Wilhelm Gauger hat diese Karte vom Krieg vor 100 Jahren an seine Tochter geschrieben. Foto: Hansen

Vor 100 Jahren hat ihr Großvater eine Feldpostkarte aus dem Krieg an ihre damals sechsjährige Mutter geschrieben: Unsere Leserin Ellen Hansen erinnert in unserem Geschichtsprojekt an eine unheilvolle Zeit, in der Väter aus ihren Familien gerissen wurden.

Stuttgart - „Liebe Anne!“, so beginnt die Feldpostkarte, die Wilhelm Gauger als junger Soldat an seine Tochter zu deren sechstem Geburtstag geschrieben hat. 100 Jahre ist dies nun her. Unserer Leserin Ellen Hansen – sie ist die Enkelin des Kartenschreibers – verdanken wir die Erinnerung an eine Zeit, in der Väter aus ihren Familien gerissen wurden. Das Dokument, das sie in Ehren hält, ist heute ein Dank an die Väter, von denen viele schwer verletzt oder traumatisiert aus dem Ersten Weltkrieg zurückgekehrt sind.

Im Leben dieser Generation war nichts mehr normal. Auch der Alltag in der Schule sah plötzlich ganz anders aus. In den Klassenzimmern wurden Landkarten aufgehängt, an denen man mit eingesteckten Fähnchen den Verlauf der Front markierte. Für ältere Schüler bestand die Gefahr, an die Front zu kommen. Dies war mit ein Grund, warum die anfängliche Kriegsbegeisterung nach und nach schwand.

Die „liebe Anna“ ist die Mutter unserer Einsenderin Ellen Hansen. Auf seiner Feldpostkarte von 1916 verspricht Wilhelm Gauger, seinem „Schätzchen“ was Schönes mitzubringen, wenn er in einigen Tagen auf Heimaturlaub nach Stuttgart kommt. Der Krieg sollte noch zwei Jahre dauern.

Die Post kam aus Busigny

„Das Jahr 1916 war gekennzeichnet durch einen Stellungskrieg, der im Westen keinem der Kontrahenten einen Vorteil brachte“, weiß Ellen Hansen, „im Frühjahr geht Verdun in die Geschichte ein, im Herbst wütet die Schlacht an der Somme.“

Was war da los, damals an der Westfront? Die Enkelin von Wilhelm Gauger hat in „Meyer’s Lexikon“ nachgeschlagen, in dem zwölfbändigen Werk von 1926. Ellen Hansen: „Dort wird, fast wie an der Kriegsschule, der Frontverlauf im Detail aufgezeichnet. Die deutschen Linien verlaufen tief in Frankreich, in Steinwurfentfernung die französische Front, im Norden unterstützt von den Engländern – und nichts bewegt sich. Geländegewinne von wenigen Kilometern werden durch immense Verlustzahlen auf beiden Seiten erkauft.“

Die Post ihres Großvaters kam aus Busigny. Die Landkarte muss schon sehr detailreich sein, um dieses französische Nest ausfindig zu machen. „Eine Landmarke ist die Eisenbahnlinie von St. Quentin nördlich von Paris nach Charleroi in Belgien“, sagt Ellen Hansen, „mein Großvater war als Postbeamter dienstverpflichtet und für den schriftlichen Kontakt der Frontsoldaten mit der Heimat zuständig.“ Ungemein wichtig für alle war es, die Feldpost von Busigny, keine 30 Kilometer hinter der Front, auf die Eisenbahn ins Kaiserreich zu bringen. Über zwei Jahre dauerte der Krieg noch. Nichts war danach, wie es zuvor war. „Opa Gauger erlebte die Abdankung des deutschen Kaisers, die Inflation im Jahr 1923, in der ein Laib Brot Milliarden oder gar Billionen kostete, sowie nochmal einen Krieg mit noch verheerenderen Folgen“, hat die Leserin uns geschrieben. Ellen Hansen behält ihren Opa in guter Erinnerung: „Ich habe ihn wie aus dem Märchen erlebt, gütig und liebevoll.“

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