Karl Martell, evangelischer Pfarrer im Ruhestand (rechts), spricht auf dem Neuen Markt in Leinfelden über seine Einladung zum Filderdialog. Foto: Malte Klein

Die Bürger in Leinfelden-Echterdingen kämpfen mit Trillerpfeifen gegen den befürchteten Bahnlärm. Am Donnerstag treffen sie sich in Leinfelden zum 100. Schwabenstreich.

Leinfelden - Es ist exakt 19 Uhr – Zeit für den 98. Schwabenstreich. Claudia Moosmann, die Vorsitzende der Initiative Lebenswertes L.-E. und eine der Initiatorinnen des Protests, zählt runter. Dann ertönt ein ohrenbetäubender Lärm. Etwa 50 Frauen und Männer blasen in ihre Trillerpfeifen. Einige halten sich dabei ihre Ohren zu. Eine Minute später ist es wieder still.

Jede Woche treffen sich Gegner des Bahnprojekts Stuttgart 21 in der Ortsmitte von Leinfelden. Am morgigen Donnerstag, 21. Juni, gibt es um 19 Uhr den 100. Schwabenstreich. Derzeit wird vor allem gegen den geplanten Mischverkehr auf der S-Bahn-Trasse zwischen Rohr und dem Flughafen in Echterdingen protestiert. Dazu würde es nach den Plänen der Bahn kommen wenn auf den bestehenden Gleisen nicht nur S-Bahnen, sondern auch Regional- und IC-Züge aus Richtung Singen fahren würden.

Pfarrer Karl Martell will nicht zum Filderdialog

Nach dem Lärm ist Zeit für Argumente. Karl Martell, Pfarrer im Ruhestand aus L.-E., tritt ans Mikrofon. Dieser Schwabenstreich ist zwei Tage bevor der Filderdialog beginnt. Der 99. folgt zum Auftakt der Reihe am vergangenen Samstag. Martell sieht den Filderdialog kritisch: „Es kann nicht in drei Tagen verbessert oder nachgeholt werden, was in zehn Jahren nicht als genehmigungsfähige Planung gelungen ist.“ Er berichtet von seiner Einladung durch Gisela Erler, der Staatsrätin für Zivilgesellschaft und Bürgerbeteiligung des Landes, an dem Dialog teilzunehmen. „Ich habe ihr meine Rückmeldung der Nicht-Teilnahme geschickt“, sagt Martell. „Ich halte den Dialog für nicht sinnvoll bei den Zeitvorgaben.“ Wie Martell sind schon viele Redner beim Schwabenstreich in Leinfelden zu Wort gekommen. Selbst der heutige Ministerpräsident Winfried Kretschmann hat vor seiner Wahl auf dem Platz gesprochen.

Claudia Moosmann war bei fast allen Schwabenstreichen in L.-E. dabei. Sie kommt auf 96 Demonstrationen auf dem Neuen Markt. Michael Reich sorgt für die Tontechnik und hat 75 Mal demonstriert. Ingo Mörl von der Piraten-Partei L.-E. hat an gut 30 Protesten teilgenommen. „Im August 2010 hat der Schauspieler Walter Sittler dazu aufgerufen, auch im Umland Stuttgarts Schwabenstreiche ins Leben zu rufen“, sagt Moosmann. Im August 2010 gab es in L.-E. dann den ersten Schwabenstreich von Parteivertretern, Angehörigen von Bürgerinitiativen und anderen Einwohnern gegen den geplanten Tiefbahnhof in Stuttgart und die Schnellbahnstrecke nach Ulm.

Initiative befürchtet Erschütterungen und Lärm

„Für mich ist Stuttgart 21 seit 1997 ein Thema“, sagt Moosmann. „Für die Filder bringt das nur Verschlechterungen. Schnell kam dann unser Slogan ‚Kein ICE durch L.-E’. Der sagt alles aus.“ Aus dem ICE ist ein IC geworden, weil der ICE nicht mehr zwischen Stuttgart und Zürich fährt. „Wenn der Mischverkehr kommt, befürchten wir Erschütterungen etwa in der Goethe- und der Markomannenstraße“, sagt Moosmann. Es könne dann sein, dass Häuser Risse bekommen und es zu einer Wertminderung kommt. Moosmann zufolge würden beim Mischverkehr schwerere und höhere Züge durch L.-E. rollen. Sie rechnet dadurch mit mehr Bahnlärm. Wie es ist, wenn normale Züge über die Strecke fahren, weiß sie. „Eine Schule bestellt manchmal Züge für einen Ausflug.“

„Man kann zwar Lärmschutzwände aufstellen. Aber was ist, wenn der Schall reflektiert wird?“, sagt Ingo Mörl. Er befürchtet auch einen schlechteren S-Bahnverkehr durch mögliches Fahren auf Sicht bei dichtem Verkehr. Durch den gemeinsamen Protest sind Freundschaften entstanden. „Wir wollen mit unserem Schwabenstreich die Bürger sensibilisieren. Wir machen so lange weiter, bis unsere Forderungen erfüllt sind“, sagt Moosmann.

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