Von der einstigen Idylle um den Biergarten ist nicht viel geblieben. Foto: PPFotodesign.com

Biergarten von Sonja Merz grenzt direkt an die S21-Baustelle. Ihre Existenz sieht sie nicht bedroht.

Stuttgart - Schön ist anders. Selbst bei herrlichem Frühlingswetter wirkt der leer gefegte Mittlere Schlossgarten trist. Darunter leidet vor allem der Biergarten neben der Baustelle, einst ein lauschiges Plätzchen. Chefin Sonja Merz nimmt die Situation gelassen: „Man muss halt in die andere Richtung schauen.“

Stuttgart 21 verändert den Blick auf die Dinge. Vom Ausgang der Klett-Passage reicht er jetzt locker zum Planetarium, das ohne schützendes Grün wie eine riesige Pyramide wirkt. Die kahle Fläche dazwischen wirkt nicht gerade einladend. Das mag für Passanten bedauerlich sein, für den Biergarten von Sonja Merz, der direkt an die Baustelle grenzt, könnte die Lage in den kommenden Jahren zum echten Problem werden. Bereits beim Wasserwerfereinsatz am 30. September 2010 hatte der Biergarten unter seiner Lage gelitten und war ins Zentrum der Auseinandersetzungen gerückt.

Biergarten ist ordentlich besetzt

Statt wie früher gleich links abzubiegen, bleibt nur der Weg um den Bauzaun herum zum Planetarium. Rote Holzkreuze erinnern an jeden Ahorn und jede Platane, die für den neuen Tiefbahnhof weichen mussten. Dazwischen baumeln kleine Hinweisschilder, die Passanten Orientierung bieten sollen. „Zum Biergarten“, heißt es da. Dann geht es nach links über einen Trampelpfad zum Lokal. Ein kleiner Umweg gegenüber früher, der aber offenbar nur begrenzt abschreckende Wirkung hat.

Der Biergarten ist am Donnerstag zur Mittagszeit ganz ordentlich besetzt, Rentner, Touristen und Fahrradfahrer haben sich niedergelassen, nippen an einem kühlen Bier oder verdrücken einen Wurstsalat. Auf der Wiese daneben versammeln sich gerade Mütter mit ihren Babys zum Turnkurs. Sonja Merz, seit 14 Jahren hier Chefin, kommt hinter der Theke hervor und macht einen gut gelaunten Eindruck. Nein, als existenzbedrohend empfindet sie die Lage neben der Megabaustelle nicht – obwohl sie derzeit viele Anrufe erhält, in denen besorgte Gäste fragen, ob es den Biergarten überhaupt noch gebe. „Im Moment ist das Wetter toll, die Leute zieht es raus“, sagt sie. Der Saisonauftakt sei dank Sonnenschein und angenehmen Temperaturen ähnlich gut verlaufen wie im vergangenen Jahr.

„Die Zeltstadt hat auch Leute abgeschreckt“

Natürlich hat der Platz an Attraktivität eingebüßt. Auf zwei Seiten steht der Bauzaun. Zum Südflügel hin ragen die blauen Rohre des Grundwassermanagements empor. „Jetzt sieht man plötzlich diese brutalen Betonklötze“, sagt Sonja Merz und zeigt in Richtung Bahnhof, hinter dem sich das LBBW-Hochhaus erhebt. Ob deswegen aber die Gäste wegbleiben, vermag sie nicht zu sagen. „Die Zeltstadt hat im vergangenen Jahr auch Leute abgeschreckt – vielleicht sind die ja wieder da, wo es jetzt so aufgeräumt ist.“ Ein weiterer Lichtblick: Ins neu gebaute Innenministerium an der Willy-Brandt-Straße ziehen rund 700 Beamte ein, die zwar eine eigene Kantine haben, aber keinen Garten.

Um Augenschmerzen beim Blick in die Umgebung zu vermeiden, hat Sonja Merz 100 Bambusbüsche in Töpfen angeschafft und an den Seiten zum Bauzaun hin aufgestellt. „Wenn die Bäume jetzt noch grün werden, dann ist es nicht mehr so schlimm“, sagt sie. Auffallend sei, wie viele Eichhörnchen und Hasen sich plötzlich um den Biergarten herum tummelten. Die seien sicher auf der Suche nach einer neuen Heimat, nachdem die Bäume verschwunden sind, vermutet Merz. Noch nicht klar ist, ob die Leinwand zur Fußball-Europameisterschaft im Juni an der gleichen Stelle aufgestellt wird wie in vergangenen Jahren. Der Hintergrund mit Planetarium und Bauzaun bietet vor allem Tristesse. Deshalb könnten die Fans in diesem Jahr während der EM in Richtung Rosensteinpark jubeln.

Lärm kommt erst nach der Biergarten-Saison

Noch ist es auf der Baustelle relativ ruhig. Das wird sich in den kommenden Monaten ändern, wenn sich die Bahn an ihre Pläne für den Bau des Tiefbahnhofs hält. Für die Bauleistungen im Mittleren Schlossgarten gibt es detaillierte Vorgaben. So soll etwa die Baulogistik samt Straßen im August eingerichtet werden, wenn die Fläche komplett von den Hinterlassenschaften des Zweiten Weltkriegs geräumt ist. Teilweise parallel dazu folgt der Umbau des Gleisvorfelds. Hier wird ein neuer Querbahnsteig eingerichtet. Die Baugrube selbst wird erst gegen Ende des Jahres ausgehoben. „Damit ist zumindest diese Saison gerettet, was den Lärm angeht“, sagt Sonja Merz.

Wenn die Bahn den neuen Übergangsbahnsteig anlegt, wird auch ein Ausgang samt Steg in Richtung Schlossgarten gebaut. Dann kommen die Reisenden direkt am Biergarten vorbei. Ein weiterer Hoffnungsschimmer fürs Geschäft im Schatten der Baustelle .

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