Für die Bahnprojekte in Stuttgart und Ulm werden Tonnen von Erde und Geröll transportiert, hier etwa beim zweiten Tunneldurchschlag auf der Alb. Foto: Arnim Kilgus/Bahnprojekt Stuttgart–Ulm

Bei den Baustellen des Bahnprojekts Stuttgart 21 an verschiedenen Stellen der Stadt und am Albaufstieg wird jede Menge Erde und Gestein aus dem Erdinnern geholt. Doch was genau passiert mit diesen Erdmassen?

Stuttgart - Wer auf der Autobahn 8 nach oder aus Richtung München unterwegs ist, dem bieten sich auf Höhe des Albaufstiegs seit etwa eineinhalb Jahren imposante Blicke. Wie immer auf die herrlich geschwungenen Albausläufer, aber auch auf Berge der ganz anderen und besonderen Art: auf enorme, bis zu 17 Meter hohe Erderhebungen, die durch die Ausgrabung der Tunnel des Albaufstiegs im Rahmen des Großprojektes Stuttgart 21 aufgehäuft werden.

Rund 20 Millionen Tonnen Steine und Erde werden laut Projektbüro Stuttgart 21 auf der Neubaustrecke Wendlingen–Ulm aus dem Erdinnern herausgebohrt und gesprengt und auf Abraumhalden zwischengelagert. Nach Angaben des Projektbüros Stuttgart 21 waren bis Ende September 540 000 Tonnen an Erde und Steinen abtransportiert worden. „Wo genau der sogenannte Abraum deponiert wird, liegt nicht im Verantwortungsbereich der Deutschen Bahn, sondern das wird unmittelbar durch die Auftragnehmer organisiert“, berichtet ein Sprecher des Projektbüros.

Allein aus dem Steinbühltunnel kommen rund 3,5 Millionen Tonnen Steine und Erde, bei Hohenstadt werden dabei auf einer Fläche von 16 Hektar knapp zwei Millionen Tonnen dauerhaft in einer Seitenablagerung an der Autobahn abgelegt. Damit werden am Albauf­stieg fast genau so viel Boden aus dem Erdinnern s geholt, wie an den anderen Baustellen des Großprojektes zusammen, vornehmlich im Stadtgebiet von Stuttgart. „Im zentralen Logistikbereich Mitte fallen rund acht Millionen Tonnen Steine und Erde an, in den dezentralen Logistikbereichen Filder und Neckar werden zusammen rund zwölf Millionen Tonnen direkt durch die beauftragten Bauunternehmen entsorgt“, so der Sprecher.

Viel Erdaushub landet in Ulm

Doch wohin mit der guten Muttererde? Schließlich können die Berge nicht ins Unendliche wachsen. Und die Erdmassen können nicht einfach irgendwo abgelegt und gelagert werden. Also werden Lastwagen und Züge eingesetzt, um das ans Tageslicht geförderte Erdreich dahin zu befördern, wo es entweder niemanden stört oder wo es tatsächlich gebraucht wird. „Allein im vergangenen Jahr wurden insgesamt rund 80 Entsorgungsanlagen angefahren“, erklärt der Projektsprecher.

Dabei soll der Großteil des Erdaushubs, so jedenfalls der Plan der Deutschen Bahn, in nahe gelegenen Anlagen in Baden-Württemberg deponiert werden. Ein Fünftel der Gesamtmenge kommt auf ehemalige Kalihalden in Thüringen und Sachsen-Anhalt, die per Zug gut zu erreichen sind. Die im Süden ­Baden-Württembergs gelegenen Deponien nehmen derzeit 47 Prozent des Aushubs auf, in Schwäbisch Hall (mit dem Steinbruch Wilhelmsglück in Michelbach) lagern weitere 24 Prozent. Deponien in Thüringen und Sachsen-Anhalt beteiligen sich mit 20 Prozent, Ost-Baden-Württemberg mit fünf Prozent. Am wenigsten entfallen mit drei Prozent auf den Großraum Stuttgart und auf Saarland/Rheinland-Pfalz (zwei Prozent). „Aufgrund der Geologie sind die Anlagen in Thüringen und Sachsen-Anhalt auch für höher­ belastetes Aushubmaterial geeignet“, sagt der Sprecher.

Was nicht auf Entsorgungsanlagen kommt, wird zu anderen Zwecken eingesetzt. Etwa in Ulm, wo derzeit der Hauptbahnhof umgebaut wird. Hunderttausende Kubikmeter Bodenaushub erfüllen hier ihren Zweck. „Was auf der Alb gut ist, kann auch in Ulm nicht falsch sein“, findet Projektabschnittsleiter Stefan Kielbassa. Er ist bei der DB Projekt Stuttgart–Ulm GmbH zuständig für Albhochfläche, Albabstieg sowie den Umbau des Ulmer Hauptbahnhofs. Also türmen sich derzeit in Ulm auf dem Bahngelände unterhalb der Kienlesbergstraße große Halden von Felsaushub aus der Portalbaugrube des Albabstiegstunnels. „Das ist ganz hochwertiges Material, das gemäß ursprünglicher Planung zur weiteren Verwertung aus der Stadt abgefahren werden sollte“, betont der Projektleiter.

Gemeinsame Sache machen

Mindestens 5000 Kubikmeter Erde werden von der Stadt Ulm beim Straßenbau auf der Karl- und Neutorstraße benötigt. Und genau dieses Material müsste die Stadt eigentlich von weither aus Steinbrüchen anliefern lassen. „Das wären aber 1000 Lkw-Fahrten durch die Stadt. Daher haben wir uns darauf geeinigt, dass wir beim Bau gemeinsame Sache machen. Die Bahn lässt also­ ihre Überschussmassen nun direkt auf die benachbarte Straßenbaustelle bringen“, erklärt Kielbassa. Dieses Vorgehen senke die Kosten für beide Projekte und den CO2-Ausstoß beim Transport, entlaste den Straßenverkehr und bewahre Anwohner der ehemals geplanten Transportrouten vor allzu vielen Lastwagenfahrten durch die Stadt.

Neben den enormen Erdbergen an der Autobahn gilt es natürlich aber auch, die Massen in den am Projekt beteiligten Stuttgarter Stadtteilen zu entsorgen. Nach Angaben des Projektbüros fallen täglich etwa 5000 bis 10 000 Tonnen an Material an, zu Spitzenzeiten sogar bis zu 15 000 Tonnen. Der Erdaushub wird per Schüttgut-Lkw zu den Logistikflächen transportiert. „Zu Spitzenzeiten können wir auf diese Weise täglich bis zu 13 Züge an Erde verladen“, sagt der Sprecher. Auch hier sind die Dimensionen fast nicht vorstellbar, immerhin fasst ein solcher Zug etwa 1000 Tonnen, das entspricht der Füllmenge von etwa 40 Lastwagen.

Am 2. Juni des vergangenen Jahres war übrigens Premiere, als sich der erste Zug mit 1000 Tonnen an Bord auf den Weg machte. Seit diesem Tag sind weit mehr als 300 Züge auf die Deponien in Michelbach, Deißlingen, Niedersachswerfen, Sollstedt sowie Thale Nord gefahren und wurden dort entladen.

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