Die Rohre für das Grundwasser-Management sind aufgebaut, doch der Streit um die Zuverlässigkeit der Wasserberechnungen der Bahn ist nicht erledigt . Foto: dpa

Die Bahn und ein Arbeitskreis aus Behörden haben zwei Grundwassermodelle für Stuttgart konzipiert. Die Gegner haben die Modelle am Dienstag als untauglich bezeichnet. Die Bahn konterte den Vorwurf.

Stuttgart - Der zweite Tag der Erörterung zu den veränderten Wasserentnahme-Plänen der Bahn bei ihrem Großprojekt Stuttgart 21 war der Tag der Experten. Überwiegend promovierte Ingenieure lieferten sich im Kongresszentrum der Messe einen Schlagabtausch, der eher mit dem Degen als dem Florett geführt wurde. Streitpunkt: Das von der Bahn über Jahre konzipierte Grundwasser-Strömungsmodell. Mit ihm soll die Auswirkung des Abpumpens und Versickerns von Grundwasser aus den Baugruben auf die Umgebung vorab beschrieben werden. Ziel ist der Schutz der Mineralquellen, des Parks und von Gebäuden. Ein Kontrollmodell von Fachbehörden arbeitet mit gleicher Datenbasis, aber anderer Rechenmethodik. Auch dieses wurde vom Gutachter des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND) massiv kritisiert.

Die beiden Grundwasser-Strömungsmodelle seien „der zentrale Nukleus, hier geht es ans Eingemachte“, verdeutlichte der Verhandlungsleiter Michael Trippen vom Regierungspräsidium (RP) für die rund 200 Zuhörer die Bedeutung der Modelle. Die hat auch der BUND erkannt. Dessen Gutachter Josef Lueger zerpflückte den Vortrag der im Auftrag der Bahn tätigen Ingenieure Theo Westhoff und Frank Wenderoth: Ihr Modell sei schlicht unbrauchbar. Das Bahn-Modell entspreche „nicht dem Stand der Technik“, weise „grundlegende mathematisch-geometrische Fehler“ auf, berücksichtige weder den Neckar noch Dolinen, zeige „Hinweise auf Manipulationen“, und letztlich bei einem fünf Tage dauernden Pumpversuch (mehr genehmigte die Stadt nicht) „gravierende Unterschiede zwischen gemessenen und berechneten Werten“. Damit könnten, so Lueger, „keine zuverlässigen Prognosen“ geliefert werden. Die als K.o.-Kriterium gesetzten Abweichungen von Grenzwerten seien sehr deutlich überschritten worden.

Weil der wichtige und einzige Abpumpversuch von Defekten (Pumpenausfall), schlechten Bedingungen (hoher Luftdruck) und einem am 30. Januar 2010, dem letzten Tag, unerklärlichen Absacken der Pegelwerte begleitet gewesen sei, sei er wertlos und müsste wiederholt werden, forderte Lueger.

Ursache für den Abfall des Wasserniveaus ist unbekannt

Die Bahn-Vertreter, aber auch der im Umweltamt der Stadt für die Thematik zuständige Professor Gerd Wolff, dem aus dem Publikum Befangenheit vorgeworfen wurde, verteidigten Vorgehen und Erkenntnisse. Sie gingen auf Vorwürfe ein und konnten Unstimmigkeiten zwischen Messung und Berechnung teils aufklären oder zumindest erklären. Westhoff räumte ein, dass man die Ursache für den starken Abfall des Wasserniveaus am letzten Pumptag nicht kenne. Er müsse eine „externe Ursache“ haben. Manche Aussagen, wie die, dass der Neckarspiegel immer gleich sei und nicht berücksichtigt werden müsse, führten allerdings zu Protest aus dem Publikum.

Überschreitungen der Grenzwerte, sagte Wenderoth, lägen vor allem bei Messstellen „außerhalb des zentralen Bereichs“ (Schlossgarten) vor und könnten toleriert werden. Der Versuch, so Wolff auf Trippens Frage, sei ausreichend. Die Regeneration des komplizierten Grundwassersystems sei „ausreichend erkennbar, Absicht, Aufgabe und Ziel voll erfüllt.“

Dieses Lob veranlasste Lueger dazu, die Zusammenarbeit Bahn/Behördenvertreter zu kritisieren. „Alle saßen über Jahre zusammen, die konnten das gar nicht mehr objektiv betrachten“, so der BUND-Gutachter. Für das RP, das seinen Bericht an das letztlich entscheidende Eisenbahn-Bundesamt geben wird, ist die Frage, ob die Wassermodelle verlässlich sind, zentral. Trippen will von der Bahn schriftliche Antworten auf die Vorwürfe. Sie sollten samt der BUND-Replik auf der Homepage des RP veröffentlicht werden. Am heutigen Mittwoch werden bei der Erörterung ab 9 Uhr Haftungs- und Eigentumsfragen besprochen. .

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