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Weg eines Ahorns aus dem Schlossgarten nach Bad Cannstatt – wir waren mit der Kamera dabei.

Stuttgart - Die Verpflanzungen im Schlossgarten sind in vollem Gang.  Insgesamt 68 Bäume sollen bis zum 29. Februar ihren Standort wechseln.  Doch wie funktioniert das überhaupt?

Auf der Uhr des Bahnhofsturms ist es zehn Minuten vor 14 Uhr, als die Verpflanzungsmaschine sich den Weg durch den Verkehr in der Willy-Brandt-Straße bahnt. Die Straße ist statt mit Zäunen nur mit Absperrbändern gesichert. Etwa 26 Tonnen wiegt die Rundspatenmaschine, die, umringt von Polizei und Arbeitern, in den abgesperrten Bereich neben dem Planetarium einfährt. Sie steuert die Gummimatten an, die über dem schlammigen Gelände liegen. Das Ziel der gewaltigen Maschine ist ein 8 Meter hoher Ahornbaum, der am Hang verwurzelt ist.

Der rund 40 Jahre alte Baum soll nach Bad Cannstatt in die Steinhalde kommen. Das einzige Problem: Der neue Standort ist mit einer Kiesschicht bedeckt. „Der Boden wird in den nächsten Wochen ausgetauscht“, erklärt einer der leitenden Arbeiter. Außerdem befände sich unter dem Schotter die gleiche Erde, die auch im Schlossgarten vorherrsche, so dass der Baum sehr gute Chancen habe zu überleben. „Er bleibt im gleichen Boden und im gleichen Klima. Bessere Voraussetzungen gibt es kaum“, sagt der Arbeiter weiter.

Die feinen Wurzeln sind wichtig

Während die Rundspatenmaschine zurücksetzt, laufen Arbeiter über den Hang und warten auf ihren Einsatz. Als die fünf Spaten der Verpflanzungsmaschine sich wie eine Hand um den Stamm des fast drei Tonnen schweren Baumes schließen, beginnen sie konzentriert die Grabwerkzeuge auszurichten. Während sich die Spaten in den aufgeweichten Boden bohren, bilden sich Trauben von Neugierigen , die mit gezückten Kameras oder Handys das Schauspiel festhalten. Das allgemeine Interesse gilt nicht nur den Pflanzen, sondern auch den Menschen: „Viele Arbeiter wurden angegriffen, weil sie an dem Projekt beteiligt sind“, sagt eine Sprecherin der Bahn. Um sie zu schützen, sollen ihre Namen in der Zeitung nicht genannt werden.

Die Grabwerkzeuge kappen einen Teil der Wurzeln ab und schließen sich unter dem Baum zu einer Art Schale zusammen. „Das Abstechen mit den Spaten ist für die Bäume viel schonender, als wenn man sie mit dem Bagger herausreißen würde“, sagt einer der führenden Mitarbeiter der Verpflanzungsfirma. Denn die Spaten seien innen glatt und durchtrennten die Wurzeln somit sauber. „Wichtig ist, dass möglichst viele Feinwurzeln erhalten bleiben“, fügt er hinzu. Denn die seien wichtig für das Wachstum und die Gesundheit des Baumes. Die dickeren Wurzeln gäben der Pflanze lediglich Halt, während die feinen Wurzeln sie mit Wasser und Nährstoffen versorgten. „Durch das regelmäßige Abstechen der Wurzeln in den Baumschulen erzieht man den Baum quasi dazu, ein kompaktes Wurzelwerk zu bilden“, sagt der Leiter der Verpflanzungen.

16 Meter lang ist der Transport – eskortiert von der Polizei

Als die Rundspatenmaschine den Baum samt Wurzeln fest im Griff hat, wird der Stamm mit Hilfe eines Gummibandes fixiert. Zwei Baumpressen sorgen dafür, dass die Pflanze während des Transports nicht aus der Schale rutscht. Langsam hebt die Maschine den Baum aus der Erde in die Höhe. Ein Blick in den zurückbleibenden Krater bestätigt die Aussage des Experten: Wenige kleine Wurzeln sind zu sehen.

Als sich der Ahorn in der Luft befindet, kippt der Maschinenführer ihn um 90 Grad, so dass er mit der Krone nach hinten in der Horizontalen an der Verpflanzungsmaschine hängt. Etwa 16 Meter lang ist der Transporter nun mit dem Baum im Schlepptau. Kaum liegt der Baum, machen sich drei Arbeiter daran, abstehende Äste mit Stricken zusammenzubinden, mit Heckenscheren Überstehendes abzukneifen und mit kleinen Sägen dickere Äste aus dem Weg zu räumen. Immer mehr Schaulustige finden sich ein, um das Spektakel mitzuerleben, und auch die umstehenden Polizisten und Landschaftsgärtner sind fasziniert und schießen Fotos.

Drei Jahre wird der Baum gepflegt, um sein Überleben zu sichern

Fest verschnürt macht sich der kleine Ahorn auf die Reise in seine neue Heimat: die Steinhaldenstraße. Eskortiert von einem Polizeiwagen und zwei Begleitfahrzeugen, verlässt die Verpflanzungsmaschine mitsamt dem Baum den Schlosspark. Vorbei am Hauptbahnhof über die Heilbronner Straße nimmt der ungewöhnliche Transport seinen Lauf. Die Strecke führt über Münster bis nach Bad Cannstatt. Überall staunt man über den fahrenden Ahorn. Trotz des Berufsverkehrs dauert es nur rund zwanzig Minuten, bis der Baum am Ziel ankommt.

Dort wartet schon ein Loch für den kleinen Riesen. „Wenn ein Baum eingesetzt wird, graben wir gleich ein Loch für den nächsten, ehe wir uns wieder auf den Weg zum Schlosspark machen“, meint der Verantwortliche für die Baumverpflanzung. Kaum vor Ort, beginnen einige Arbeiter damit, vorsichtig die Äste loszubinden und den Baum von allen Seilen und Gurten zu befreien. Innerhalb weniger Minuten sind alle Knoten gelöst, und der Baum kann wieder aufgerichtet werden. Langsam kippt die Rundspatenmaschine den Baum und peilt die Grube an. Als der Baum heruntergelassen wird, bemerken die Arbeiter, dass das Loch nicht tief genug ist, und graben mit einem kleinen Bagger etwas tiefer. Ganz langsam wird der Baum in das Loch abgesenkt. Nach und nach werden die Spaten einzeln und stückchenweise herausgezogen, um die Pflanze gerade auszurichten. Nach wenigen Minuten ist es geschafft: Der Ahorn hat sein Ziel erreicht, der Bagger bedeckt ihn noch mit etwas Erde, ehe Arbeiter und Zuschauer abziehen. Noch drei Jahre lang wird man sich um ihn kümmern, um sein Überleben zu sichern.

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