Stuttgart-Album Erinnerungen an große Zeiten der oberen Königstraße

Von Uwe Bogen 

Mit Teilen der Königstraße geht es bergab, sagen Immobilienhändler. Die Mieten sind trotzdem noch sehr hoch. Die einstige Prachtmeile hat große Zeiten erlebt – und war doch mal ein mit Wasser gefüllter Graben. Unser Geschichtsprojekt blickt auf die obere Königstraße zurück.

Die obere Königstraße in den 1960ern. Foto: Sammlung Wibke Wieczorek

Stuttgart - 1200 Meter ist sie lang und meist 25 Meter breit, Stuttgarts Königin der Straßen, die Schlagader des urbanen Lebens. Pfeilgerade ist sie – nur das obere Ende nicht. Fast rechtwinklig biegt die bekannteste Straße der Stadt am Zugang zur Haltestelle Rotebühlplatz ab, führt als Querspange am Wilhelmsbau vorbei, ehe sie in die Eberhardstraße mündet.

1811 kam die Straße zu ihrem Namen, als König Friedrich I. den fünften Geburtstag des Königreichs Württemberg feierte und noch mehr Glanz unweit seines Schlosses wollte. Der Monarch ließ den Großen Graben auffüllen, der diese Betzeichnung trug, weil er sich an der Stelle der heutigen oberen Königstraße vor der Stadtmauer befand. Daraus sollte die wichtigste Handels- und Prachtstraße seines Königreichs werden.

Seit 1979 ist die obere Königstraße Fußgängerzone

Kaum eine andere Straße hat sich so oft gewandelt und ihr Gesicht verändert wie die Königstraße, die im oberen Teil seit 1979 Fußgängerzone ist. Von der früheren architektonischen Pracht sind nur wenige Gebäude erhalten. Auf den mehr als 100 Jahren alten Aufnahmen ist zu sehen, dass zur Grundausstattung der meist kleinen Läden die Markise zählte. Zum Straßenbild gehörten Damen mit langen Röcken. Dazu schreibt Gisela Salzer-Bothe im Facebook-Forum unseres Stuttgart-Albums: „Meine Großmutter Anna, die bei Kollmer auf der Königstraße ihre Ausbildung als Hutmacherin begann, erzählte mir immer von Besenlitzen, die man unten in den Saum der langen Röcke nähte, um den Staub der Straße abzuwehren, damit der Saum nicht dreckig wird.“

Für zahlreiche Kommentare hat ein Foto von der oberen Königstraße von 1968 gesorgt. Darauf ist ein Zebrastreifen zu sehen, der nur über die Hälfte der Straße geht und wohl für den Bau der Gleise verkleinert worden ist. Cristian Conesa spottet: „Der Zebrastreifen ins Nichts ist der Vorläufer des Fahrradstreifens ins Nichts. Sehr beliebt in Stuttgart.“ Es gab noch keine Bäume auf der Einkaufsstraße, auf denen Autos und die Straßenbahnen fuhren – den Fußgängern blieben nur schmale Gehsteige.

Alle Damen seufzten nach ihm

Blicken wir noch weiter zurück: Der Flaneur Eduard Paulus (1837 bis 1907) drückte seine Verzückung für Stuttgarts zentrale Meter so eindringlich aus, als gehe es um eine verzauberte Prinzessin: „Königstraße, meine Wonne./oh, was wäre ich ohne dich.“ 1838 hat Carl Theodor Griesinger den „Königstraßenlöwen“ gerühmt: „Er führt diesen Namen, weil er tagtäglich etliche Stunden auf und ab promeniert und weil er den anderen Männern gegenüber das ist, was der Löwe gegenüber anderen Tieren ist.“ Ein Dandy war’s, der die Prachtstraße auszukosten wusste – und die Damenblicke genoss, die er wie kein anderer auf sich zu lenken verstand. „Verheiratet ist er nie“, schrieb Griesinger, „aber alle Damen seufzen nach ihm.“

„Das Beste aus dem Stuttgart-Album“ als Buch

Auch als die Monarchie längst vergangen war, blieb die Königstraße der größte Breitengrad der Stadt. Als der VfB 1950 deutscher Fußballmeister wurde, feierte er hier. 1965 fuhrt die Queen im offenen Mercedes auf der Prachtmeile. Nun aber heißt es, die Königstraße befinde sich im Abwärtstrend, weil ihr der Online-Handel und neue Einkaufszentren zusetzten. Trotzdem bleiben die Mieten so hoch, dass sie sich fast nur große Ketten leisten können.

Diskutieren Sie mit unter: www.facebook.com/Album.Stuttgart. Zu unserer Serie ist kürzlich das Buch „Das Beste aus dem Stuttgart-Album“ im Sutton-Verlag erschienen.