Stuttgart pfeift, klettert, schweigt - Anmerkung zu fast verlorenem Thema der Metropolregion.

Stuttgart - Die Realität überholt oft Pläne und Skizzen, die Aktualität macht eben Erarbeitetes zunichte. In Stuttgart legt man dabei derzeit besonders hohes Tempo vor - eine sachliche Auseinandersetzung über das in allen politischen Instanzen verabschiedete Verkehrs- und Städtebauprojekt Stuttgart 21 scheint kaum möglich.

Keine Werbeagentur vermochte, was nun, ausgehend vor wenigen Monaten noch von einer Handvoll Aktivisten, Staunen macht - Stuttgart in allen Medien und damit buchstäblich auf allen Kanälen. So irritierend es mitunter sein mag, wie viele Menschen in der Region Stuttgart eigentlich wohl leben mögen, dass sie in München, in Dresden, in Frankfurt und in Berlin sowieso die Mehrzahl der innerdeutschen Erfolgsmigranten stellen können, so irritierend ist nun, dass diese auch real mehr können als angeblich kein Hochdeutsch. Doch nicht nur die im Internet fröhlich kursierende Stuttgart-Ausgabe der "Heute-Show" Oliver Welkes macht rasch klar, was das Staunen beflügelt. In Stuttgart brennen die Kerzen, und die Republik kann sich kaum halten vor Lachen.

Da halten wir es doch lieber mit dem ehrbaren Staunen in Paris. Immerhin von einer "sanften Revolution" schrieb jüngst "Le Monde". Und wer weiß, in welch wunderbarer Weise die "Le Monde"-Redaktion Zahlen und Grafiken ein Eigenleben schenkt, ohne auch nur eine Nuance Realismus zu verlieren, könnte sich dem Gesamtthema des Verkehrs- und Städtebauprojekts Stuttgart 21 auf eben dieser Spur nähern. Schon die Ausgangsfrage aber birgt ein Problem: Auf der Basis welchen Radius' würde das "Le Monde"-Team der mit Stuttgart 21 verbundenen Stadt grafisch Datengestalt geben?

Da ist zuvorderst eine in ihrem Ausbreitungswillen von umgebenden Klein- und Mittelzentren beengte Landeshauptstadt mit ihren grob 600.000 Einwohnern. Da ist aber auch die Region Stuttgart mit ihren 2,8 Millionen Einwohnern - von Esslingen bis Eislingen. Und dann ist da die Metropolregion Stuttgart, 1995 von der deutschen Ministerkonferenz für Raumordnung festgelegt. In dieser Ausdehnung ist von 5,4 Millionen Menschen zu sprechen, die auf einem Gebiet von 15400 Quadratkilometern leben, das die Regionen Stuttgart, Heilbronn-Franken, Nordschwarzwald, Ostwürttemberg und Neckar-Alb umfasst. Man darf unterstellen, dass jene, die nun um die Steine der das aktuelle Gleisfeld gegen die Stadt beschirmenden Seitenflügel des Stuttgarter Hauptbahnhofs fürchten, nicht in diesen räumlichen Dimensionen denken, dass aber zugleich die Verantwortlichen von Europas Handelsriesen ECE sehr wohl diese Größe im Blick haben, wenn sie ihre zuweilen eher leidenschaftslos betriebenen Vorstöße in Sachen Mega-Mall auf dem Areal des ehemaligen Güterbahnhofs immer wieder auch gezielt forcieren.

Doch dürfte allein schon die schiere Kraft der engen Region Stuttgart das ECE-Interesse wach halten. So weist die Industrie- und Handelskammer für 2009 aus: "Ein Bruttoinlandsprodukt von knapp 70.000 Euro je Erwerbstätigem (Deutschland 59 000), eine Exportquote des verarbeitenden Gewerbes von 56 Prozent (Deutschland 44 Prozent), eine Arbeitslosenquote von 5,1 Prozent und europaweit die meisten Arbeitsplätze in Forschung und Entwicklung." Erfolgszahlen, die indes die Republik weit weniger für sich einnahmen, als es nun die durchaus sinnhaft von Vuvuzela-Klängen begleitete "stille Revolution" vermag.

Museum der Gegenwartskunst am Anfang der Kette



Wie begründet sich dieses Missverhältnis? Analysten, Umfrageinstitute und Werbeagenturen haben mit dem Versuch einer Antwort viel Geld verdient, seit man glaubte, nicht mehr schlicht oder einfach nur präzise "Großstadt zwischen Wald und Reben" sein zu können. Verzweiflung provozierte die letzte Großtat in diesem Zusammenhang - "das neue Herz Europas".

