In bis zu 85 Metern Höhe überspannt die neue Brücke das Filstal. Zugreisende sollen von Ende 2022 an dort unterwegs sein. Foto: /Horst Rudel

In weniger als anderthalb Jahren soll die Hochgeschwindigkeitsstrecke Wendlingen-Ulm in Betrieb gehen. Die nun fertiggestellte Filstalbrücke ist ein weithin sichtbares Zeichen für den Baufortschritt, sagt Bahninfrastrukturvorstand Ronald Pofalla.

Stuttgart - Ende 2022 soll die Neubaustrecke Wendlingen-Ulm für kürzere Fahrzeiten auf der Schiene sorgen. Im Interview spricht Bahninfrastrukturvorstand Ronald Pofalla über die neue Filstalbrücke, über weitere Ausbauvorhaben und die Diskussion um die Leistungsfähigkeit von Stuttgart 21.

 

Herr Pofalla, am 14. Juli kommen Sie ins Land, um den Brückenschlag übers Filstal zu feiern. Werden 2022 beide Brücken für die Inbetriebnahme zur Verfügung stehen?

Die Filstalbrücke ist ein beeindruckendes Werk der Baukunst. Immer wieder wird vom neuen Wahrzeichen für Baden-Württemberg gesprochen. Das freut uns sehr. Schließlich prägt ein solches Bauwerk die Landschaft für mindestens hundert Jahre. Die Entscheidung für das Büro, das auch den Stuttgarter Fernsehturm konstruiert hat, war visionär. Wir werden zur Inbetriebnahme der Neubaustrecke 2022 beide Brückenbauten nutzen können, davon gehe ich Stand heute aus.

Können Sie die Termine auf der Neubaustrecke halten für die Eröffnung der Strecke?

Wir sind voll im Plan und auf der Zielgeraden. Mit dem Rohbau sind wir nahezu fertig, alle Tunnel sind gegraben, von 120 Kilometer Gleis sind schon 100 geschafft – und jetzt feiern wir den Brückenschlag der Filstalbrücke. Reisende sind ab Dezember 2022 eine Viertelstunde schneller zwischen Stuttgart und Ulm unterwegs, ab Inbetriebnahme von Stuttgart 21 sogar eine halbe Stunde. Wer beispielsweise in Ulm wohnt und in Stuttgart arbeitet, gewinnt dank der neuen Strecke jeden Tag eine halbe und später dann eine ganze Stunde Lebenszeit.

Das Land, das den Regionalverkehr über die Neubaustrecke bestellen soll, hat den Terminplan für die Vergabe strecken müssen und verweist auf komplizierte Abstimmungsgespräche mit der Bahn. Woran hakt es?

Wir haben für die Fahrplanabstimmungen noch ausreichend Zeit, das vorweg. Denn der finale Fahrplan muss erst ein paar Monate vor der Inbetriebnahme stehen. Die besondere Herausforderung dabei: Zwischen Stuttgart und Wendlingen müssen wir die Fernzüge in und aus Richtung Ulm in den bereits heute sehr dichten Schienenverkehr einfädeln. Die Abstimmungen sind auf einem guten Weg, die Bahnreisenden werden die neuen Verbindungen mit großem Gewinn nutzen können.

Fahrgäste welcher Linien der DB profitieren von Ende 2022 an von der neuen Strecke?

Eines kann ich Ihnen schon verraten, auch wenn die Abstimmungen noch laufen: Die Fernverkehrszüge werden stündlich in beide Richtungen fahren. Davon profitieren viele Menschen. Zudem schließen wir mit dem Bahnhof Merklingen auf der Schwäbischen Alb eine ganze Region neu an die Schiene an. Für die dafür notwendige Initiative der Anrainerkommunen und des Landes Baden-Württemberg danke ich ausdrücklich. Die Menschen dort hätten sicherlich nicht gedacht, dass sie eines Tages in wenigen Minuten mit dem Regionalzug nach Ulm in die Innenstadt fahren können und künftig auch zum Stuttgarter Flughafen sowie in die Stuttgarter City.

In Ulm ist die Welt nicht zu Ende. Bereits Ende dieses Jahres geht die elektrifizierte Südbahn von dort zum Bodensee in Betrieb. Obwohl nun nicht mehr in Ulm die Lok gewechselt werden muss, gibt es von Stuttgart aus keine Fahrzeitvorteile gegenüber heute. Warum?

