Der Bagger beißt sich in das Vordach des Nordflügels. Foto: Rosar

Der Abbruch am Nordflügel geht weiter - SÖS und Grüne fordern sofortigen Baustopp.

Stuttgart  - Die Bahn hat am Freitagmorgen den Abbruch des Nordflügels am Hauptbahnhof fortgesetzt. Erstmals wurden dabei auch Bauteile außen am Gebäude entfernt. Das Bündnis gegen Stuttgart21 sieht darin nur einen symbolischen Akt.

Um 7.21 Uhr setzt der Baggerfahrer die schwarze Greifschaufel zum ersten Mal am Vordach an. Mit einem Krachen reißt der Caterpillar einen langen Streifen aus Kupferblech ab und lädt ihn vor dem Nordflügel des Hauptbahnhofs ab. Wie Alufolie knüllt sich das Blech am Boden.

Hier ein Livestream vom Stuttgarter Robert Schrem beziehungsweise  ProS21Stream (Twitter) zu den Abrissarbeiten:

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Der Baggerfahrer, drei Bauarbeiter und zwei Sicherheitsleute der Deutschen Bahn sind Freitag früh hinter dem drei Meter hohen Bauzaun am Werk. Davor protestieren etwa 15 Stuttgart-21-Gegner. Als zwei Stunden vorher der Bagger und Lastwagen auf das Baufeld hatten fahren wollen, blockierten vier Personen die Zufahrt. Sie wurden von der Polizei weggetragen und wegen Verdachts auf Nötigung angezeigt. Außerdem sollen sie die Einsatzkosten zahlen.

Bis auf diese Störung blieb es am Zaun friedlich. Allerdings müssen sich die Bauarbeiter eine Weile Drohungen und gehässige Zurufe anhören: "Schämt euch", rufen einzelne Demonstranten durch den Zaun, oder: "Korruptes Pack!" Polizisten und Mitstreiter fordern zur Mäßigung auf: "Bauarbeiter können doch nichts dafür." Andere Demonstranten hauen mit Kunststoffrohren unablässig gegen den Zaun und machen Spektakel. "Wie in Wackersdorf", freut sich einer.

Die Abbrucharbeiten gehen trotzdem weiter. Mit einer hydraulischen Schere zerfetzt der Bagger die hölzerne Dachkonstruktion über der ehemaligen Post-Laderampe. Um 8.45 Uhr ist der Wetterschutz verschwunden. Im Laufe des Tages werfen Arbeiter weiteren Bauschutt aus dem schon ausgebeinten Inneren des Nordflügels durch zwei Fenster im obersten Stockwerk. Der Schutt landet in zwei großen Containern. Vor dem Bauzaun laufen Passanten und Bahnreisende vorbei und schauen den Arbeitern zu. Proteste gibt es tagsüber kaum. Erst am Abend soll weiter demonstriert werden, kündigen Plakate der Projektgegner an.

"Mit dem Abbruch des ,Dächles' will die Bahn suggerieren, man habe mit dem Abbruch des Nordflügels bereits begonnen", teilt das Aktionsbündnis gegen Stuttgart21 am Freitag mit. Das sei aber nicht der Fall. Aus diesem Grund habe man am Morgen auch nicht die "Alarmkette" ausgelöst. Mit der Nachrichtenkette über Internet und Handy kann das Bündnis in kürzester Zeit sehr viele Demonstranten mobilisieren.

Mit dem Abriss des Dachs solle offenbar der Eindruck erweckt werden, ein Protest sei nicht mehr sinnvoll, mutmaßt das Aktionsbündnis. Doch dieser "symbolische Akt" werde den Widerstand "nur verstärken".

Im Interview mit dieser Zeitung vom Freitag hatte OB Wolfgang Schuster (CDU) den Stuttgart-21-Gegnern den Dialog angeboten. "Das Gespräch mit dem OB sollte dringend stattfinden, wir sind immer dazu bereit", sagt am Freitagmorgen SÖS-Stadtrat Hannes Rockenbauch vor dem Bauzaun. Zuvor müsste es allerdings ein Moratorium für Stuttgart21 geben, denn "nur dann wäre es ein Gespräch auf Augenhöhe".

"Es ist bedauerlich, dass Herr Schuster die Signale in der Stadt nicht wahrnimmt", ergänzt Muhterem Aras, Chefin der Grünen-Fraktion im Gemeinderat. Ihr schwebt ein Dreischritt vor: erstens Moratorium, zweitens Offenlegung der Kosten-Nutzen-Berechnung des Bahnprojekts und drittens Bürgerbefragung zu Stuttgart21. "Falls die Mehrheit der befragten Bürger das Projekt ablehnt, kann die Stadt mit der Bahn über eine Beendigung von Stuttgart21 verhandeln", sagt Aras.

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