Vor 15 Jahren eskaliert der Kampf um Stuttgart 21 – ein Schwarzer Donnerstag mit zahlreichen Verletzten. Wir finden hautnah heraus: Die Polizei hat den Rettungsdienst vergessen.
Hustende, heulende, durchnässte Menschen sammeln sich im Biergarten im Mittleren Schlossgarten. Manche hocken apathisch herum, manche lassen sich verzweifelt Wasser aus Plastikflaschen in die Augen schütten. Der Kollege hat Recht gehabt, als er mittags aus dem Park anrief und dringend Verstärkung aus der Redaktion anforderte. Am 30. September 2010 gerät ein Polizeieinsatz, der eine Baumfällaktion für das Bahnprojekt Stuttgart 21 vorbereiten sollte, völlig außer Kontrolle.
Mittendrin ein Reporter, der mit damals 24-jähriger Berufserfahrung feststellen muss: Das gab es noch nie. Irgendwie läuft etwas gewaltig schief.
Die Wasserwerfer sind schon eine Weile in Aktion. Wie lächerlich, bloß mit einer Jacke, Jeans und Halbschuhen aufzukreuzen. Das gilt für Protestierende und einen Reporter gleichermaßen. Immerhin gehört ein Bleistift statt Kugelschreiber zur Ausstattung – da kann Nässe den Aufschrieb im Notizblock nicht verwischen. Gut auch, eine Digitalkamera schnell noch aus dem Büroschrank mitgenommen zu haben. Der erste Eindruck: Nicht der ganze Schlossgarten ist betroffen – der Kampf findet vor allem auf einem Fußweg zum Biergarten statt. Seitlich davon ist Fotografieren möglich, ohne nass zu werden.
Doch ein paar Meter abseits sind zahlreiche Opfer unübersehbar. Im Biergarten versammeln sich Menschen mit erkennbar bürgerlicher Herkunft, die Kleidung klatschnass, die Augen geschlossen. Die Folgen von Pfefferspray, das die Einsatzkräfte der Polizei in die Menge gesprizt haben, um den Weg Meter für Meter freizukämpfen.
Seit 12.18 Uhr hatten die Beamten Schlagstock und Reizgas im Einsatz, seit 12.48 Uhr auch die Wasserwerfer. Das kleine Feldlazarett im Biergarten nebenan ist improvisiert – für Betroffene werden Liegestühle und Matten ausgebreitet. Manche sitzen unter Tränen auf Bierbänken. Hier geht vor allem darum, die brennenden Augen auszuspülen.
Mit einem Wort: Hier herrscht Chaos
„Wenn Sie so toll fotografieren können, dann haben Sie sicher auch Zeit, hier mal zu helfen!“ Ein Mann vom Rettungsdienst des Roten Kreuzes unterbricht kurzerhand den Reportereinsatz. „Dieser Mann muss zum Verbandsplatz da hinten gebracht werden“, sagt der Sanitäter und deutet auf ein Zelt im Bereich der Schachbretter, gut 150 Meter entfernt. „Und keine Widerrede jetzt!“ Der Betroffene ist völlig durchnässt, hat ein Hämatom im Gesicht. Er ist Hausmeister, war zuvor von einem Wasserstrahl getroffen worden. „Mit solcher Gewalt habe ich nicht gerechnet.“ Arg viel mehr sagt der 40-Jährige nicht, als wir zum DRK-Zelt trotten. Er wirkt benommen.
Am Zelt gilt es erst einmal, die Verletzten zu registrieren. Notarzt und Rotkreuzhelfer versuchen Ordnung in die Situation zu bekommen. Die Schnelleinsatzgruppe des DRK hat hier auf die Schnelle ein Behandlungszelt aufgestellt – und wird anschließend geradezu überrollt von Hilfesuchenden. 20 Augenverletzte sind angekündigt, doch dann kommt ein ganzer Schwung. „In einem Wort: hier herrscht Chaos“, sagt der DRK-Kreisbereitschaftsleiter. Man habe Kräfte nachgefordert. Die Rede ist von Katastrophenmedizin, von 65 Hilfeleistungen in wenigen Minuten. Dem Hausmeister wird nach kurzer Behandlung empfohlen, seine Verletzung noch mal von einem HNO-Arzt angucken zu lassen. „Das mach’ ich dann mal“, sagt er. Derweil wird ein zweites Zelt aufgebaut.
Die Rettungsdienste selbst werden beschimpft
Dabei stehen die Helfer selbst im Feuer. Demonstranten schimpfen, dass es da Hunderte Verletzte gebe, dass Kinder sterben, und die Retter nicht helfen würden. Die Parkschützer, die den Widerstand organisieren, sprechen von unterlassener Hilfeleistung. Dass die Behandlungsstation des DRK weiter weg vom Geschehen aufgebaut wurde, ist aber erklärbar: „Es ist doch nicht sinnvoll, unsere Kräfte vor die Wasserwerfer zu schicken“, erklärt ein DRK-Sprecher. Keine Erklärung hat er indes für das Gerücht, eine ältere Frau sei in der Menge zusammengebrochen und auf dem Weg ins Krankenhaus gestorben. Einsatzprotokolle werden durchforscht. Doch einen solchen Fall hat es nicht gegeben.
Doch ich komme als Aushilfssanitäter einem schweren Missstand auf die Spur: Der Rettungsdienst war von der Polizei gar nicht über den Einsatz im Park informiert worden. Weder vorher noch während des Polizeieinsatzes. Wie bitte? Das macht einen ganz schnell wieder zum Reporter. „Kenntnis haben wir nicht von der Polizei, sondern von einer Rettungswagenbesatzung erhalten, die zufällig wegen eines anderen Notfalls in der Nähe war“, bestätigt ein DRK-Sprecher. Das sei um 12.56 Uhr gewesen. Wir erinnern uns: Bereits um 12.18 Uhr hatte die Polizei Schlagstock und Reizgas eingesetzt, und spätestens von da an war mit Verletzten zu rechnen. Um 12.48 Uhr war außerdem schon der Wasserwerfer aktiv.
Den Rettungsdienst vergessen – weil der ganze Polizeieinsatz eine Geheimsache war, um die Bahnhofsgegner zu überrumpeln. Irgendwie läuft hier etwas gewaltig schief. Das Desaster für die Polizei macht Jahre später das Stuttgarter Verwaltungsgericht komplett. Im November 2015 wird der ganze Polizeieinsatz für rechtswidrig erklärt. Denn diese habe sich, so das Urteil, nicht gegen eine Verhinderungsblockade, sondern gegen eine grundrechtlich geschützte Versammlung gerichtet.