So sieht die ursprüngliche Visualisierung eines Lichtauges aus dem Büro Ingenhoven aus. Klicken Sie sich durch unsere Bildergalerie, um den Gegenentwurf zu sehen. Foto: ingenhoven architects

Grüne und Büro Ingenhoven sind unterschiedlicher Meinung über Erscheinungsbild.

Stuttgart - Der Teufel steckt im Detail bei dem umstrittenen Projekt Stuttgart21. Die Grünen monieren jetzt, das Architekturbüro Ingenhoven verniedliche in Illustrationen die Massivität der geplanten Bahnhofs-Lichtaugen. Die Düsseldorfer Planer wehren sich gegen die Vorwürfe.

Peter Pätzold ärgert sich gewaltig. "Bei dem Projekt Stuttgart21 wird von den Befürwortern wohl schon aus Reflex alles kleiner gemacht als es ist: die Kosten, die Lichtaugen und der Bürgerwille", schreibt der Stadtrat (und Architekt) in einer Pressemitteilung. Damit greift die Grünen-Fraktion im Gemeinderat die Darstellungen an, mit denen der Tiefbahnhof-Architekt Christoph Ingenhoven am 23. August neueste Verbesserungen an den Plänen illustrierte. Die vier Eingänge, auch Glasnetzschalen genannt, würden nun kleiner ausfallen, die Lichtaugen ebenfalls, lautete die Botschaft des weltweit erfolgreichen Planers bei einer Pressekonferenz der Deutschen Bahn AG.

Wer hat nun Recht?

Der Stuttgart-21-Gegner Pätzold schaute sich am nächsten Tag in Zeitungen und im Internet die Bilder von den Lichtaugen an - und schöpfte Verdacht: "Da ist doch etwas faul." Proportionen und Maßstäbe stimmen nicht mit den Größenangaben überein, vermutete Pätzold. Außerdem werde bei der Ansicht eines Lichtauges im Schlossgarten der Umstand unterschlagen, dass der Tiefbahnhof nicht eben unter dem Park liegen werde, sondern eine Art Wall durch den Schlossgarten hindurch zur Folge habe - mit den Lichtaugen obenauf. Fazit: Das sei nicht nur beschönigend, das sei unseriös.

Ehe Pätzold am Montagabend die Presse alarmierte, weil dem Büro Ingenhoven "die Maßstäbe verrutscht" seien und es viel zu kleine Darstellungen der oberirdischen Bauwerke verbreite, hatte er noch das Architekturbüro Rasch+Bradatsch für eine überprüfung eingeschaltet. Das Ergebnis schien Pätzold Recht zu geben. Gemessen an den Personen, die in der Schlossgarten-Ansicht auftauchen, müsste das Lichtauge bei einer Höhe von 4,30 Metern optisch höher aufragen. Und auch bei einem Übersichtsbild aus der Luftperspektive bemängelten Pätzolds Gutachter eine falsche Maßstäblichkeit: Wenn die Lichtaugen, wie behauptet, 16 Meter voneinander entfernt wären, müssten die Menschenfiguren daneben vier Meter groß sein.

Haben also die Mitarbeiter des namhaften Düsseldorfer Büros versagt oder getäuscht? Oder liegen Pätzold und das Büro Rasch+Bradatsch daneben? Die Wahrheit könnte in der Mitte liegen.

Bei der perspektivischen Darstellung lauern Denkfehler

Das Büro Ingenhoven hat am Dienstag noch einmal die Darstellung eines Lichtauges mit allen Konstruktionslinien, mit zentralem Fluchtpunkt und sonstigen Bestandteilen solcher Entwürfe erstellt. Das sei eine realistische perspektivische Darstellung und der Nachweis, dass das Lichtauge nicht höher werde. "Inzwischen sind wir bei einer lichten Höhe von nur noch 4,25 Meter", sagt Peter Pistorius, einer der kreativen Leiter des Düsseldorfer Büros. Die von den Grünen vorgelegte Darstellung sei "absolut falsch".

Pistorius räumt allerdings ein, dass die Kritiker schwerlich zu einer stimmigeren Darstellung kommen konnten. Das liegt daran, dass das Büro Ingenhoven doch einen kleinen Fehler machte.

Als vor der Pressekonferenz kurzfristig die Schlossgarten-Ansicht hergestellt wurde, sei der Hintergrund des Lichtauges in der Vertikalachse gespiegelt worden. "Wir wollten nicht 1:1 eine Landschaft mit Bäumen darstellen, die später einmal gefällt sein werden", sagt Pistorius. Doch seit der Spiegelung ist auch die Richtung des Bodengefälles seitenverkehrt dargestellt. Das habe Auswirkungen bei dem Versuch von Korrekturen. Zudem, gibt Pistorius zu, rutschte das Lichtauge in der Darstellung etwas zu tief in Richtung der Stelle, wo Personen im Gras sitzen. Damit war es um die richtige Maßstäblichkeit geschehen, obwohl das Lichtauge für sich betrachtet stimmig sei und der Charakter seiner Erscheinung verlässlich sei, wie Pistorius sagt.

Die neue Darstellung überzeugt die Beteiligten

Doch genau der Fehler bei der Zuordnung von Lichtauge und Personen ließ Stadtrat Pätzold stutzen. Das von dem Grünen zugezogene Büro machte nach Pistorius' Überzeugung dann allerdings auch einen Fehler: indem es die Größe einer jungen Frau im Bildhintergrund mit 1,70 Meter markiert und in das Lichtauge übertragen habe - "ohne zu berücksichtigen, dass sie nicht auf einer horizontalen Ebene sind, weil es ein Geländegefälle gibt, das nach dem Bahnhofsbau noch größer wird".

Pistorius ist überzeugt, dass die neue Darstellung aus dem Büro Ingenhoven das Optimum ist: Der Betrachterblick oder die Kameraposition sei auf der Höhe von 1,70 Meter über dem Boden eingerichtet. Bäume, die es künftig nicht mehr geben wird, wurden von Planern diesmal virtuell gefällt. Das Ergebnis überzeugt die Beteiligten.

Die Arbeit geht allerdings weiter. Im November darf man mit neuen Visualisierungen zum Bahnhofprojekt rechnen.

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