Um die Wagenhallen ist nicht nur ein Biotop für Künstler, sondern auch für geschützte Tierarten entstanden. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Die Artenschutzvorgaben setzen die Kommune unter Druck. Sie ist auf der Suche nach Grundstücken. Für den Wohnungsbau auf dem Rosensteinquartier braucht es dennoch Ausnahmen vom Artenschutz.

Stuttgart. - Nach der Inbetriebnahme des Bahn-Infrastrukturprojekts Stuttgart 21 Ende 2025 will die Landeshauptstadt auf den alten Gleisflächen so schnell wie möglich Wohnungen bauen. Seit fast einem Jahr verhandelt die Stadt dazu mit der Bahn AG die Modalitäten der Grundstücksübergabe und Änderungen im alten Kaufvertrag. Im Zentrum steht, wie der Schienenkonzern mit streng geschützten Eidechsen umgeht.

 

Der frühere OB Fritz Kuhn (Grüne) hatte Ende März als Datum genannt, zu dem Ergebnisse vorliegen müssen. Es ist längst überschritten. Nun hofft OB Frank Nopper (CDU) auf eine Einigung bis zum Jahresende. Man habe den Verhandlungszeitraum wegen der umfangreichen Themenfelder verlängert, und so lange seien auch die Zinszahlungen der Bahn aufgeschoben, teilt die Pressestelle der Stadt auf Anfrage mit. Man wolle beim Gleisrückbau „möglichst gemeinsam verfahrenstechnisch effektiv und wirtschaftlich vorgehen“. Elf Millionen Euro erwartet Stuttgart 2021 als Ausgleich für die stark verspätete Übergabe des Gleisgeländes von der Bahn. Der Aufschub der Zinszahlung gibt einen Hinweis darauf, wer bei den Verhandlungen am längeren Hebel sitzt.

Zur Bauausstellung 2027 sollen Gebäude stehen

Um wenigstens die zur Internationalen Bauausstellung (IBA) 2027 geplanten Neubauten rund um das Kulturquartier Wagenhallen verwirklichen zu können, will die Stadt zum Jahresende damit beginnen, Ersatzhabitate für Eidechsen anzulegen. Das bunte Quartier um die Wagenhallen soll die Interimsoper aufnehmen und darüber hinaus Wohnen, Arbeiten und Produktion „eng miteinander verweben“, heißt es im städtebaulichen Entwurf. 600 Wohneinheiten sind geplant, nicht mehr 1000, von denen Kuhn noch im Juli 2020 sprach.

Dabei ist da mit C 1 bezeichnete Gelände schon besiedelt, und zwar „fast flächendeckend von zahlreichen seltenen und gefährdeten sowie mehreren besonders und streng geschützten Arten“, schriebt die Fachverwaltung auf eine Anfrage der Sozialdemokraten und der Puls-Fraktion im Gemeinderat. Das C-1-Gelände misst 16,7 Hektar. Aus Gründen der Rechtssicherheit solle für das Artenschutzkonzept ein „fachlicher wie rechtlicher Vollausgleich erfolgen“. Die Stadt baucht also große Flächen für Mauer- und Zauneidechsen, Heuschrecken, Wildbienen sowie Tag- und Nachtfalter. Um über Gelände verfügen zu können sollen nun auch Verträge für derzeit von der Kommune verpachtete Flächen gekündigt werden. Für die Herstellung der Ersatzhabitate und deren Entwicklung benötige man zwei Jahre, bevor man die Tiere umsiedeln könne, gleichzeitig soll im Herbst 2023 die Erschließung des C-1-Quartiers beginnen.

Flächen reichen zur Umsiedlung nicht aus

Noch schwieriger als die Artenschutzprobleme auf dem C-1-Gelände sind jene auf dem restlichen Gleisgebiet. Im so genannten Rosensteinviertel sollen immerhin 4600 Wohnungen entstehen. Die weiteren Bereiche des Städtebauprojekts, so die Verwaltung, „werden ohne umfangreiche artenschutzrechtliche Ausnahmen nicht zu realisieren sein“. Das betreffe insbesondere die städtebauliche Entwicklung auf den heutigen Flächen der Abstellanlage der Bahn. Auf diesem mit B bezeichneten Gebiet direkt am Schlossgarten sind immerhin 2900 Wohnungen geplant.

Artenschutzrechtliche Ausnahmen seien nötig, weil die Stadt nicht genügend Ersatzhabitate zur Verfügung stellen könne. Bei ihren Suchläufen haben die Fachleute bereits Flurstücke in den Blick genommen, die die Stadt für die Eidechsenumsiedlung aufkaufen müsste. Selbst dann sei aber eine vollständige Kompensation der wegfallenden Lebensräume schlicht nicht möglich. Wie die artenschutzrechtlichen Ausnahmen aussehen könnten beschreibt die Stadtverwaltung noch nicht.

Ausnahmen vom Artenschutz?

Vor Jahren hat ein Gutachten im Auftrag der Kommune allerdings ergeben, dass die streng geschützten Eidechsen in Stuttgart bei einer Gesamtpopulation von hochgerechnet 130 000 Tieren nicht gerade vom Aussterben bedroht sind. „Die Bahn übergibt uns irgendwann eine Fläche voller Eidechsen, und wir können erst mal gar nicht viel damit machen“, – so hatte OB Fritz Kuhn die Misere beschrieben, die einträte, wenn die Tiere beim Abräumen der Gleise planlos hin- und hergeschoben würden. Dann müsste die Stadt sie anschießend umsiedeln. Stadt und das Planungsbüro asp Architekten (Stuttgart) arbeiten am Rahmenplan für das Rosensteinviertel und haben inzwischen Grün- und Freiflächen definiert. Sie sollen für die Tiere gesichert und möglichst wenig modelliert werden.