempfang, aber nicht 2024, da sei zu viel los. Sein Unternehmen habe ein „neues Rekordjahr im Visier“. Die Messe ist zwar nicht mehr so jung, wie sie noch vor wenigen Wochen dachte – aber ehrgeizig wie eh und je!

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