Pfahlbau mitten in Stuttgart: Die ehemalige Bahndirektion wird derzeit zum großen Teil von 250 Bohrpfählen getragen. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Der Bodensee ist für seine Pfahlbauten bekannt. Doch auch in Stuttgart steht jetzt ein Gebäude auf Stelzen. 15 000 Tonnen Gewicht der alten Bahndirektion müssen abgefangen werden, um darunter Tunnel graben zu können.

Stuttgart - Der Anblick hat etwas Bizarres. Die frühere Bahndirektion an der Heilbronner Straße gegenüber dem Hauptbahnhof hat in den gut hundert Jahren ihres Bestehens schon einiges erlebt. Zuletzt etwa Amtsstuben als Ausweichdomizil fürs Rathaus, Interimsräume der Stuttgarter Universität, den Club Rocker 33 oder ein Gründerzentrum für die Kreativbranche. Auch den Abbruch des kompletten hinteren Teils des großen Gebäudes. Heute steht nur noch der denkmalgeschützte vordere Block. Doch dass man unter dem Haus hindurch zur ­Jägerstraße schauen kann, mutet wirklich außergewöhnlich an. Auf 250 Pfählen ruhen die altehrwürdigen Mauern neuerdings, ­darunter klaffen knapp zwei Meter Luft. Ein Gebäude auf Stelzen.

„Zwei Drittel der Bahndirektion schweben“, sagt Michael Pradel. Der groß gewachsene Leiter des Stuttgart-21-Bauabschnitts rund um den Hauptbahnhof passt beinahe aufrecht unter das Gebäude. „Wir stehen unter den Fundamenten. Der Boden war ­früher hier oben“, erläutert er und zeigt mit der Hand in die Höhe. Ringsherum stehen blau ummantelte Bohrpfähle, die mit Beton verfüllt sind. Von außen wirken sie angesichts der Masse des Gebäudes fast wie Zahnstocher. Und doch tragen sie den Großteil der geschätzt 15 000 Tonnen Gewicht.

50 Millionen Euro für den Erhalt

Die Bahn hat sich im Zuge der Bauarbeiten für Stuttgart 21 verpflichtet, den denkmalgeschützten Teil des vormals viel größeren Komplexes zu erhalten. Das war der Wunsch von Stadtverwaltung und Gemeinderat. Eigentlich steht die alte Direktion aber im Weg. Denn darunter entsteht die ­Zufahrt zum direkt angrenzenden neuen Tiefbahnhof. Nebenan, jenseits der Jägerstraße, wird ebenfalls schon am sogenannten Nordkopf gearbeitet, von dem aus sich ­künftig die Tunnel nach Bad Cannstatt und Feuerbach verzweigen.

Also musste ein Verfahren gefunden werden, wie sich das Tunnelbauwerk zwischen die weiter unten liegenden Röhren für die Stadtbahn und die Bahndirektion graben lässt. Und das ist enorm aufwendig. 50 Millionen Euro kosten die Maßnahmen unter dem Strich. „Wir erhalten den Denkmalschutz und gründen einfach das Gebäude noch mal tiefer“, sagt Pradel lapidar. Doch der Begriff „einfach“ wirkt angesichts des Vorhabens untertrieben, auch wenn es auf anderen deutschen Großbaustellen schon zur Anwendung gekommen ist.

Auf sechs Meter Länge und 40 Zentimeter Durchmesser bringen es die 250 Bohrpfähle, die jetzt das Gebäude tragen. Unter ihnen wird als nächster Schritt eine riesige Abfangplatte aus Beton gebaut – anderthalb Meter dick und 3000 Quadratmeter in der Fläche. Gleichzeitig werden ums Gebäude herum 36 Großbohrpfähle ins Erdreich getrieben und hydraulische Pressen eingebaut. Danach kommen die kleineren Pfähle wieder weg, nur die wenigen großen tragen die Platte mit dem Gebäude, um darunter Platz zu schaffen für eine acht Meter tiefe Baugrube. Dann wird unter der Bahndirektion noch mehr Luft sein als jetzt. Damit nichts nachrutscht, ist stellenweise Beton keilförmig in den Boden gepresst worden. Am Ende, wenn das Tunnelbauwerk fertig ist, soll das stolze Gebäude mitsamt der neuen Abfangplatte als Boden obenauf thronen.

Erdbebenputz für manche Innenwände

Dass dabei nichts schiefgeht, dafür sollen später nicht nur die hydraulischen Pressen sorgen. Sie gleichen mögliche Bewegungen aus. „Wir haben eine automatische Überwachung, die alle fünf Minuten kontrolliert, wie sich das Gebäude verhält“, sagt Pradel. Bisher habe es sich nur um wenige Millimeter bewegt, bedenkenlos möglich wären einige Zentimeter. Im Haus selbst waren keine großen Vorbereitungen nötig: „Dort haben wir nur einige Wände, die ­gefährdet waren, mit einem Erdbebenputz versehen, der die entstehenden Kräfte aufnimmt“, so der Abschnittsleiter.

Was später mit dem Gebäude passiert, ist noch offen. Seit Kurzem hat das Areal einen neuen Besitzer. Der Projektentwickler W2 mit Sitz in der Calwer Straße rechnet damit, das Gelände von 2019 an gestalten zu können. Vor einer Entscheidung über die künftige Nutzung soll ein städtebaulicher Wett­bewerb auch für die angrenzenden Bereiche stehen. Ein weiteres Erlebnis für die alte Bahndirektion. Das bizarrste hat sie dann wohl hinter sich.

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