Arbeiten im Tunnel unter dem Kernerviertel Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Die Projektkritiker sehen gravierende Mängel in den S-21-Röhren, das Eisenbahn-Bundesamt widerspricht. Für Bauingenieur Günter Osthoff ist der Durchschlag unterm Kernerviertel so etwas wie der Schlusspunkt seiner beruflichen Karriere.

Stuttgart - Das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 hat sich vor kurzem mit eindringlichen Warnungen zu Wort gemeldet und zieht die Sicherheit in den langen Tunneln rund um den neuen Bahnhof massiv in Zweifel. Nachdem sich Kritiker des Milliardenvorhabens gerichtlich Zugang zu bislang unter Verschluss gehaltenen Unterlagen erkämpft hatten, kommen sie zu einem eindeutigen Ergebnis.

 

Sie kritisieren zu kurz kalkulierte Evakuierungszeiten, allzu optimistische Prämissen und eine Vielzahl nicht berücksichtiger Einschränkungen, die die Rettung erschweren würden. Eisenhart von Loeper, der Sprecher des Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21, kommt zum Schluss: „Die Bahn baut hier einen Todestunnel, und sie hat Politik und Öffentlichkeit massiv über die Risiken der S-21-Tunnel getäuscht.“ Wenn nicht das Eisenbahnbundesamt, regelwidrige Sondergenehmigungen erteile, könne es unter den gegebenen Bedingungen niemals eine Betriebsgenehmigung geben, urteilt Wolfgang Jakubeit von der Gruppe „Ingenieure 22“, der die Akteneinsicht eingeklagt hatte.

Durchschlag unterm Kernerviertel ist der Schlusspunkt

Die angesprochene Behörde, das Eisenbahn-Bundesamt (Eba), hat allerdings eine andere Sicht auf die Dinge – zumindest was den Fildertunnel, den mit 9,4 Kilometer längsten Tunnel bei Stuttgart 21, betrifft. Der sei „entsprechend den anerkannten Regeln der Technik geplant“, teilt die Behörde schriftlich mit. Sie verweist auf die Vorgaben der europäischen Richtlinie zur „Sicherheit in Eisenbahntunneln“ sowie die eigenen Regelwerken, in denen die „Anforderungen des Brand- und Katastrophenschutzes an den Bau und den Betrieb von Eisenbahntunneln“ festgehalten sind und die dem 2005 abgeschlossenen Genehmigungsverfahren zu Grund gelegen haben. Würden bauliche Vorgaben und betriebliche Anforderungen eingehalten, so sei „sichere Führung des Eisenbahnbetriebs gewährleistet“.

Der Mann, der an maßgeblicher Stelle dazu beigetragen hat, dass im Fildertunnel über die „die Führung des Eisenbahnbetriebs“ irgendwann einmal möglich sein soll, heißt Günter Osthoff. Die neuerlichen Vorwürfe mag er nicht kommentieren. Der Bauingenieur ist bei Stuttgart 21 für sämtliche Tunnel zwischen Innenstadt, Unter- und Obertürkheim sowie der Filder verantwortlich. Mit dem Ende des Vortriebs im Fildertunnel Mitte vergangener Woche hat der Sauerländer seinen zehnten Tunneldurchschlag bei Stuttgart 21 begangen – wegen Corona in sehr ausgesuchter Runde. „Das ist jammerschade, so einen Moment kann man nicht wiederholen“, sagt Osthoff.

Zum Bedauern dürfte beitragen, dass der Durchschlag unterm Kernerviertel für ihn auch so etwas wie der Schlusspunkt ist. Noch bis Ende Juli ist der 65-Jährige in Stuttgart tätig, dann geht er in den Ruhestand. Die letzten Meter seines Berufslebens hatten es noch mal in sich. Teilweise trennten die Oberkante seines Tunnels und die Keller der darüber liegenden Häuser nur wenige Meter. Diese geringe Überdeckung blieb nicht folgenlos. Gebäude im Kernerviertel sind beschädigt, ein Hausteil musste abgerissen werden. Sein Verhältnis zu den so geplagten Anwohnern sieht Osthoff aber in Takt. „Wir haben immer das offene Gespräch gesucht“.

Sein erstes Projekt war ein Wasserkraftwerk im Irak

Seit 2014 ist er in Stuttgart. Als Bauingenieur kam er zuvor weit herum. Sein erstes Projekt nach der Universität war ein Wasserkraftwerk im Irak. Aber auch am neuen Fußballstadion auf Schalke hat er mitgebaut. Stuttgart 21 war seine erste Station in Baden-Württemberg. „Das kannte ich bis dahin nur vom Durchfahren“, sagt Osthoff. Dort nochmals sechs Jahre dran zu hängen, war nicht sein Plan gewesen. Dass er nicht jedes Wochenende nach Hause gefahren ist, lässt sein Bekenntnis zur Schönheit des Südwestens glaubhaft klingen. „Das ist hier eine tolle Landschaft, schöne kleine Städte und mit viel Geschichte“, sagt er.

Ganz zu Ende ist der Tunnelbau im Osthoffs Abschnitt freilich nicht. Kräftiger Wasserandrang hat den Tunnelbau Richtung Obertürkheim bereits 2019 zum Erliegen gebracht. Mittlerweile ist die Methode geklärt, mit der es weiter gehen soll und auch die notwendige wasserrechtliche Genehmigung zum Weiterbau liege vor. Dass er die knapp 1200 verbleibenden Meter Tunnelbau dort nicht mehr als Verantwortlicher begleitet, scheint Osthoff verschmerzen zu können.

Schon vor seiner beruflichen Nachspielzeit in Stuttgart hatte er sich für ein Studium in Münster eingeschrieben. „Katholische Theologie, da nimmt man den jungen Menschen keinen Studienplatz weg“, sagt er und grinst. Auf die leichte Schulter nimmt er die neue Herausforderung an der Universität aber nicht. Erste Philosophieprüfungen hat er bereits abgelegt, ehe er noch mal den Bauhelm genommen hat. Seitdem zahlt er seine Studiengebühren. Zum einen will er an die Uni zurück. Und zum anderen ist dieser Status mit unbestreitbaren Vorteilen verbunden. „Mit dem Studentenausweis ist der Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt in Münster 50 Cent billiger“.