Der betagte Angeklagte sagt, er sei unschuldig. Foto: dpa

Ein 78 Jahre alter Mann steht in Stuttgart wegen Vergewaltigung einer Frau und wegen sexuellen Missbrauch eines Kindes vor Gericht. Er bestreitet die Vorwürfe.

Stuttgart - Das alles ist nicht wahr, alles war ganz anders, er ist unschuldig – so lässt sich der 78 Jahre alte Angeklagte vor der 4. Jugendschutzkammer des Landgerichts ein. Dabei hatte er bei seiner polizeilichen Vernehmung ein Geständnis abgelegt, das er später jedoch widerrief.

Die Staatsanwältin wirft dem Rentner vor, er habe Anfang September vorigen Jahres die achtjährige Tochter seiner Nachbarin im Stuttgarter Osten missbraucht. Der irakischstämmige Deutsche soll das Kind mit dem Finger penetriert haben, als die Mutter einkaufen war.

Der Angeklagte ist Analphabet

Noch am selben Tag war der Mann, der keine Schule besucht hat und kaum lesen und schreiben kann, festgenommen worden. Im Zuge der Ermittlungen stieß die Polizei auf einen anderen Fall aus dem Jahr 2015. Am 12. Oktober war eine damals 28-jährige Frau von einem betagten Mann erst in der Stadtbahn und dann vor ihrem Wohnhaus in Botnang massiv sexuell belästigt worden. Von dem Täter lagen Videoaufnahmen aus der Stadtbahn und DNA-Spuren vor. Laut Staatsanwaltschaft handelt es sich um den 78-Jährigen.

Auf dem einen Video sieht man, wie der Mann die Frau in der U 9 anspricht, wie er an ihrem Schal herumfummelt, sie dann umarmt und küsst. Das zweite Video zeigt, wie er der 28-Jährigen nach dem Umsteigen in die U 2 in Botnang folgt, als sie aussteigt. Er soll sie vor ihrem Haus erneut umarmt, geküsst und unsittlich berührt haben. Obwohl die Frau sich gewehrt habe, sei er mit dem Finger in sie eingedrungen – was juristisch eine Vergewaltigung ist – und habe sein Geschlechtsteil an ihr gerieben. An ihrem Bauch wurden besagte DNA-Spuren gesichert. Das alles beeindruckt den Vater dreier Kinder nicht. Er besteht darauf, unschuldig zu sein. Seine Version ist eine völlig andere.

„Alles höflich“, sagt der 78-Jährige

Er habe sich nett mit der Frau unterhalten, habe ihr Komplimente gemacht, sie habe sich gefreut. „Alles höflich“, so der Mandant von Verteidiger Stefan Holoch. Sie habe ihm erlaubt, sie nach Hause zu begleiten. Dort habe sie ihn umarmt, geküsst und an den Genitalien berührt. An der Haustür habe sie seine Hand in ihre Hose geschoben und ihn geheißen, er möge sie befriedigen. „Ich habe das gemacht, weil ich dachte, sie hat sicher noch nie einen Mann gehabt“, sagt der 78-Jährige. Sein Geschlechtsteil habe er aber nicht freigelegt.

Das achtjährige Mädchen habe er auch nicht missbraucht. Das Kind habe sich beim Spielen eine Münze in den Hintern gesteckt, wieder herausgezogen und dann ihm gegeben. So sei zu erklären, dass man an seinen Finger Spuren des Kindes gefunden hatte. Er liebe Kinder und sei wie ein Opa zu der Kleinen gewesen. Die Vorwürfe der Mutter begründeten sich vielleicht darin, dass sie scharf auf seine Wohnung sei, meint der Angeklagte. „Hier wird aus einer Mücke ein Elefant gemacht“, lässt der Senior übersetzen, der seit über 30 Jahren in Deutschland lebt und seit 1997 eingebürgert ist.

Seine Kinder wissen nicht, dass er in U-Haft sitzt. Sie glauben, er sei im Irak. Der Prozess wird am 17. Januar fortgesetzt.

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