Auf der Baustelle im Schlossgarten wird der Grundstein für den neuen Durchgangsbahnhof gelegt. Foto: dpa

Es gab Zeiten, in denen sich beim Projekt Stuttgart 21 Regierungsvertreter gern in der ersten Reihe zeigten. Sie liegen lange zurück. Der Grundsteinlegung für den Tiefbahnhof bleiben Spitzenpolitiker der Grünen fern. Auch die CDU schickt nicht die erste Garnitur.

Stuttgart - Allenfalls die Gegner des Bahnprojekts Stuttgart 21 fiebern der Grundsteinlegung für den Durchgangsbahnhof an diesem Freitag um 10 Uhr im Schlossgarten entgegen. Baustart für das Kernstück der auf ein Investitionsvolumen von 6,5 Milliarden Euro angewachsenen Schieneninfrastruktur war vor 25 Monaten. Ein Frühstart. Weil Genehmigungen fehlten, kamen die Arbeiten schleppend voran.

Nun folgt der Festakt mit 300 geladenen Gästen. Nun soll die Form der vom Düsseldorfer Architekten Christoph Ingenhoven entworfenen Halle endlich sichtbar werden. Ingenhoven reiht sich in die Riege von acht Rednern ein, die Bahn-Chef Rüdiger Grube anführt. Ingenhoven kritisierte am Donnerstag das Fehlen von Ministerpräsident Winfried Kretschmann, Verkehrsminister Winfried Hermann und OB Fritz Kuhn.

Den Architekten ärgern die Absagen der Grünen, er wirft ihnen mangelnde Sachlichkeit vor. Jetzt folge ein wichtiger Schritt in einem staatlich subventionierten Großprojekt. Beim Bahnhof selbst seien die Kostenzuwächse „überschaubar“. Der Rohbau verteuerte sich seit der Ausschreibung von 323 auf 364 Millionen Euro.

Vorwurf: „Realitätsfernes Politikverständnis“

Die CDU greift das Fernbleiben der Grünen auf. Thomas Bareiß, Vorsitzender in Württemberg-Hohenzollern, spricht von „Boykott“. Stuttgart 21 sei ein Zukunftsprojekt. Die Absagen zeugten von einem „realitätsfernen Politikverständnis“, so Norbert Barthle, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesverkehrsminister.

Die Bahn, die ihren Finanzierungspartner Land bald auf die Mitzahlung an den festgestellten Mehrkosten von zwei Milliarden Euro verklagen wird, äußerte sich diplomatisch. Es sei schade, dass keiner der hochrangigen Amtsträger der Grünen „zur Grundsteinlegung ein Zeitfenster offen hatte“, sagt Projektsprecher Jörg Hamann. Er erinnert daran, dass Stuttgart 21 „auch ein städtebaulich bedeutendes Gemeinschaftsprojekt“ sei. Die Bahn habe die Entscheidung aber „selbstverständlich zu akzeptieren“.

Bei den Grünen verstehen die Gescholtenen die Aufregung nicht. „Es ist nicht so, dass ich bei Terminen große Freiräume hätte“, sagt Ministerpräsident Kretschmann. Er ist in Berlin. Die Landesregierung tue „alles, dass das Projekt so schnell wie möglich verwirklicht wird“. Kretschmann spreche am Freitag mit „mehreren hochrangigen Grünen-Vertretern in Berlin“, sagt das Staatsministerium, die Themen seien wichtig.

OB Fritz Kuhn wird ganztägig Teil des Preisgerichts für die Entwicklung des früheren IBM-Areals in Stuttgart-Vaihingen sein. Die Bahn habe das bei der Einladung auf den 16. September durch vorherige Abfrage gewusst, sagt Stadtsprecher Andreas Scharf.

Verkehrsminister Winfried Hermann weilt in der Schweiz, wird vor 2700 Teilnehmern einer Veranstaltung der Helvetia-Versicherung über Rheintal- und Gäubahn sprechen. Das sei lange geplant, Ministerialdirektor Uwe Lahl besuche daher in Vertretung den Festakt, sagt Hermanns Büro. Tübingens OB Boris Palmer (Grüne) kommt auch nicht. Er hat ein Gespräch mit dem Personalrat, und das könne er „nur aus wichtigem Grund“ verlegen. Die Grundsteinlegung ist offenbar keiner, er hat abgesagt. Der Zeitpunkt, S 21 noch zu stoppen, sei außerdem vorbei, sagt Palmer.

Selbst bei den Gegnern entfaltet sich wenig Zugkraft

Auch die CDU zeigt Lücken. Vizeregierungschef Thomas Strobl (CDU), der Kretschmann vertreten und sich mit einer Rede profilieren könnte, zieht es zu einem Begrüßungsappell der deutsch-französischen Brigade nach Müllheim. Er habe dort schon länger zugesagt. Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) vertritt daher das Land. Für Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) ist der Weg nach Stuttgart zum größten Bauvorhaben der DB offenbar zu weit. Barthle vertritt ihn.

Die S-21-Gegner fiebern der Grund­steinlegung zwar entgegen, doch selbst bei ihnen entfaltet sie wenig Zugkraft. Eine Protestaktion am Bahnhofsturm ist geplant. Wie viele Teilnehmer? Er ­habe 50 angemeldet, sagt Parkschützer-Sprecher Matthias von Herrmann.

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