Verkehrsminister Winfried Hermann und Wolfgang Dietrich Foto: Petsch

Winfried Hermann peilt Kompromiss an - Projektsprecher Dietrich lehnt ihn entschieden ab.

Stuttgart - Verkehrsminister Winfried Hermann und der Sprecher für das Bahnprojekt Stuttgart21 sind völlig unterschiedlicher Meinung über die Idee eines Kombibahnhofs. Der Grünen-Politiker wirbt dafür, Wolfgang Dietrich lehnt die Kombilösung ab. Die Bahn treibt S21 voran.

Die Bahn werde bis zum 15.September erneut den Betrieb im geplanten achtgleisigen Stuttgarter Durchgangsbahnhof im Computerprogramm simulieren, sagte Projektsprecher Wolfgang Dietrich am Mittwoch. Die Schweizer Firma SMA werde das Ergebnis prüfen. Das war bei der Präsentation des Stresstests für S21 vereinbart worden. Im Oktober oder November solle der Bau der Tunnel im Talkessel und damit des neuen Stuttgarter Tiefbahnhofs sowie der Tunnelröhren nördlich des Hauptbahnhofs vergeben werden, verriet Dietrich bei einer Veranstaltung der Industrie- und Handelskammer Region Stuttgart.

Entweder Kombibahnhof oder Volksabstimmung

Dabei kam es zu einem Wortduell zwischen Dietrich und Landesverkehrsminister Winfried Hermann (Grüne), bei dem es vor allem um die Frage ging, ob ein Kombibahnhof mit vier Gleisen unten und zehn bis zwölf Gleisen oben die bessere Alternative wäre. Hermann setzte sich mit Blick auf den langen und tiefen Streit um S21 dafür ein, den Vorschlag von Schlichter Heiner Geißler aufzugreifen. Der größere Teil der Landesregierung halte eine gründliche Prüfung der Kombivariante auch für lohnend. Wenn sich die Projektbeteiligten aber nicht darauf verständigen könnten, werde es zur Volksabstimmung kommen.

Der Kombibahnhof sei unter dem Verkehrsaspekt "gut", sagte Hermann. Er berge zumindest weniger ökologische Risiken als das Projekt S21, weil man nur halb so viel Tunnelstrecken benötige. Er könne nach Auffassung seines Ministeriums für 2,5 bis drei Milliarden Euro realisiert werden, wie der Schlichter Heiner Geißler und der SMA-Chef Werner Stohler geschätzt hatten. Auch mit der teilweisen Modernisierung des Kopfbahnhofs, Preissteigerungen und Baurisiken wären dann die 4,5 Milliarden Euro einzuhalten, die für S21 als Obergrenze vereinbart wurden, aber nicht realistisch seien. Die Bahn nennt zwar Kosten von 4,1 Milliarden Euro, Hermanns Mitarbeiter rechnen aber mit 5,6 Milliarden.

Ursprünglich, sagte Hermann, hätte der Bahnhof einmal rund 2,1 Milliarden Euro kosten sollen. Nun sei man bei mehr als dem Doppelten. "Entweder geht es zu dem Preis oder nicht - jetzt muss ein Deckel drauf", rechtfertigte Hermann die Haltung der Regierung, für S21 nur Baukosten von maximal 4526 Millionen Euro mitzufinanzieren. Deutschlands Verschuldung rühre genau daher, dass Projekte begonnen worden seien, ehe sie komplett finanziert gewesen seien - und am Ende die öffentliche Hand zahlen musste. Gerade die Unternehmer forderten die Verringerung der Schulden. Hermann erneuerte auch seine Vorbehalte gegen die Mischfinanzierung der Neubaustrecke Wendlingen-Ulm durch Bund und Land. Durch einen derartigen Mix könne der Eindruck entstehen, dass sich ein Land durch Schmiergelder eine Vorzugsbehandlung beim Ausbau der Bahnstrecken erkaufe.

Hermann: "Verdoppelung der Innenstadt ist unnötig"

Den Zeitplan für S21 hält Hermann auch für unrealistisch: "Wenn Stuttgart21 tatsächlich 2025 fertig wäre, wäre das schon ein ziemlicher Glücksfall." Daher wäre mit dem Schwenk zur Kombilösung kein Zeitverlust verbunden, wenn sich alle Beteiligten darauf verständigen und sie schnell vorantreiben könnten. Die Bahn tue auch gut daran, denn weder für sie noch für ihre Kunden werfe das Projekt S21 eine Rendite ab.

Hermann sagte bei der IHK auch, eine Mehrheit in der Regierung halte S21 für zu teuer und für nicht sinnvoll, eine Minderheit sehe darin ein gutes Projekt. Nach seiner Überzeugung bekäme man für einen hohen Preis keine Premiumqualität. Der geplante Tiefbahnhof erfülle zwar quantitativ die Anforderungen, aber nicht qualitativ. In 20 Jahren hätte er bereits die Kapazitätsgrenze erreicht. Bahnfahrer bekämen dadurch nicht mehr schnelle Verbindungen von mittlerer Reichweite.

Den Bedarf der Stadt, auf ehemaligen Gleisanlagen zu bauen, bestritt Hermann rundweg. An vielen Stellen der Stadt gebe es Leerstände von Büros und Läden. Eine Verdoppelung der Innenstadt sei unnötig, wenn man die Entwicklung der Bevölkerungszahl und der Kaufkraft bedenke.

"Kombibahnhof fast überall unterlegen"

Projektsprecher Dietrich hielt vehement dagegen. S21 habe den Stresstest bestanden - "und auf die Haltungsnoten kommt es nicht an". Der von Geißler vorgeschlagene Kombibahnhof sei S21 nach Überzeugung fast aller Projektbeteiligten "in fast allen Belangen unterlegen". Er würde auch nicht Frieden schaffen, weil er nicht alle Gegner umstimme. "Und die Grünen haben das nicht im Griff", sagte Dietrich. Die Bahn sei von der Rechtmäßigkeit und Wirtschaftlichkeit des Projekts S21 "zutiefst und mehr denn je überzeugt". Es sei ein nach allen Regeln der Planungskunst entstandenes und demokratisch legitimiertes Projekt. "Darauf muss auch nach einem Regierungswechsel Verlass sein", sagte Dietrich. Zur Umsetzung brauche die Bahn jetzt endlich auch wieder die konstruktive Mitwirkung und Kompetenz des Verkehrsministeriums. Für Zusatzwünsche des Landes müsse auch das Land bezahlen. Außerdem müsse Hermann endlich Farbe bekennen, auf welcher Strecke er Züge zwischen einem modernisierten Kopfbahnhof und einer Neubaustrecke Wendlingen-Ulm führen möchte.

Dietrich bestritt auch, dass S21 weit hinter dem Zeitplan mit der Fertigstellung 2019 herhinke. Spätestens 2020 werde der Bahnknoten Stuttgart erneuert sein.

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