Der Rohbau geht in der Bahnsteighalle von Stuttgart 21 dem Ende zu. Demnächst übernehmen die Gleisbauer. Foto: /Arnulf / Hettrich

Ausgerechnet auf der vermeintlichen Zielgeraden gerät das Milliardenvorhaben Stuttgart 21 wieder in schwere See. Auf der Baustelle bleibt noch vieles zu tun, die Kosten steigen abermals, und die grundsätzlichen Bedenken werden eher mehr als weniger. 2024 könnte zum entscheidenden Jahr werden.

Die Uhr kennt keine Gnade. Solange sie mit Strom versorgt wird, erhöht sie stündlich den Druck. Die kleine Digitalanzeige hängt an der Pforte des Bürogebäudes am Rand der Stuttgarter Innenstadt, in dem die PSU residiert. Hinter dem Buchstabenkürzel verbirgt sich die Projektgesellschaft Stuttgart–Ulm, der seit etwas mehr als zehn Jahren die Aufgabe zufällt, Stuttgart 21 ins Werk zu setzen. Und die Uhr gemahnt alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die den Eingang passieren, daran, dass auch die längste Bauzeit einmal zu Ende gehen sollte. In Tagen, Stunden, Minuten und Sekunden zeigt sie, wie viel Zeit noch bleibt bis zu jenem 14. Dezember 2025, an dem nach heutigem Stand der Dinge die ersten Züge für zahlende Gäste durch den neuen Tiefbahnhof rollen.

 

Stuttgart-21-Idee wird 30 Jahre alt

Am 18. April 2024, wenn die Uhr die verbleibende Zeit mit noch 605 Tagen angibt, feiert Stuttgart 21 ein fragwürdiges Jubiläum. An diesem Tag wird es 30 Jahre her sein, dass die dem Projekt zugrunde liegende Idee in die Welt gesetzt worden ist. Das Lamento, die Dinge würden in Deutschland zu lange dauern, ist häufig zu hören – am Stuttgarter Hauptbahnhof kann man sich von der traurigen Richtigkeit der Behauptung jeden Tag bei den langen Wegen zu den Gleisen selbst überzeugen.

Zweifel an den Termin- und Kostenprognosen pflegt die Bahn in der langen Projekthistorie stets mit dem Hinweis auf ihren aktuellen Erkenntnisstand abzutun – bis sie die mit der Zeit immer unglaubwürdiger werdenden Vorhersagen schließlich kassiert und neue Vorhersagen in Sachen Geld- und Zeitbedarf in Umlauf bringt. So zuletzt im Dezember geschehen. Längst zeichnete sich ab, dass selbst die 9,8 Milliarden Euro, die seit März 2022 als Kostenprognose kursierten, nicht mehr reichen würden. Die Deutsche Bahn baute vor und ließ den Sommer über externe Prüfer in die Kalkulationen schauen – am Ende stand ein Kostensprung auf nun 11,453 Milliarden Euro.

Stuttgart 21 – was bisher geschah. Foto: Infografik/Biwer, Lange

PSU-Chef Olaf Drescher setzte in einer Mail die Beteiligten von Land, Region und Stadt in Kenntnis, dass „aufgrund der allgemein zu beobachtenden Markteffekte in einem schwierigen globalen Umfeld, Herausforderungen aus der Einzigartigkeit im Ausbau der Bahnhöfe des Projekts sowie häufig zu beobachtender schwacher Resonanz auf unsere Ausschreibungen und somit mangelnder Konkurrenz unter potenziellen Auftraggebern“ die Kosten die Marke von zehn Milliarden Euro deutlich durchbrochen haben. Eine offizielle Bestätigung dieser Zahl für die Öffentlichkeit steht freilich weiter aus.

Kosten stiegen zuletzt immer schneller

Was auffällt: Je länger das Projekt läuft, je sichtbarer sich der Bahnhofsneubau ins Weichbild der Stadt einschreibt, desto kürzer werden die Zeiträume zwischen den Kostenaktualisierungen. Wer gehofft hatte, dass mit zunehmendem Realisierungsgrad auch die Vorhersagequalität steigen würde, sieht sich eines Besseren belehrt.

