Tunnelpatin Beate Dietrich (im Bagger) sticht den Tunnel symbolisch an Foto: Kovalenko

„Lügenpack“- und „Oben bleiben“-Rufe haben am Mittwoch den offiziellen Start der Tunnelbauarbeiten zu Stuttgart 21 begleitet. Projektchef Leger verspricht „alles zu tun, damit möglichst ­alles gutgeht“.

Stuttgart - Für Gerhard Heimerl hat dieser trübe Adventsmittwoch eine besondere Bedeutung. Der Vater des Bahnprojekts Stuttgart 21 empfindet den 4. Dezember 2013 als „einen erfreulichen Tag nach 25 Jahren Planung“. Der emeritierte Professor für Eisenbahnwesen der Uni Stuttgart hat 1988 ein Konzept für die neue Bahnstrecke Stuttgart–Ulm vorgelegt. Ein Vierteljahrhundert später schaut er in Stuttgart-Wangen in einen 18 Meter tiefen Schacht. Bezirksvorsteherin und Tunnelpatin Beate Dietrich setzt dort die Baggerschaufel zum offiziellen Tunnelanstich an – der symbolische Startschuss für die Bergleute, unter der Landeshauptstadt 55 Kilometer Eisenbahntunnel zu graben.

Kurz zuvor hat der 80 Jahre alte Gerhard Heimerl einen heiklen Moment zu bestehen. Laut Polizei haben sich rund 300 Stuttgart-21-Gegner zu einer angemeldeten Demonstration versammelt. Einige blockieren spontan die Ulmer Straße unmittelbar neben den Stadtbahngleisen und machen so ein Passieren der Züge der Linien U 4 und U 9 für gut eine Stunde unmöglich. Gäste des Festakts müssen sich den Weg durch die Demonstranten bahnen, begleitet von „Lügenpack“- und „Oben bleiben“-Rufen, aber auch von nicht druckreifen Schmähungen. Es kommt zu Rangeleien mit der Polizei, die mit 200 Einsatzkräften angetreten ist. Heimerl, der eine Stock als Gehhilfe benötigt, wird bei seinem Eintreffen abgedrängt und muss, gestützt von einem Polizeibeamten, über die Gleise Richtung Baufeld geführt werden. „Es war nicht ganz leicht herzukommen, so tragisch sehe ich das aber nicht“, wird Gerhard Heimerl später zu Protokoll geben.

Wenige Minuten nach 11.30 Uhr wandert die Mehrzahl der Demonstranten Richtung Untertürkheim ab, die Stadtbahnen fahren wieder. Es sei grundsätzlich die Strategie, „die Demonstranten gewähren zu lassen“, erklärt danach ein Polizeisprecher. Die Auswüchse im Umfeld des Protests müsse man „ein Stück weit hinnehmen“.

Auf dem Baufeld an der Ulmer Straße ­haben sich derweil rund 250 Festgäste versammelt. Obwohl der offizielle Anstich eine wichtige Zäsur für das umstrittene Bahnprojekt bedeutet, fehlen auf der Gästeliste die Namen jener Personen, die bei Stuttgart 21 die großen Entscheidungen fällen. Die Landesregierung hat keinen hochrangigen Vertreter entsandt. Dies habe Bahn-Chef Rüdiger Grube und Technik-Vorstand Volker Kefer dazu veranlasst, ebenfalls von einer Teilnahme abzusehen, heißt es hinter vorgehaltener Hand. Sie alle versäumen, wie der Projektchef der Bahn, Manfred Leger, ein Versprechen abgibt. Er werde während der Bauphase „alles tun, damit möglichst ­alles gutgeht“, sagt er in seiner Rede.

Stuttgarts Ordnungsbürgermeister Martin Schairer erklärt, Stuttgart sei bei demnächst an die 100 Kilometer Bahnröhren „nicht mehr nur die heimliche Hauptstadt des Tunnelbaus“. Ministerialdirigent Elmar Steinbacher vom Landesverkehrsministerium thematisiert in seiner Ansprache als Einziger indirekt die Vorgänge auf der Straße und verweist auf die Volksabstimmung. Man dürfe in einer Demokratie dagegen sein, „in einer Demokratie muss aber irgendwann das Mehrheitsprinzip gelten“. Stuttgart 21 fehle es sicher nicht an „demokratischer Legitimation“.

Der nach der Patin benannte Beate-Tunnel wird auf gut sechs Kilometern und in zwei Röhren künftig den Hauptbahnhof mit der Gleistrasse in Obertürkheim verbinden und dabei den Neckar unterqueren. Ungeachtet des offiziellen Anstichs haben die Tunnelarbeiten an anderer Stelle in der Stadt bereits begonnen. So sind die Mineure schon seit einiger Zeit am Wagenburgtunnel und jetzt auch auf den Fildern bereits etliche Meter drin im Berg. Ab Sommer 2014 soll sich beim Stadtteil Fasanenhof dann die große Tunnelbohrmaschine in den Untergrund fräsen.

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