Stuttgart-Album: Die Geschichte eines Bretterzauns von 1963 So radikal hat sich die Stuttgarter City verändert

Von Uwe Bogen 

Ein Bretterzaun stand 1963 dort, wo sich heute das Kunstmuseum befindet. Kurz zuvor hatte man das Kronprinzenpalais abgerissen. Kaum ein anderer Ort hat sich nach dem Krieg so radikal gewandelt wie diese zentralen Meter beim Königsbau.

Stuttgart - In jenem Monumentalfilm, der 1963 in deutsche Kinos kam, spielte Hollywooddiva Elizabeth Taylor die berühmte Ägyptenkönigin der Antike. Richard Burton, ihr späterer Ehemann, war ihr Filmpartner. Beide waren damals noch anderweitig verheiratet. Und Stuttgart sah völlig anders aus, als das seinerzeit führende Stadtkino Atrium großflächige Reklame zum Start von „Cleopatra“ auf einem Bretterzaun beim Königsbau aufhängen ließ – dort, wo das Herz der Stadt schlägt.

Diese historische Aufnahme, die aus dem Privatarchiv der Kinofamilie Colm stammt, hat auf der Facebook-Seite unseres Stuttgart-Albums zahlreiche Reaktionen ausgelöst. Der Mercedes mit dem hohen Kühlergrill, der darauf zu sehen ist, hat noch heute seine Fans. Und an den Schutzmann, der im weißen Mantel auf einem Podest den Verkehr regelt, als es nur wenige Ampeln in der Stadt gab, erinnern sich ältere Stuttgarter gern. Manch ein Jüngerer unter den Internetnutzern wollte das Foto nicht so recht in Einklang zu dem bringen, was er heute von den Stadtansichten kennt. „Ich hab echte Probleme mit der Standortbestimmung“, räumt ein Kommentator ein.

Die Geschichte des Kleinen Schlossplatzes ist eine Geschichte der Emotionen

Im Hintergrund des Fotos ist der Königsbau zu sehen, an dem man sich orientieren kann. In dessen Nachbarschaft hat sich nach dem Krieg sehr viel verändert. Die Geschichte des Kleinen Schlossplatzes ist eine Geschichte der Emotionen. Vor dem Bahnprojekt Stuttgart 21 ist über kaum ein anderes Thema so heftig gestritten worden wie über diesen Bereich der Königstraße. Hart umkämpft war jeder Schritt von der Ruine des Kronprinzenpalais bis zum rundum verglasten Kunstmuseum.

Nach der Bombardierung im Zweiten Weltkrieg standen nur noch die Außenmauern des 1844 bis 1850 für Kronprinz Karl und seine Frau Olga gebauten Palais. Ein Wiederaufbau wäre möglich gewesen. Doch OB Arnulf Klett wollte den Grundriss der zerstörten Innenstadt neu ordnen und den Verkehrsweg in den Stuttgarter Westen öffnen. 1956 einigten sich Stadt und Land unter heftigen Protesten, dem einstigen Domizil des Kronprinzen ein Ende zu bereiten. Aber erst 1962 und 1963 wurde der Abriss vollzogen.

Kunstmuseum wurde 2005 eröffnet

Mit dem Bau des Planietunnels entstand der Kleine Schlossplatz. Etwa sechs Meter über dem Niveau der Königstraße stülpten die Architekten einen Deckel über den Verkehrsknotenpunkt von Straßenbahn und Autos. Stadtbalkon nannte man die Betonplatte mit Verkaufspavillons. Als 1977 die Königstraße zur Fußgängerzone wurde, blieben die Autofahrbahnen mit ihren schwarzen dunklen Löchern unter dem Betondeckel verwaist. Denn der Verkehr wurde um einen Stock tiefer gelegt. 1992 ist eine Freitreppe von der Königstraße hoch zum bereits totgesagten Kleinen Schlossplatz gebaut worden, der aufblühte wie nie zuvor. 2002 allerdings kamen erneut die Abrissbagger, damit das in der Stadt langersehnte Kunstmuseum gebaut worden konnte. Der hochgelobte Glaswürfel wurde 2005 eröffnet – dort, wo einst Werbung gemacht wurde für eine Cleopatra, die Elizabeth Taylor hieß.

Diskutieren Sie mit unter: www.facebook.com/Album.Stuttgart. Drei Bücher sind zu unserem Geschichtsprojekt erschienen, zuletzt „Das Beste aus dem Stuttgart-Album“ im Sutton-Verlag.

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