Zu einer zuverlässigen und bequemen Reise mit der Bahn gehören funktionierende Anschlüsse. Entsprechend hat das Land für den Regional-Express Stuttgart-Lindau einen Fahrplan erarbeitet, der in Ulm den Anschluss vom Fern- auf den Regionalverkehr im Blick hat. Reisende mit dem ICE aus Berlin oder dem Rheinland können in Ulm entspannt in ihren Anschlusszug Richtung Bodensee umsteigen. So profitieren Fahrgäste unmittelbar von der Elektrifizierung der Südbahn.

Die Strecke dient vorwiegend dem Regionalverkehr. Sind Vorarlberg oder die Ost-Schweiz für den Fernverkehr zu unattraktiv?

Wir wollen den Fernverkehr über die Südbahn ausweiten. Aktuell laufen noch Abstimmungen dazu. Im Herbst wollen wir die konkreten Planungen vorstellen.

Für den Deutschlandtakt soll eine neue Strecke zwischen Ulm und Augsburg die Fahrzeit auf weniger als eine halbe Stunde reduzieren. Wann wird das soweit sein wird?

Wir arbeiten auch hier mit voller Kraft am Deutschlandtakt. Die Strecke Ulm–Augsburg ist im Bundesverkehrswegeplan 2030 verankert, im Dialog mit der Region arbeiten wir mit Hochdruck an der Planung Um es klipp und klar zu sagen: Ohne das Bahnprojekt Stuttgart–Ulm wäre der Deutschlandtakt im Südwesten schlicht nicht möglich. Unser Ziel ist ein Halbstundentakt zwischen den großen Knotenpunkten in Deutschland. Zudem sollen Reisende auf der Achse Frankfurt–Mannheim–Stuttgart–Ulm–Augsburg–München dann binnen 30 Minuten von Stadt zu Stadt kommen. Das ist ein enormer Sprung für den Bahnverkehr. Mit keinem anderen Verkehrsmittel schafft man es beispielsweise in eineinhalb Stunden von Stuttgart nach München. Im ICE wird es möglich – dank des Deutschlandtakts.

Bleibt die neue Strecke Wendlingen-Ulm solange dann nur Stückwerk?

Mitnichten! Allein die Neubaustrecke Wendlingen–Ulm bringt enorme Vorteile. Ab Ende 2022 kommt man in Rekordzeit von Stuttgart nach Ulm – dann nimmt nur noch das Auto, wer gerne im Stau auf der Autobahn die Filstalbrücke von unten sieht. Jedes Mal, wenn wir eine solche Strecke in Betrieb nehmen, knacken wir sämtliche Rekorde. So wird es auch beim Bahnprojekt Stuttgart–Ulm sein.

Der verkehrspolitische Sprecher der Grünen im Bundestag, Matthias Gastel, hat Anfang Juli in einem Interview erklärt „Für den Verkehr bringt Stuttgart 21 rein gar nichts, nur neue Engpässe“. Liegt er richtig?

Ganz klar: Nein. Die Leistungsfähigkeit des künftigen Stuttgarter Bahnknotens ist ausreichend bemessen. Das belegt ein verkehrswissenschaftliches Gutachten, das der Verband Region Stuttgart Anfang 2020 vorgelegt hat und das von allen Projektpartnern ohne Einschränkungen anerkannt wird. Zudem ist Stuttgart 21 Voraussetzung für den Deutschlandtakt. Dank der Digitalisierung des Bahnknotens ergeben sich sogar Kapazitäten über die bis 2030 angestrebte Verdopplung der Fahrgastzahlen hinaus.

Verkehrsminister Winfried Hermann sagt, dass S 21 bis zum Jahr 2030 ausreiche , danach benötige man aber eine Ergänzungsstation. Die hat es auch in den Koalitionsvertrag im Land geschafft. Wird die Bahn das bauen?

Sie verstehen sicher, dass ich Koalitionsverträge nicht beurteile. Aber eines ist klar:

Stuttgart 21 und die Neubaustrecke nach Ulm sind zukunftsfähig. Sie schaffen wesentliche Voraussetzungen für mehr Kapazität auf der Schiene und somit für die Mobilitätswende. Für einen Zusatzbahnhof müssten klare Grundlagen vorliegen: Zunächst der Nachweis des verkehrlichen Bedarfs und der Wirtschaftlichkeit. Dann müsste die Finanzierung geklärt werden. Und schließlich müssten alle S-21-Partner dieser Änderung des Projekts zustimmen. Die Landeshauptstadt Stuttgart und der Verband Region Stuttgart haben sich eindeutig gegen einen zusätzlichen Kopfbahnhof ausgesprochen. Unsere Position als Projektpartner steht ebenfalls fest: Der im Bau befindliche Durchgangsbahnhof hat ausreichend Reserven, das ist erwiesen.