Stuttgart 21 Der neue Macher steht unter Zeitdruck

Von Michael Isenberg 

Seit 1. Juli Projektleiter von Stuttgart 21: Stefan Penn Foto: Piechowski
Seit 1. Juli Projektleiter von Stuttgart 21: Stefan Penn Foto: Piechowski

Der neue S-21-Projektleiter Stefan Penn will sich trotz Proteste voll aufs Bauen konzentrieren.

Stuttgart - Mit dem Abbruch des Südflügels am Hauptbahnhof, Baumfällarbeiten im Schlossgarten und der geplanten Volksabstimmung spitzt sich der Konflikt um Stuttgart21 bis Jahresende zu. Der neue Projektleiter Stefan Penn will sich trotzdem voll aufs Bauen konzentrieren.

Der Mann ist nicht so leicht aus der Fassung zu bringen. Ruhig und gelassen, fast stoisch, lässt Stefan Penn die Fragen der Journalisten am Donnerstag bei der offiziellen Vorstellung des neuen Projektleiters über sich ergehen. Man könnte meinen, der Streit, der das öffentliche und politische Leben in der Landeshauptstadt seit dem Baustart vor eineinhalb Jahren polarisiert, geht den Neuen nichts an. "Ich habe Genehmigungen", sagt er trocken. "Ich baue."

Der 44-jährige Bauingenieur sieht sich als Macher. Sein Job ist es, Stuttgart21 zum Jahreswechsel 2019/2020 betriebsfertig zu machen. Das heißt, dass 2018 der Rohbau mit dem neuen Tiefbahnhof im Zentrum, dem neuen Flughafenbahnhof und kilometerlangen Zulaufstrecken im Tunnel stehen muss. Daraus leiten sich die Terminzwänge ab, die das Zeitfenster schon jetzt immer enger machen, was dem "profanen Bauingenieur mit einem Faible für Großprojekte" (Penn über Penn) noch den Schweiß auf die Stirn treiben dürfte.

Abbruch des Südflügels "unabdingbar für Projektfortschritt

"Ende des Jahres muss ein großer Stapel der vorbereitenden Maßnahmen erledigt sein", sagt Penn. Dazu gehört der Südflügel, für dessen Abbruch er rund zwei Monate ansetzt, und die Fertigstellung des Grundwassermanagements (vier bis fünf Monate). In der nächsten Bauphase steht der Neubau des Technikgebäudes am Kurt-Georg-Kiesinger-Platz (drei Monate) und der Logistikstraße zwischen Hauptbahnhof und Nordbahnhof (drei bis vier Monate) an. Außerdem müssen während der vegetationsarmen Zeit zwischen Oktober und Februar die Bauflächen im Schlossgarten gerodet werden.

Falls der Abbruch des Südflügels erst im Januar 2012 beginnt, "wird es schwierig", meint Penn. Mehr sagt er dazu nicht. Die Aufgabe, den am Donnerstag erneuerten Vorstoß von Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) und dessen Stellvertreter Nils Schmid (SPD) für einen weiteren Baustopp bis zur Volksabstimmung zu kontern, übernimmt Projektsprecher Wolfgang Dietrich. "Man kann nicht ernsthaft über einen solchen Baustopp nachdenken, wenn gar nicht klar ist, ob und wann die Volksabstimmung kommt", schimpft Dietrich.

Der Abbruch des Südflügels sei "unabdingbar für den Projektfortschritt", betont Dietrich. Ein Baustopp sei nur auf Betreiben aller Projektpartner möglich; wobei die Bahn von einhergehenden Mehrkosten in Millionenhöhe freigestellt werden müsse, so Dietrich. Die Ungewissheit, ob die von der Koalition für Ende 2011 geplante Volksabstimmung rechtlich zulässig ist, kommt für Dietrich erschwerend hinzu. "Die Volksabstimmung ist ein Phantom", kritisiert er.

Gelegenheit für eine Sachdiskussion a la Penn

In seiner vorigen Stelle als Leiter des Großprojekts Karlsruhe-Basel hat Penn den viergleisigen Ausbau im Rheintal verantwortet. Mit den dortigen Bürgerinitiativen habe er einen "offenen Dialog" gepflegt, berichtet er. Dazu müsse man sich bloß gegenseitig respektieren. Für vergleichbare Kontakte zu den Projektgegnern in Stuttgart sehe er "bisher keine Gründe", sagt Penn. "Ich habe keine Scheu, mit Bürgerinitiativen über Sachfragen zu diskutieren. Meine Aufgabe ist es aber nicht, in Sachfragen deren Meinung zu ändern."

Gelegenheit für eine Sachdiskussion a la Penn könnte sich bei der öffentlichen Erörterung des Filder-Projektabschnitts Mitte 2012 ergeben. Noch dieses Jahr will Penn die in der Bürgerschaft umstrittenen Pläne offenlegen. Danach kommt dann der Termin, auf den Penn heute schon zusteuert: Im Herbst 2012 soll im Talkessel der zehn Kilometer lange Fildertunnel zwischen Hauptbahnhof und Filderebene angeschlagen werden. "Es gibt gewisse Zwangspunkte, irgendwann kann man Termine nicht mehr weiter zusammenschieben", sagt Penn.

Unter Kollegen gilt Penn als bodenständiger Typ, der viel Wert auf Teamarbeit legt. Kritischere Stimmen fragen sich, ob ein Chef, der noch kein Großprojekt von A bis Z durchgestanden hat, genug Erfahrung mitbringt. Wohnen wird der verheiratete Penn bis auf weiteres außerhalb von Stuttgart; eine Dreiviertelstunde Reisezeit im Zug entfernt. In seinem Heimatort sei er bisher nur einmal auf den neuen Job in Stuttgart angesprochen worden, und zwar beim Bäcker, erzählt Penn. Das dürfte sich bald ändern.

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