Stuttgart-Album Breuninger hatte Stuttgarts ersten Skybeach

Von Uwe Bogen 

Bis 1988 hat das Kaufhaus Breuninger ein Mineralbad im Dachgeschoss betrieben, dem viele Stuttgarter trotz der gehobenen Preise noch immer nachtrauern.

Stuttgart - Über den Dächern, ja, da liegt der Strand. Sonnenbaden über dem Shopping-Gewusel ist keine Erfindung der neuen Zeit. Einen Skybeach mit toller Aussicht auf die Stadt gab es schon in den 1970ern, nur hieß er damals noch nicht so.

Bis 1988 hat das Kaufhaus Breuninger ein Mineralbad im Dachgeschoss betrieben, dem viele Stuttgarter trotz der gehobenen Preise noch immer nachtrauern. Man konnte nach dem Schwimmen im 25-Meter-Becken auf der Dachterrasse auf Liegestühlen oder gar in einem Strandkorb relaxen – mit Blick auf den Tagblatt-Turm.

Mama probierte ungestört Hunderte von Schuhen an, während Papa mit den Kindern im selben Gebäude für das Schwimmabzeichen Seepferdchen trainierte. Auch an die Zooabteilung, den Kinderfriseur und an die Milchbar im dritten Stock von Breuninger erinnern sich viele. Der Bär Breuni, bereits 1952 als Maskottchen eingeführt, war damals der Star im Stuttgarter Kinderzimmer.

In den 60ern konnte man Gorillas bei Breuninger besuchen

Beim Kinderfriseur saßen die Kleinen auf Holzpferden und kamen sich vor wie auf einem Karussell. Gegenüber befand sich ein Schaugehege der Zooabteilung. Hier gab es in den 1960ern Gorillas. Breuninger hatte der Wilhelma die Finanzierung einer Gorilla-Aufzucht gespendet. Im Gegenzug durften die Affenkinder ins Kaufhaus, was als Werbung für die Wilhelma galt, sich aber rasch als Magnet für Breuninger erwies.

Durch Zufall waren Arbeiter beim Ausheben der Baugrube für den Breuninger-Markt am Marktplatz 1971 auf eine Quelle gestoßen. Da es sich um eine mineralhaltige Schüttung handelte, überlegte der Firmenchef Heinz Breuninger nicht lange und ließ das Mineralbecken mit Sauna und Freibereich bauen. Eröffnung war 1972. Sinn für Ausgefallenes zeichnete Heinz Breuninger aus, den Chef der dritten Generation. 1959 führte er die Kundenkarte ein, damals ein Novum im deutschen Handel. Bis in die früheren 1980er Jahre konnten die Kaufhausbesucher im Untergeschoss zwischen Mittelbau und Hochhaus zwei Aquarien an der Decke bestaunen, die den Lauf des Nesenbachs simulierten, der unter dem Kaufhaus verlief. Echtes Nesenbachwasser konnte das freilich nicht sein. Denn der Bach floss zu dieser Zeit nicht in den Neckar, sondern aus gutem Grund direkt ins Klärwerk Mühlhausen.

1980 starb Heinz Breuninger mit 60 Jahren. Sein Nachfolger Willem G. van Agtmael ließ den Badespaß noch einige Jahre gewähren. Als die Besucherzahlen zurückgingen und das Defizit nach eigenen Angaben auf über eine Million Mark im Jahr anstieg, wurde die Badeoase 1988 geschlossen. Ein französisches Fitnessstudio zog ein, das sich aber auch nicht lange halten konnte. Das einstige Bad wurde zur Mitarbeiterkantine.

Seit dem Umbau des Mitarbeiterbereichs sind auch die letzten Reste des Bades für immer verschwunden. Im alten Fotostudio von Breuninger befanden sich noch lange Zeit Fliesen aus der Mineralwasserzeit. Heute dürfen Mitarbeiter des Kaufhauses in der Mittagspause auf der Terrasse in der Sonne liegen. Und können von der Zeit träumen, als man noch mitten in der Stadt über den Dächern schwimmen konnte.

Lust auf mehr? Dann blättern Sie doch durch unsere historischen Bildergalerien in unserer Rubrik "Stuttagrt früher".

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