Die neue Werbekampagne zu Stuttgart 21 wurde vorgestellt. Klicken Sie sich durch die Plakatmotive und Aufkleber. Foto: StN

"Das neue Herz Europas" ist Geschichte, jetzt sollen "Die guten Argumente überwiegen".

Stuttgart - Eine neue Werbekampagne soll die Bürger von Stuttgart21 überzeugen: In Plakaten, Anzeigen und im Internet werden häufige Argumente der Projektgegner in Dialogform aufgegriffen. Am heutigen Samstag erhalten alle Haushalte in der Stadt zudem die erste Bauzeitung.

Dialog ist das Zauberwort der neuen Stuttgart-21-Kampagne: "Wir wollen die Bürger sachlich über die Pro- und Contra-Argumente des Bahnprojekts informieren", versprach Wolfgang Drexler am Freitag bei der Präsentation der Kampagne. Viele Kritiker und Gegner würden immer noch "Vermutungen und Halbwahrheiten" ins Feld führen, klagte der Sprecher des Bahnprojekts Stuttgart-Ulm. "Da müssen wir aufklären", betonte Drexler.

Die Kampagne stammt von der Stuttgarter Werbeagentur Die Crew, die sich in einer europaweiten Ausschreibung bei 67 Interessenten aus dem In- und Ausland gegen elf konkrete Bewerber durchgesetzt hat. Der Vertrag mit Drexlers Kommunikationsbüro läuft bis zum Jahr 2015, also bis zur Hälfte der angenommenen Bauzeit von Stuttgart21 und der neuen ICE-Trasse Wendlingen-Ulm. Um das Bahnprojekt bis zur Fertigstellung 2019 zu begleiten, benötige man 15 Millionen Euro, schätzt Gerhard Mutter, Vorstandsvorsitzender der Crew AG. Für die erste Phase der Kampagne bis August 2010 werden die Finanziers Land und Bahn 550.000 Euro ausgeben.

Stuttgart21 sei kein Werbeprodukt wie ein Schokoriegel, stellte Mutter am Freitag klar: "Das Projekt ist eine komplizierte Mischung aus städtebaulichen und verkehrspolitischen Aspekten; es greift schon in seiner Bauphase intensiv in das Stadtgeschehen ein und ist höchst umstritten", sagte der 58-Jährige. Weil Stuttgart21 die Bürger "hochgradig emotional und rational" berühre, so Mutter, müsse die Kommunikation "sehr sensibel" damit umgehen.

Mutter will die Aufgabe mit "Transparenz, Diskursfähigkeit und kommunikativer Rationalität" angehen. "Keine Kampagne wird die entschiedenen Gegner vom Gegenteil überzeugen", meint er. "Wir können aber einen Beitrag zur besseren Atmosphäre in der Stadt leisten, indem wir Denkanstöße vermitteln, einen Dialog aufbauen und so die Deeskalation einleiten."

Infozeitung wird an die Haushalte verteilt

In der ersten Phase der Kampagne greifen die Werber sechs Kritikpunkte der Projektgegner auf: die kalkulierten Baukosten von 4,1 Milliarden Euro, das Fällen von 282 Bäumen im Schlossgarten, der Abbruch der Seitenflügel am Bonatzbau, die geringe Zeitersparnis durch den künftigen Tiefbahnhof und die Großbaustelle in der Innenstadt. Zu jedem Kritikpunkt liefert die Kampagne bewusst sachlich formulierte Gegenargumente. Zu den Kosten wird beispielsweise erklärt, dass die Milliarden ausschließlich für die Realisierung von Stuttgart21 zur Verfügung stehen und dass die Investition auch 10000 Dauerarbeitsplätze schafft und 7000 Arbeitsplätze während der Bauzeit.

Diese Darstellungen werden von dem neuen Leitsatz "Die guten Argumente überwiegen" begleitet, der den bisherigen Slogan "Das neue Herz Europas" ersetzt. "Der alte Slogan war ein bisschen großkotzig", sagte Mutter. Das Signet mit dem roten Herzen und den zwei Zügen aus der bisherigen Kampagne bleibt aber erhalten (siehe Hintergrund). Die sechs Argumente und Gegenargumente erscheinen in den beiden Tageszeitungen in Stuttgart und auf Großflächenplakaten. Dazu gibt es einen überarbeiteten Internetauftritt unter www.die-guten-argumente-überwiegen.de und einige neue Broschüren. Wann die nächste Phase der Kampagne startet, ließ Drexler am Freitag offen.

Am heutigen Samstag erscheint auch die erste Ausgabe der Infozeitung "Dialog21". Sie wird in einer Auflage von 220.000 Exemplaren gedruckt und wird an alle 186.000 Stuttgarter Haushalte verteilt, die kein Werbeverbotsschild am Briefkasten haben. Die Infozeitung soll in erster Linie den Baufortschritt erläutern und wird in regelmäßigen Abständen erscheinen.

Bei den Projektgegnern stieß die Kampagne am Freitag auf Ablehnung. "Dieser angebliche Dialog kommt zu spät, weil beim Projekt schon Fakten geschaffen werden", kritisierte Wolfgang Wölfle, Landtagsabgeordneter und Stuttgarter Stadtrat (Grüne): "Die faire Auseinandersetzung hätte ein Bürgerentscheid sein müssen."

SÖS-Stadtrat Gangolf Stocker kritisierte die Darstellung Drexlers, er habe ein Streitgespräch für "Dialog21" mit Bahn-Chef Rüdiger Grube abgelehnt. "Drexler lügt, die Bauzeitung lügt", schimpfte Stocker. Von einem Streitgespräch sei nie die Rede gewesen. Crew-Chef Mutter habe ihm nur Raum für einen schriftlichen Beitrag angeboten, und den habe man abgelehnt. In der zweiten Juni-Hälfte wollen die Projektgegner ihre eigene Kampagne starten - mit 300.000 Flyern für alle Haushalte der Stadt.