Ein Lkw am Dienstag im Einsatz für Stuttgart 21 – bald werden mehr davon unterwegs sein, auch auf öffentlichen Straßen Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Wer gedacht hatte, der Baustellenverkehr für Stuttgart 21 gehe nur über separate Baustraßen, hat sich geirrt. Von Sommer an fahren an Werktagen je 250 Lkw im Stadtverkehr mit. Das stößt bei Teilen des Gemeinderats auf Kritik.

Stuttgart - Mehr Eigenlob geht kaum. Das Kommunikationsbüro für das Bahnprojekt Stuttgart–Ulm feierte am Dienstag die Pläne für die Baulogistik. Kommende Woche komplettiere man am Bahnhof die Baustraßen. Von da an betreibe man ein maßgeschneidertes Konzept von Baustraßen, das den öffentlichen Straßenverkehr beim Bahnhofs- und Tunnelbau um bis zu 520 Lkw pro Tag entlasten werde. Weiter hinten in der Pressemitteilung und am Morgen im Rathaus wurde klar, dass zwei wichtige Straßen auch belastet werden. Und das gefällt denen, die das Projekt kritisch begleiten, aber auch der projektfreundlichen SPD gar nicht.

An der Ecke Wolframstraße/Rosensteinstraße werden von Sommer 2015 bis Anfang 2017 an Werktagen rund 250 leere Lkw das separate Baustraßennetz verlassen und im allgemeinen Verkehr auf der Wolframstraße und der Heilbronner Straße zur Jägerstraße mitschwimmen. Dorthin, wo sie den Aushub aufnehmen sollen, der vom Tunnelbau für Stuttgart 21 an der Talsohle des Kriegsbergs zusammenkommt.

Im April sollen die Lkw dann zunächst über den U-Turn unter der Heilbronner Straße zur Baugrube für den Tiefbahnhof fahren. Später steht der U-Turn wegen Bauarbeiten aber nicht mehr zur Verfügung. Daher müssen die Lkw von der Jägerstraße oben an einer Ampel über die Heilbronner Straße zu den Baustraßen am Hauptbahnhof rollen.

Der Straßenverkehr wird beeinträchtigt

Wie sehr die Lkw zur Belastung für das anfällige Straßensystem in Stuttgart werden, ist umstritten. Martin Körner (SPD) erinnerte im Umwelt- und Technik-Ausschuss an Ankündigungen der Bahn, dass man von April an keine öffentlichen Straßen mehr belasten müsse. Gangolf Stocker (SÖS) meinte, die Inanspruchnahme öffentlicher Straßen sei „nicht zu rechtfertigen“. In begrenztem Umfang sei der Bahn das im Genehmigungsverfahren zwar zugestanden worden, „aber für die Zeit vor fünf Jahren, nicht für jetzt“.

Peter Pätzold (Grüne) sagte, natürlich werde der öffentliche Straßenverkehr beeinträchtigt. Schließlich sei in der Gegend bei der Eröffnung des Milaneo-Einkaufszentrums alles dicht gewesen. Seine Parteifreundin Gabriele Munk sieht außerdem die Bewohner des Nordbahnhofviertels extrem durch die Baulogistik belästigt, obwohl zwischen der Rosensteinstraße und den Gleisflächen auf 250 Meter Länge eine asphaltierte Baustraße mit vier Meter hohem Lärmschutz angelegt ist.

Florian Bitzer von der Bahn AG hielt dagegen: Die Anrainer der Rosensteinstraße hätten noch nie einen so guten Schutz gegen Lärm von Zügen gehabt wie jetzt. Bitzer wies auch andere Kritik ­zurück. Die Details der Baustraßen seien nicht Gegenstand des Planfeststellungsbeschlusses, nur die Schutzziele müssten gewährleistet sein. Den Lkw-Baustellenverkehr auf öffentlichen Straßen bewertete Bitzer als unbedeutend. Angesichts von 55 000 Kfz pro Tag auf der Heilbronner Straße gehe es bei den 250 Lkw um ein halbes Prozent. Fazit: „Die Sicherheit und Leichtigkeit des Verkehrs“, die die Bahn wahren soll, „ist noch gewährleistet.“

"Jeder Lkw mehr ist ein Lkw zu viel"

Ordnungsbürgermeister Martin Schairer (CDU) pflichtete bei: Die Querung bei der alten Bahndirektion schränke die Leichtigkeit des Verkehrs nicht ein. Wegen der Lkw-Leerfahrten über die Wolframstraße und die Heilbronner Straße habe die Verkehrsbehörde „keine Bauchschmerzen“. Laut Verkehrsgutachten sei das verkraftbar. Aber jeder Lkw mehr sei natürlich ein Lkw zu viel.

Einzig die Grünen monierten, die Bahn könnte auch die Leerfahrten auf die Baustraße zwischen Bahnhofsbaugrube und Wolframstraße legen, nicht nur die Abfuhr, wenn sie nur wollte. Gegenverkehr würde hier allerdings bewirken, dass nicht 25 Lkw pro Stunde Aushub wegkarren, sondern nur etwa ein Viertel. Das würde auf die Bauzeitplanung durchschlagen, wandte Bitzer ein.

Ins Rathaus gekommen waren die Bahn-Vertreter aber, um zu berichten, dass man Belästigungen zu begrenzen versuche. Über den Platz am Nordausgang des Bahnhofs werde es stets eine oberirdische und barrierefreie Wegeführung für Fußgänger, Radfahrer und Behinderte geben. Den Lärmschutz nehme man sehr ernst. Der Piepston von rückwärtsfahrenden Baufahrzeugen werde gedämpft, wo es gehe. Bei Arbeiten in Tunnelröhren oder auf öffentlichen Straßen gehe das aus Sicherheitsgründen nicht.

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