Gingen bislang die Eingeständnisse von Kostensteigerungen und Terminüberschreitungen Hand in Hand, so will die Bahn dieses Mal noch nicht von der Zielmarke lassen, die besagt, dass der neue Bahnknoten im Dezember 2025 in Betrieb gehen wird. Allerdings ließ sich die Mail des S-21-Chefs so lesen, als sei auch das noch längst nicht ausgemachte Sache. Man strebe zwar nach wie vor eine Inbetriebnahme im Dezember 2025 an. „Wir müssen jedoch feststellen, dass insbesondere beim Pilotprojekt Digitaler Knoten Stuttgart die Terminlage sehr angespannt ist.“

Dabei geht es um die Ausrüstung der neuen Infrastruktur mit einer digitalen Sicherungstechnik statt mit herkömmlichen Signalen. Die Entscheidung dafür fiel erst im Januar 2020, als Stuttgart 21 längst im Bau gewesen ist. „Zum ersten Mal in Deutschland rüsten wir einen ganzen Bahnknoten komplett digital aus, und das stellt erkennbar auch unseren Auftragnehmer vor große Herausforderungen“, schreibt Drescher, der diese Analyse mit der Zusicherung verknüpft, „weiterhin alles dafür zu tun, um diesen Termin zu halten“.

Fahrplan muss im Juni stehen

Das Jahr 2024 dürfte viel zur Klärung beitragen. Dafür sorgen lange Zeit eingeübte Abläufe bei der Bahn. Die sehen unter anderem vor, dass ein neu einzuführender Fahrplan 18 Monate vor Beginn seiner Gültigkeit veröffentlicht wird. Auf Stuttgart 21 übertragen: Im Juni 2024 müsste die Bahn Auskunft darüber geben können, wie ihr Betrieb im Südwesten aussieht, wenn tatsächlich im Dezember 2025 die Züge statt oben in den Kopf- unten in den Durchgangsbahnhof einfahren. Zweifel, dass das dann alle Züge sein werden, die ursprünglich vorgesehen waren, mehren sich; das Szenario einer lediglich teilweisen Inbetriebnahme will offiziell niemand bestätigen.

Für den Herbst 2024 sind Testfahrten in dem weitverzweigten Tunnelsystem im Stuttgarter Talkessel, aber auch auf der neuen Bahnstrecke entlang der A 8 auf den Fildern angekündigt. Der Bahnhof selbst dürfte dann wohl noch außen vor bleiben. Noch haben dort die Roh- und Innenausbauer das Regiment, Gleise an den vier Bahnsteigen könnten im Laufe des Jahres 2024 verlegt werden. Auf dem Dach des Bahnhofs arbeitet ein Spezialunternehmen seit Herbst an den komplexen Glas-Stahl-Konstruktionen der sogenannten Lichtaugen. Die Fertigstellung des ersten davon lässt noch auf sich warten, 26 weitere müssen folgen. Der ursprüngliche Montageplan sah dafür einen Zeitraum von etwas mehr als drei Jahren vor, auf der Baustelle sind sie zuversichtlich, diese Spanne deutlich verkürzen zu können.

Um die Kosten wird vor Gericht gestritten

Klärung könnte das Jahr 2024 auch in der Frage bringen, wer wie viel der Mehrkosten trägt. Die Finanzierungsvereinbarung zwischen Bahn, Land, Region, Stadt und Flughafen aus dem Jahr 2009 hat noch Kosten in Höhe von rund 4,5 Milliarden Euro angesetzt. Die Bahn hat ihre Projektpartner auf eine Beteiligung an den darüber hinausgehenden Kosten – Stand jetzt rund sieben Milliarden Euro – verklagt. Die Verhandlungen vor dem Verwaltungsgericht in Stuttgart, die im Mai 2023 begannen, sind ins Stocken geraten. Nach dem Auftakt trafen sich die Parteien noch zu zwei weiteren Runden vor der 13. Kammer des Gerichts. Zuletzt sind aber zwei Termine aufgehoben worden.