Könnte nicht ein Ansatz sein, sich zunächst einmal zu vergewissern, in welcher geographischen Ausdehnung die Aufführung "Stuttgart" überhaupt spielt? Und zudem zu fragen, ob nicht eine geduldete Gegenwartslosigkeit in der Zeit nach dem Rücktritt des Ministerpräsidenten Lothar Späth nach und nach Zukunftsräume geschlossen hat, die nun kaum mehr vorstellbar und entsprechend schwer zu öffnen sind? Keineswegs kühn ist es in einer solchen Skizze, nach der Bedeutung scheinbarer Ränder zu fragen - und damit nach der Rolle der Kultur. Umso mehr, als das Ausrufen (durch Ministerpräsident Lothar Späth) wie das Stoppen (durch Ministerpräsident Erwin Teufel) des Projektes Museum der Gegenwartskunst am Anfang einer verhängnisvollen Kette steht.

Ein Blick zurück: Ein Kabinettsbeschluss war gefasst für den Bau von Arata Isozaki, in dem unter der Regie der Staatsgalerie damals europaweit einmalige Privatsammlerschätze zusammengeführt werden sollten. Hier James Stirling, dort Arata Isozaki - was für ein bewusst spannungsvoller Dialog! Brückenschlag zudem über die als Konrad-Adenauer-Straße verkleidete Stadtautobahn und eine Reurbanisierung der Fläche neben dem Landespavillon. Ironie der Gegenwart: Nicht wenige der Stuttgart-21-Gegner würden sich wohl wünschen, Isozakis Bau, nicht nur ihre Transparente stünden dem Queraushub für den geplanten Tiefbahnhof im Weg.

Weitere Kettenglieder heißen Vernachlässigung der geisteswissenschaftlichen Fächer und damit Vernachlässigung der Universität in ihrer interdisziplinären und befragenden Kraft insgesamt oder auch Vergessen der Südfunk-Inhaltshistorie in den ersten Jahren des Südwestrundfunks. Aber auch dies gehört dazu - dass man erst lautstark die Kunst als Bindekraft der Region Stuttgart ausruft, um hernach eilends den Rückzug anzutreten. Wer aber glaubt, einmal "Platzverführung", eine Befragung geografischer, historischer, wirtschaftlicher und persönlicher Bezüge in der Region Stuttgart in einem internationalen Skulpturenprojekt reiche aus, um zu verstehen, welche Scharniere klemmen, welche Anschlüsse nicht passen, oder welche Plätze einfach schon deshalb keine sind, weil es keine Bänke gibt, gibt nicht weniger zu erkennen als dies: dass er oder sie die Mühen des Miteinanders scheut.

Und lag der Stuttgarter Akademielehrer Kurt Sonderborg, der, beflügelt vom schwarzen Swing und Jazz, seit den 1950er Jahren Energie Bild werden ließ, nicht richtig, als er schon 1990 fürchtete, Stuttgart werde "so wohni, wohni"? Nur zu gerne wird auf die rege Bautätigkeit der vergangenen 20 Jahre verwiesen. War in dieser aber je Reibung zu erkennen, ein Sprung oder auch - abgesehen von Ben van Berkels auf die Produktions- und Verkehrsknotenpunktwiese verbanntes Mercedes-Museum - eine bewusste Antwort auf die einzigartige Topografie?

Widerspruch zum weg in die Gemütlichkeit war nicht zu erkennen - auch aber kein Widerstand, als für den lautlos hingenommenen Neubau des Innenministeriums an der Willy-Brandt-Straße zwei der 1,5 Kilometer weiter nun mit heiligem Ernst verteidigten Baumreihen fielen. Und doch ist das Unbehagen gegenüber Disney-Stuttgart vielleicht eines, das man beachten muss, wenn man verstehen will, was sich augenblicklich in welcher Dimension Protestbahn bricht. Vielleicht aber sollten die Demonstranten gegen wie auch die Planer des unbedingt als Zukunftschance für die Stadt, für die Region, für die Metropolregion Stuttgart zu sehenden Bahnprojekts Stuttgart 21 vom Nordflügel her vor Hauptfront des Bonatz-Baus treten. Der US-Konzeptkünstler Joseph Kosuth ließ dort eine Zeile von Friedrich Hegel montieren. Sie lautet: "Dass diese Furcht zu irren, schon der Irrtum selbst ist."

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