Am Dienstag haben mehrere hundert Menschen gegen den Baustart des Tiefbahnhofs im Zuge von Stuttgart 21 demonstriert. Foto: Benjamin Beytekin

Die Bauarbeiten zum Tiefbahnhof bei Stuttgart 21 sind am Dienstag gestartet. Parallel kamen Gegner des Projekts zusammen. Es kam zur Blockade der Baustelle, einer Menschenkette und den bekannten "Oben-bleiben-Rufen".

Die Bauarbeiten zum Tiefbahnhof bei Stuttgart 21 sind am Dienstag gestartet. Parallel kamen Gegner des Projekts zusammen. Sie hatten für den ganzen Tag verschiedene Aktionen des Protests angekündigt.

Stuttgart
- „Oben bleiben“ ist am Tag des Baustarts für den Tiefbahnhof Stuttgart 21 der Slogan der Projektgegner. Zwischen 500 und 700 von ihnen haben am Dienstag Transparente aus der mehr als vierjährigen Geschichte des Protestes mitgebracht. Ihre Argumente reichen von einer Gefährdung der Mineralwasservorkommen bis hin zum fehlenden Brandschutzkonzept und Platzproblemen auf den Bahnsteigen. Ungeachtet der anhaltenden Kritik verfolgt die Bahn als Bauherrin das Ziel, dass die ersten Züge 2021 in den unterirdischen Bahnhof einrollen.

Die Stimmung am Bretterzaun, der die Demonstranten von der Grube für den 900 Meter langen Bahnhofstrog trennt, ist entspannt: eine Band spielt, es gibt Butterstullen, die Demonstranten begutachten ihre Banner; die Zusammenkünfte der oft älteren Stuttgart-21-Gegner haben auch immer eine soziale Komponente.

360-Grad-Rundblick vom Bahnhofsturm über die Großbaustelle:

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Viele Menschen haben sich in Grün gekleidet - Grün als die Farbe der Hoffnung. Denn sie glauben noch, dass sie das bis zu 6,5 Milliarden Euro teure Vorhaben kippen und das Konzept des modernisierten Kopfbahnhofs aus den 1920er Jahren durchdrücken können. Doch die Wahrscheinlichkeit, dass dies passiert, nimmt mit dem Anstich des futuristischen Tiefbahnhofs am Dienstag rapide ab.

Die Deutsche Bahn schafft damit Fakten - ein 900 Meter langer Bautrog, acht Bahngleise und vier Bahnsteige entstehen unter der Erde. Davon verspricht sie sich Verbesserungen im Fern- und im Regionalverkehr. Die Kosten sind auf bis zu 6,5 Milliarden Euro gestiegen, noch vor Jahren hatte die Bahn mit höchstens 4,5 Milliarden Euro kalkuliert. Hinzu kommen rund 3,3 Milliarden für die Neubaustrecke.

Gegner befürchten noch mehr Kosten

Demonstranten wie Monika Diez, die am Dienstag zum Schlossgarten gekommen ist, befürchten weitere Kostensteigerungen bis zu zehn Milliarden Euro. Genau da, wo sie heute mit ihrem Transparent steht, versuchte die Polizei Ende September 2010 den Widerstand zu brechen und verletzte mit Wasserwerfern einige Demonstranten schwer.

Noch heute ist die Wut auf die Politik zu spüren. „Herr Kretschmann, stoppen Sie die verfassungswidrige Finanzierung von Stuttgart“ steht auf dem Transparent von Wolfgang Lenz. Er wirft dem baden-württembergischen Regierungschef Wortbruch vor, denn er habe vor der Landtagswahl 2011 zugesagt, die Mitfinanzierung des Bahnprojektes durch das Land überprüfen zu lassen. Doch der Stuttgart-21-Gegner Kretschmann beruft sich stets darauf, er müsse das Votum der Mehrheit bei der Volksabstimmung für den Weiterbau des Bahnhofs respektieren.

Bruno Baumann schließt sich an diesem Morgen dem Protest an, weil er die Lebensqualität der Stadt in Gefahr sieht. Er blickt auf die Erdhügel und die Baumaschinen, dort, wo die „wunderschöne Landschaft“ mit den alten Platanen den Stuttgartern einst als Erholungsoase diente. Andere Demonstranten sorgen sich um die Gesundheit der rund 600.000 Einwohner der Schwaben-Metropole. „Die Bahn beschert Stuttgart: Asthma für alle“, ist auf einem Poster zu lesen. Die fast hundert Lastwagenfahrten mit dem Bauschutt pro Tag werden die Werte in der feinstaubgeplagten Landeshauptstadt weiter in die Höhe treiben, befürchtet Baumann.

Die Bahn hat sich in all den Jahren mit dem Protest abgefunden. „Es wäre ungewöhnlich, wenn es ihn nicht gäbe“, gibt Projektsprecher Wolfgang Dietrich lakonisch zu Protokoll.

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