Foto: Peter Petsch

17 Jahre nach den preisgekrönten Plänen für den neuen Stuttgarter Durchgangsbahnhof beginnen die eigentlichen Bauarbeiten. Auf eine Feier des Baustarts verzichtet die Bahn ganz bewusst. Der Schienenkonzern beginnt sein großes Werk im Stillen.

Stuttgart - Die Deutsche Bahn wird am kommenden Dienstag offiziell den Bau ihres neuen Tiefbahnhofs in der Landeshauptstadt beginnen. Dazu hat die Stuttgarter Züblin AG am Freitag im Schlossgarten Bagger in Stellung gebracht. Anders als bei den bereits laufenden Tunnelbauten des Projekts Stuttgart 21 wird es für den Start des Bahnhofsbaus aber keinen Festakt geben. Selbst von einer späteren, üblicherweise von guten Wünschen begleiteten Grundsteinlegung will man im Stuttgart-21-Sprecherbüro nichts wissen: „Uns ist nicht bekannt, dass ein solches Ereignis passieren wird“, heißt es dort. Auskünfte zum Ablauf der Bauarbeiten werde man am Dienstag geben.

Die Gegner des Großprojekts zeigen sich zum Baustart seltsam schlecht informiert. Mit einer „Show für die Presse“ werde die Bahn am Dienstag die Baugrube Nummer 16 für den Bahnhofstrog „mitten im zerstörten Schlossgarten öffnen“. Die sonst übliche „Show“, gemeint ist wohl ein durchaus angemessener Festakt mit Bahn-Vorstandschef Rüdiger Grube oder Infrastrukturvorstand Volker Kefer, wird es aber nicht geben. „Das ist typisch für die Bahn“, sagt Matthias von Herrmann, der Sprecher der Parkschützer-Organisation. Erst kündige Kefer den Termin „vollmundig an“, dann geschehe nichts. Wirklich gebaut werde rund um den Bahnhof. Die Einkaufszentren Milaneo und Gerber, der neue Büroblock City-Gate, „man kann zu diesen Bauten stehen, wie man will, aber dort wird ja tatsächlich gebaut“, sagt von Herrmann. Stuttgart 21 dagegen „dümpelt dahin“, so das Sprachrohr der Gegner. Unrecht ist Herrmann das nicht.

Auch wenn sonst keiner kommt und die „Lügenpack“-Rufe am Dienstag keinen Adressaten finden, wollen die Gegner vor Ort sein. Von 9 bis 12 Uhr haben sie für den Schlossgarten eine „Bannerparade“ angemeldet. Das Datum 5. August sei „das dritte markante in der Murks-Geschichte von Stuttgart 21“, sagt von Herrmann. Der Seitenflügel-Abriss am alten Kopfbahnhof und die Parkrodung im Februar 2012 sind für die Gegner frühere „markante“ Ereignisse.

Dick eintragen ins Terminbruch wird sich den Tag auch Christoph Ingenhoven. Der Architekt aus Düsseldorf baut weltweit, hat aber mit Blick auf Stuttgart eine lange Durststrecke hinter sich. Wenn der Bagger jetzt vorfahre und die Grube aushebe, sagt Ingenhoven im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa, dann sei das „der eigentliche Beginn der Bauarbeiten“. Der Düsseldorfer weiter: „Das symbolisiert das endgültige Ende der Ungewissheit.“

Seinen Entwurf mit den markanten Eingangsschalen und den Glaskuppeln musste Ingenhoven in den letzten Jahren mehrfach anpassen, eben weil die Bahn nicht schnell genug war. Vorschriften, vor allem beim Brandschutz, sind extrem verschärft worden. Jetzt verunzieren und verengen ursprünglich nicht existente Fluchttreppenhäuser die Bahnsteige zwischen den acht Gleisen. „Man gibt den Stuttgartern das Tal zurück, das sie zu 50, 60 Prozent an den Verkehr verloren haben“, nennt der 54-jährige Ingenhoven den für ihn besten Grund für den Bau des Tiefbahnhofs.

Der fast 900 Meter lange Betontrog, der schon vor der Kostenexplosion des Gesamtprojekts von 4,5 auf 6,5 Milliarden Euro mit 893 Millionen Euro veranschlagt war, wird an der engsten Stelle der Innenstadt liegen. An beiden Enden folgt die begehrte Stuttgarter Halbhöhenlage, in der mancher als „Wutbürger“ titulierte Stuttgarter wegen der Tunnelbauten um die Unversehrtheit seines Eigentums fürchtet. In den nächsten Jahren wird die City-Baustelle unüberhörbar sein. Von 7 bis 20 Uhr darf die Bahn mehrere Dutzend Kilometer Bohrpfähle rammen und die Erde mit Lastwagen abfahren.

Ob die Baustelle betrieben werden kann, steht für den Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) infrage. Noch fehlen der Bahn zwei Genehmigungen. Eine für den Bau eines neuen Abwasserkanals unter der auch schon 12,50 Meter unter Parkniveau liegenden Halle, eine, um mehr Grundwasser als bisher erlaubt aus den insgesamt 25 Baugruben im Schlossgarten zu pumpen.

Der BUND erwägt laut dem Stuttgarter Kreisgeschäftsführer Gerhard Pfeifer, einen erneuten Gang vor Gericht, wenn die Grundwasser-Entscheidung gefallen ist. Die Bahn, so der Vorwurf, müsse bei derart gravierenden Änderungen eine neue Umweltverträglichkeitsprüfung vorlegen. Das Eisenbahn-Bundesamt als Genehmigungsbehörde sieht das anders. Die Naturschützer hatten Ende 2011 die Bahn im Schlossgarten schon einmal ausgebremst. Damals ging es um die Zentralisierung der Grundwasser-Reinigungsanlage. Wasser, das ist augenfällig, steht im Schlossgarten sehr hoch an.

Doch auch das wird am Dienstag für jene, die sonst zum Baustart geladen werden, kein Thema sein. Stuttgarts OB Fritz Kuhn (Grüne) wird sich einer Bodenbearbeitung ganz anderer Art widmen und im Stadtteil Möhringen zwei Bauernhöfe besuchen. Landes-Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne), S-21-Gegner aus tiefstem Herzen, werde im Land unterwegs sein, sagt sein Büro.