Sowohl die Broschüren der Stuttgart 21-Gegner als auch der Befürworter verbreiten Fehler.

Stuttgart - Befürworter wie Gegner von Stuttgart 21 streuen tausendfach Broschüren unters Volk. Die bunten Heftchen verkünden den jeweiligen Standpunkt. Zuweilen aber findet sich mehr Schein als Sein. Beide Seiten geloben Besserung.

Im Obergeschoss vernagelte, darunter zugemauerte Fenster, ein abgerissener Anbau, von dem noch die Firstkante am Haupthaus klebt. Der Bahnhof im 4749 Seelen-Ort Lonsee im Alb-Donau-Kreis ist von trauriger Gestalt. Ein Bild des Jammers der Strecke Stuttgart-Ulm. Ein Bild, das die Initiative Leben in Stuttgart - Kein Stuttgart 21 in ihrer Broschüre zeichnet.

Dieses Bild aber gibt es nicht mehr. Der Bahnhof ist, wie die Gegner im klein gedruckten Bildtext richtig vermerken, abgerissen. Aber nicht nur das: Der Haltepunkt wurde bis August 2010 neu gestaltet. Die Bahn hat 2,3 Millionen Euro in neue Bahnsteige und zwei Millionen in Lärmschutz investiert. Die Gemeinde legte 300.000 Euro dazu, um das Drumherum im Hauptort und am Bahnhof im Teilort Urspring "städtebaulich zu gestalten", sagt Lonsees Bürgermeister Jochen Ogger. Das Bild vom brüchigen Bahnhof "verdreht die Tatsachen in einer Art und Weise, die ich nicht akzeptieren kann", schreibt Ogger an Gangolf Stocker. "Ich bin alles andere als begeistert", spricht Verwaltungschef Ogger von einem "Imageschaden".

Auch der "Zukunft der Stadt" fehlt etwas

Initiativen-Gründer Stocker kennt die Klage. "Das Bild wird in unserer nächsten Auflage nicht mehr drin sein, das macht ja keinen Sinn", verspricht er und verweist auf den Grafiker Peter Gierhardt. Der arbeitet an der fünften Auflage der Broschüre. Die vier zuvor erreichten eine Auflage von 20.000. Von der vierten - mit Halt in Lonsee - sind laut Stocker noch maximal 1500 da. Sie werden verteilt. "Das Foto vom alten Bahnhof ist zwei Jahre alt, das kommt natürlich raus", sagt Gierhardt. Man habe zeigen wollen, dass die Bahn ihre Infrastruktur vernachlässige. Der neue "Funktionsbau wie frisch nach der Kehrwoche" habe sich mit dem Druck der Broschüre überschnitten.

"Die Orte mit solchen Bahnhöfen sind Opfer dieser Vernachlässigung, nicht Täter", so Gierhardt. Und "Opfer" gebe es entlang der Strecke zur Genüge. Aufnahme ins neue Druckwerk könne zum Beispiel der Bahnhof in Uhingen finden. "Der sieht furchtbar aus", sagt Gierhardt, auch "Westerstetten oder Beimerstetten könnte wir nehmen."

Die Gegner stehen mit kritikwürdigen Darstellungen nicht allein. Das Stuttgart-21-Kommunikationsbüro legte seine Broschüre "21 gute Gründe für Stuttgart 21" neu auf. 100.000 wurden gedruckt. Grund 15 sind die "Investitionen in die Region". Eine Grafik zeigt, wer bei Stuttgart 21 wie viel zahlt. Allerdings fehlen Erklärungen zu Sternchen in der Grafik. So kommt der Flughafen um 112,2 Millionen Euro billiger weg, die Stadt hat keine Grundstücke für 460 Millionen Euro von der Bahn gekauft.

"Dass die Erläuterungen fehlen, ist ein Fehler", sagt ein S-21-Sprecher, der solle korrigiert werden. Auch bei Grund 20, der "Zukunft der Stadt", fehlt etwas, nämlich zwei Reihen Lichtaugen des neuen Tiefbahnhofs. Wären sie wie geplant da, würden sie den gezeigten Blick auf die Schlossgarten-Philharmonie völlig verstellen.

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