Baumverplanzugsarbeiten im Schlossgarten mit dem Weitertransport nach Stuttgart Sommerrain. Foto: Leif Piechowski

Bauarbeiten haben begonnen, Demonstranten bleiben zu Hause – Abgesang auf eine Bewegung.

Stuttgart - 230 Bäume sollten in der Landeshauptstadt im Mittleren Schloss­garten ursprünglich für das Verkehrs- und Städtebauprojekt ­Stuttgart 21 fallen. In den ­vergangenen ­Wochen fällte die Deutsche Bahn „deutlich mehr“ Bäume, so berichten es unterschied­liche Medien, als zuvor angegeben.

In großer Aufmachung wird tagelang ­berichtet über die vielfältigen Techniken der Fällungen und Verpflanzungen. Überschriften lauten „Kleiner Baum auf großer Fahrt“, „Bahn legt beim Baumfällen beachtliches Tempo vor“, „Bahn fällt deutlich mehr ­Bäume“, „Geißler hat Ergebnis zu akzeptieren“, „Bäume ­kosten Bahn zwei Millionen Euro“, „Mittlerer Schlossgarten bleibt Sperrzone“. Auf allen Seiten wenig Worte zur Bedeutung, zur Geschichte des Schloss­gartens, seiner ­jahrhundertealten Bäume. Dafür kommt der Juchtenkäfer zu großen Ehren.

Nichts geschah während der Rodung

Erwartet wurden Massendemonstrationen der Stuttgart-21 Gegner. Um dies und einen zweiten schwarzen Donnerstag wie bei den Ausschreitungen zwischen Projektgegnern und Polizei am 30. September 2010 zu verhindern, wurden Tausende von ­Polizisten aufgeboten, Zäune errichtet, ­weiträumige Präventivmaßnahmen angeordnet, Verkehrssperrungen vorgenommen.

Doch nichts geschah während der Rodung des Schlossgartens. Gespenstische Ruhe, Grabesstille. Keine Verzweiflung, kein ­Aufbäumen der Stuttgart-21-Gegner.

Die braven Stuttgarter, die Widerständler, das Aktionsbündnis blieben zu Hause, selbst die Parkschützer übten sich in Zurück­haltung, „Selbstbegnügen“, Gewähren-Lassen, Gleichgültigkeit. Müdigkeit, ja ­Lähmung wurden demonstriert. Das Terrain wurde den Stadttouristen überlassen. Wann bekommt man auch wieder die Chance, Fotos von fallenden Riesenbäumen für das Familienalbum zu machen?

An einen kleinen Aufstand erinnert

Die sogenannten Promis der Stuttgart-21-Gegner ließen sich kaum blicken, ­Institutionen wie die Denkmalschützer und die Universitäten übten sich weiterhin in Desinteresse. Für sie war und ist der Park, ist seine Geschichte – als Teil des Gedächtnisses und des Charakters der Stadt – kein Thema. Für sie ist anscheinend beim Thema Stuttgart 21 wie bei Ministerpräsident Winfried Kretschmann und seiner grün-roten Regierung mit der eindeutigen Volksabstimmung für das Projekt alles gelaufen.

Die Strategie der Polizei, der Bahn, der Stadt und doch wohl auch der Regierung ging auf. Die Polizei kann wieder nach Hause ­gehen. Man fühlt sich an einen kleinen ­Aufstand „mit viel Geschrei“ 1796 in der Stadt erinnert, an dessen Ende der Herzog den paar Beteiligten „für ihr gutes Betragen dankte“. Oder an jenen Vorfall, als der Rest der deutschen ­Nationalversammlung von 1848 in der ­Langen Straße am 18. Juni 1849 „vor den Augen der Stuttgarter BürgerInnen auseinandergetrieben wurde“.

Wenn Otto Borst, der bekannteste Chronist der Stadt noch leben würde, würde er sagen: So der Geist der Stadt, Stadt ohne Geschichte, ohne Gedächtnis, ohne Selbstbewusstsein, ohne Stolz, „ohne Geheimnis, ohne Weite und Perspektive“, „Stuttgart, die Stadt zwischen Wald und Reben“, mit einem „Defizit an Welt“.

Was wäre in anderen Städten geschehen? Das ist die Frage, die von den zu Hause ­gebliebenen Demonstranten und der ­schweigenden Regierung zu beantworten ­gewesen wäre.

Roland Ostertag ist Architekt und lebt in Stuttgart. In unserer Zeitung hat er sich wiederholt mit dem Verkehrs- und Städtebauprojekt Stuttgart 21 beschäftigt.

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